Im Bett oder: Tag des Karpfens

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Es war Sonntag, Tag des Karpfens oder Karpfentag, wie man hier sagt. Der Teich neben dem Dorfanger war schon abgelassen, als wir hinkamen. Kein Wasser mehr drin. Ein Schwan stand dort im Matsch und konnte es nicht fassen, dass das Wasser weg war. Wütend schlug er mit den Flügeln als wollte er sagen: „Das ist doch nicht euer Ernst, Alter!“
Der Teichgrund bestand aus einer dicken Schlammschicht und war mit Abdrücken übersät, die in ihrer Form an Fische erinnerten. Am Morgen fand hier das Schaufischen statt. Tonnenweise Karpfen wurden hier abgefischt. Einige davon waren jetzt zu Suppe verarbeitet oder räucherten im Ofen bei 70 Grad vor sich hin.

Im Schlamm spielten ein paar Kinder Matschwerfen. Samuel-Orson und Lilith-Sardine, die wir der Einfachheit halber einfach nur Sam und Lili nannten, hatten ihre bunten Stiefel an und rannten zu den anderen Kindern, um sich an der Matschschlacht zu beteiligen. Das war Tradition. Seit vielen Jahren war diese Matschlacht Tradition. Seit der Karpfenteich e.V. jedes Jahr zur Abfischsaison ein Fest veranstaltete.
Ich und Lena, meine Angebetete, holten uns Fischsuppe und setzten uns an eine der Biertischgarnituren. Lena hatte ihre roten Stiefel an, die bis über die Knie reichten. Ich nenne sie immer „Pornostiefel“, weil ihre Stiefel die Blicke sämtlicher Männer auf sich ziehen. Aber nicht nur IHRE Stiefel waren es, die bewundert wurden. Jemand an unserem Tisch machte MIR ein Kompliment, wie gut mir mein neues Karpfen-Tattoo stehen würde. Es passe sehr gut zu meiner Hautfarbe. Und natürlich zum heutigen Karpfentag. Lena hatte das Tattoo für mich ausgesucht. Vorige Woche brachte ich es endlich über mich und vereinbarte beim Dorfstecher einen Termin. Ich bezahlte mit einem Gutschein. Den hatte ich von meinen Schwiegereltern zu Weihnachten bekommen. Und jetzt war schon August. Bald gab es den nächsten Gutschein. In zwei Wochen hatte ich Geburtstag. Lena stand auf Tattoos, sie hatte welche auf ihrer Wade und auf den Armen. Und eines am Hals. Ein großes T oder so. Vielleicht war es auch ein missglücktes Kreuz oder eine Reißzwecke, die auf dem Kopf steht.

Lena teilte die Tattoo-Begeisterung mit ihren Eltern. Die waren beide auch tätowiert. Ihr Vater trug sogar ein Tattoo im Gesicht – einen chinesischen Drachen, der sich in den Schwanz beißt. Man sah den Drachen nur, wenn sich Lenas Vater den Vollbart abrasierte. Als Lena mich ihren Eltern damals vorstellte, war das erste, was ihrem Vater an mir auffiel, dass ich nicht tätowiert war. Im Gegensatz zu meinem Vorgänger, der sogar eine eigene Tätowiermaschine besaß. In diesem Sinne müsste man sagen, dass ich und Lena eigentlich nicht zusammenpassten. Uns verband aber etwas anderes. Gegenseitige Abhängigkeit. Naja. Manche sagen, Lena sei nicht unbedingt mit dem schönsten Körper gesegnet. Aber für mich ist sie hübsch und stellt alle meine vorangegangenen Beziehungen in den Schatten. Kurze Beine. Ein schönes Gesäß. 123 Kilo. Und sie trägt immer diese lustige Kurzhaarfrisur mit den roten Strähnchen. Das ist schon etwas Besonderes, wie ich finde, jedenfalls dort, wo ich herkomme. Um das Verhältnis zu meinen Schwiegereltern von Anfang an auf eine solide Basis zu stellen, ließ ich mir diesen Tattoo-Gutschein von ihnen schenken. Was ich jedoch damals nicht bedacht hatte ist, dass so ein Tattoo weniger Körperschmuck, sondern eine Lebenseinstellung ist. Für mich fühlt sich mein Tattoo immer wie eine Verkleidung an. Im tiefsten Innern bin ich noch untätowiert und so nackt wie mich Gott geschaffen hat. Ich bin eigentlich kein Freund von Entscheidungen, die sich nicht rückgängig machen lassen. Irreversible Entscheidungen haben für mich etwas Endgültiges, wie der Tod. Außerdem: ein Tattoo ist wie ein offenes Buch. An ihm kann man ablesen, was für eine Art Mensch man ist. Das will ich nicht. Ich bin lieber ein Krakentier, das im Meer schwimmt, sich treiben lässt und seine Farbe wechselt wie es ihm gerade passt.

Sam kommt über und über mit Schlamm beschmutzt an unseren Tisch und lässt sich von Lena die Ärmel hochkrempeln. Er hat gehört, dass jemand mein Karpfen-Tattoo gelobt hat und fragt: „Krieg ich auch eins?“
„Nein“, sage ich.
„Jetzt noch nicht“, berichtigt mich Lena.
„Aber die Lucifer-Lopez aus meiner Klasse hat auch schon eins“, sagt Sam. „Einen Fuchs. An der Backe.“
„An der Backe?“, frage ich.
„Ja, am Arsch.“
„Die ist aber auch schon acht, Sam“, sagt Lena. „Da musst du erstmal noch ein ganzes Stück wachsen.“
„Ich bin auch bald acht.“
„Wir warten, bis es soweit ist. Und dann suchen wir für dich einen schönen kleinen Arschanker aus“, sage ich.
„Ich will aber keinen Anker. Ich will einen Frosch“, erwidert Sam.
Ich erinnere mich noch, wie ich mit meinem Vater damals eine ähnliche Diskussion hatte. Es ging um einen Ohrring. Ich war zehn und der erste in meiner Klasse, der so ein Ding tragen durfte. Ich trug ihn genau zwei Wochen. Dann hatten alle Jungen in meiner Klasse einen und einige hatten sogar zwei, nebeneinander, und ich warf meinen weg.
Jetzt kam Lilli auch zum Tisch. Sie hatte etwas Glitschiges in den Händen und warf es auf den Tisch. „Hier, die wollten gerade ficken.“ Zwei Frösche hüpften panisch zwischen den Tellern herum. Einer der Frösche landete in der Suppe eines Opas, der mit an unserem Tisch saß. Lena schimpfte Lilli aus. Dicke Tränen kullerten über ihre Wangen. Ich nahm einen Löffel und fischte den Frosch aus der Suppe. „Jetzt haben Sie Froschsuppe“, sagte ich. „Entschuldigen Sie vielmals.“ Der Opa prostete mir zu. „Alles halb so wild. Sind doch nur Kinder!“ Das nur gab mir zu denken. Was, wenn es nun ich gewesen wäre, der für diesen Frosch auf seinem Teller verantwortlich gewesen wäre? Manchmal fürchte ich mich vor den Ureinwohnern hier.

Die Kinder kehrten zur Schlammschlacht zurück. Ich kam unterdessen mit dem Froschsuppen-Opa ins Gespräch. Wir unterhielten uns über den neuen Bürgermeister, der einen Gasthof zu einer Flüchtlingsherberge umbauen lassen wollte. „Wenn er das macht“, sagte der Opa, „dann ist Polen offen.“
Dann verstummte er plötzlich. Mehr wollte er nicht sagen, jedenfalls nicht in meiner Gegenwart. Mir war bekannt, wie die Leute hier tickten. Die Stimmung war angespannt und düster. Eigentlich verwunderlich, dass mein Laden bisher heil geblieben ist. A Propos, mein Laden. „Übrigens, ich hab vor Kurzem einen Laden aufgemacht“, sagte ich, um ein bisschen Werbung zu machen.
„Ach, Sie sind derjenige, der in den Handelshof eingezogen ist? Davon hab ich schon gehört. Wie läuft denn Ihr Laden?“, fragte der Opa.
Ich konnte mich nicht beklagen. Ich hatte mich auf Waren spezialisiert, für die hier in der Gegend ein erhöhter Bedarf besteht.
Lena hatte von einem Betrunkenen am Nachbartisch – einer Chimäre aus Karpfen und Kuh – einen Karpfen, aber leider keine Kuh geschenkt bekommen. Der Karpfen lebte noch. Ich war ein wenig eifersüchtig. Lena wollte mir später weismachen, sie kenne den Betrunkenen noch aus der Schule, es sei ihr ehemaliger Schulkamerad, ein gewisser Torsten T. Der Mann sah mindestens zwanzig Jahre älter aus als sie. Sein Bart war komplett weiß und seine Nase war gebrochen. Aber das schien Lena nicht zu stören. Sie kicherte, als sei sie noch zu haben.
Sam und Lilli kamen mit einer neuen Ladung Frösche zurück. „Die wollten alle miteinander ficken“, sagte Lilli vorwurfsvoll und schüttelte ihren Kopf. „Ist das normal?“
„Keine Ahnung“, erwiderte ich. „Vielleicht ist jetzt gerade Paarungszeit.“
„In der Kita haben sie gesagt, dass Ficken unanständig ist.
Ficken Menschen eigentlich auch?“, fragte Lilli.
„Selten“, sagte ich und sah Lena böse an. Und die sah mich böse an. Sam sagte: „Aber Klaro. Die ficken ständig. Ich hab sie schon mal dabei erwischt.“
Sam und Lilli sind nicht meine Kinder. Lena nennt sie manchmal Altlasten. Ich kann froh sein, dass sie mich nicht mit dem Nachnamen anreden. Sie sind beide ziemlich lebhaft und können ganz schön aufmüpfig sein. Vielleicht war das mit dem Heiraten doch keine so gute Idee, denke ich. Seit wir das gemacht haben, sehen uns alle seltsam an und bei uns ist irgendwie die Luft raus. Aber auf dem Dorf ist Heiraten nun mal Tradition. Und ohne solcher dörflicher Traditionen wäre mein Laden wahrscheinlich nie zum Laufen gekommen. Ich wäre arbeitslos. Niemand will mich hier einstellen.
Manchmal träume ich davon, wieder zurückzugehen. Zurück in mein Dorf am Weißen See und da von vorn anfangen. Fische fangen, wie es mein Vater früher getan hat, als es dort noch Fische gab.

„Kommst du nochmal mit in den Teich?“, fragte mich Sam mit großen Augen. Lilli und er steckten mit den Augen schon wieder halb im Matsch. Ich sehe Lena an und die sagt: „Von mir aus!“ Ich denke daran, wie dieser Abend enden wird. Heute ist Sonntag. Lena wird mir einen runterholen. Sie macht es immer auf die gleiche Art und Weise wie ein mechanisches Gerät. Ich frage mich, ob sie mit ihren Kollegen manchmal über uns spricht. Frauen machen sowas. Die wollen wissen, wie das so ist, mit einem Schwarzen im Bett.
Ich sprang Sam und Lilli hinterher in den Matsch. „Schlammschlacht!“, rief ich und noch ehe ich ordentlich austeilen konnte, war ich schon über und über mit Schlamm beklebt. Es machte verdammt viel Spaß die Kinder mit Schlamm zu bewerfen und noch mehr Spaß machte es, wenn ich einen der beiden traf. Lena stand am Ufer und rümpfte die Nase, als wolle sie sagen: „Och, bitte. Wir sind hier doch nicht unten in Afrika.“
Irgendwann sagte sie: „So, wir gehen!“
„Bittebitte“, rief Lilli, „können wir nicht noch bisschen bleiben. Wir wollen doch sehen, wie die Frösche ficken.“ Sie sah mich an und es tat mir leid, dass ich nichts für Lilli tun konnte. „Frag deine Mama“, sagte ich.
„Nein. Die haben jetzt fertig gefickt“, sagte Lena.

Gemeinsam schlenderten wir die Dorfstraße entlang – Lilli und Sam an Lenas Hand, an je einer, und ich hinterher. Wir gingen an meinem Laden vorbei, bzw. eigentlich war es nicht wirklich mein Laden. Er war Lenas Idee. Es war Sonntag, aber ich hatte die Schaufensterläden offen stehen lassen, damit sich jeder die neuen Modelle ansehen konnte. Seit vorgestern habe ich eine Winchester bei mir ausgestellt. Aber die ist nur eine Attrappe, um mehr Menschen in meinen Laden zu locken. Niemand kauft eine Winchester. Die meisten kaufen Klappmesser und Ninjasterne oder Schreckschusspistolen oder Kleinkaliber. Das Geschäft entwickelt sich.
Dann sind wir am alten Schloss und spielen mit der Vogelscheuche, die dort im Park wegen der Stare aufgestellt ist. Am Abend gibt es Karpfen und später, als die Kinder im Bett sind, kommt Tatort und der Abend endet, wie jeden Tag, da wo er begonnen hat. Im Bett.

(Premiere bei Sax Royal am 09.02.17)

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Sonnenallee

Als bei mir das Geld mal wieder knapp wurde, musste ich mir einen Job suchen, zumindest vorübergehend, denn ich war nicht sonderlich scharf darauf, arbeiten zu gehen. Vor kurzem hatte mir ein Lesebühnen-Kollege, dessen Name hier nicht genannt sein darf, erzählt, dass er schon als Kind immer gehofft habe, nie in seinem Leben arbeiten gehen zu müssen, und er hat sich diesen Wunsch erfüllt. Er ist ein bekannter Kolumnist geworden – was nicht heißt, dass das keine Arbeit wäre. Aber es gibt Arbeit, die richtige Knochen-Arbeit ist und Arbeit, die auch noch Spaß macht. So eine Arbeit suchte ich auch, und so meldete ich mich auf beinahe fünfzig Anzeigen und schrieb immer: ich suche eine Arbeit, die Spaß macht, und erhielt – wenn überhaupt – nur Absagen.

Am Ende war ich so verzweifelt, dass ich mich in einer kleinen Elektroboutique, die genauso hieß, auf der Sonnenallee bewarb. Der Laden führte Handys, MP3-Player und Fernseher. Im Schaufenster meiner Elektroboutique stand ein Skelett, wobei nicht klar war, in welchem assoziativen Zusammenhang ein menschliches Skelett und dieser Laden zueinander standen. War das ironisch gemeint? Von wegen elektrischer Strom ergo Steckdose ergo Finger-in-Loch ergo Stromunfall, oder gehörte das Skelett vielleicht noch zu einem Vorgänger-Laden, einer Apotheke vielleicht? Hatte mein Chef nur vergessen die Schaufensterdeko zu entfernen? Das kam ja in Berlin oft vor. Ich erinnere mich noch an ein Seminar für Selbständige, das ich mal irgendwann als Maßnahme vom Jobcenter besuchen musste. Da hieß es: Was ein Geschäft am allerdringendsten braucht, ist ein Schaufenster. Das erzählte der Seminarleiter, nachdem eine junge Mutter einen Laden für Babyklamotten in ihrer Privatwohnung im achtzehnten Stock eines Plattenbaus in Marzahn aufmachen wollte. Außerdem bläute man uns dort ein, dass es nicht nur wichtig war, ein Schaufenster zu besitzen, sondern dass das Schauobjekt im Schaufenster und das, was man in seinem Laden verkaufen wollte, einen erkennbaren Bezug zueinander haben sollten. Das galt natürlich nicht für Neukölln! In ein Geschäft mit einem Schaufenster, was zu normal aussah, ging dort niemand rein. Einem Döner ohne Terrarium mit halb verwester toter Vogelspinne im Schaufenster, blieben dort glatt die Kunden weg. Es waren vorwiegend Leute aus dem Kiez, die hier vorbeikamen – meistens in ihren Hauslatschen oder im Bademantel. Wenn man in der Sonnenallee wohnte, da gehörte ja die Straße im Grunde noch zur eigenen Wohnung. Da musste man sich nicht extra schick machen. Und es störte auch niemanden. Es gab hier sowieso nur zwei Sorten von Menschen: Hipster oder Freaks, wobei man nie genau wusste, wer welchem Lager angehörte.

Ich kriegte den Job. Doch mein erster Kunde war zugleich auch mein letzter. Optisch anzusiedeln zwischen dem Dude aus The big Lebowsky und Donald Trump.
„Hallo. Ich hätte gerne einen Adapter, mit dem ich meinen USB-Schtick aufladen kann.“ Er sagte wirklich „Schtick“!
„Ein USB-Stick muss nicht aufgeladen werden“, erwiderte ich hübsch lächelnd. Das tat ich schon ganze fünf Sekunden lang und jetzt taten mir schon die Gesichtsmuskeln weh. Wie wollte ich das den ganzen Tag durchstehen?
„Meiner schon. Ich will ja damit Musik hören.“
„Sie können mit einem USB-Stick keine Musik hören. Sie meinen wahrscheinlich einen MP3-Player.“
„Nein, einen USB-Stick.“
„MP3-Player?“
„USB-Stick.“
„Ok, wenn Sie alles besser wissen. Warum stecken Sie Ihren USB-Stick dann nicht einfach an die USB-Buchse in ihrem Computer an, so können Sie ihn aufladen, wenn Sie glauben, dass er aufgeladen werden muss.“
„Mein Computer hat keine USB-Buchse. Der hat gar nichts. Der läuft mit Solar.“
„Solar? Sie meinen einen Taschenrechner?“
„Computer!“
„Taschenrechner?“
„Meine Oma hat gesagt, ich brauche einen Adapter, um meinen USB-Schtick aufzuladen, bevor ich via Bluetut Musik auf meinen Computer abspielen kann.“
„Bluetut? Wenn Sie meinen, dass Ihre Oma kompetenter ist als ich – ein Verkäufer einer Elektroboutique …“
„Meine Oma hat immerhin den Krieg mitgemacht.“
„Schön für Sie. Aber als Ihre Oma für den Führer ganz vorn an der Front stand, gab es noch keine USB-Sticks und auch kein Bluetooth.“
„Meine Oma war nicht an der Front. Es sei denn, Sie meinen die Küchen-Front.“
„Ist doch Wurscht. Wollen Sie nun irgendwas oder wollen Sie nichts?“ Mein Gesicht fühlte sich schon ganz verkrampft an, weil ich immer noch lächelte.
„Wie ich schon sagte. Ich brauche einen Adapter, um meinen USB-Schtick aufzuladen.“
„Ich würde sagen: Dann nehmen Sie einfach diesen hier, damit kann man einen MP3-Player aufladen.“ Ich gab ihm einen Adapter, den ein Kunde zurückgebracht hatte, weil er defekt war.
„Passt der auch für USB-Schticks?“
„Naja. Zumindest passiert nichts, wenn Sie ihn anstecken. Er ist defekt. Den schenke ich Ihnen.“
„Aber wird mein USB-Schtick dann auch richtig aufgeladen?“
„Da wird gar nichts aufgeladen, es sei denn Sie stecken sich den Adapter in den Arsch.“
„Na, der ist bei mir schon besetzt … Kennen Sie zufällig ein Geschäft in der Nähe, wo es Adapter zum Aufladen von USB-Schticks gibt?“
„Warum fragen Sie nicht einfach mal nebenan beim Herrenfriseur?“, sagte ich.
„Und die haben solche speziellen Adapter also?“
„Also eher noch als wir.“

Kurz darauf wurde ich von meinem Vorgesetzten gefeuert. Ich hätte dem Mann auf jeden Fall etwas verkaufen müssen. Wenigstens einen MP3-Player. Der hätte alles gekauft. Sogar einen Fernseher. Der war doch vollkommen bekloppt. Da muss man halt mal ein bisschen kreativ sein.“
„Aber ich dachte doch …“, sagte ich.
„Fürs Denken werden Sie hier nicht bezahlt. Ein Verkäufer denkt doch nicht. Ein Verkäufer handelt instinktiv, wie ein wildes Tier. Sein einziges Ziel ist der Verkauf. Wenn ich einen Denker brauche, stelle ich einen Denker ein.“
„Sie brauchen nicht zufällig einen Denker?“
„Warum fragen Sie nicht einfach mal nebenan beim Herrenfriseur, ob die einen Denker brauchen können. Denken ist sowieso ein Irrweg der Evolution – gerade in Berlin. Wer hier zu viel denkt, dem platzt der Kopf. Das müssten Sie doch wissen. Außerdem: Warum grinsen Sie eigentlich die ganze Zeit so blöd?“
„Oh, Entschuldigung.“ Ich knetete meine Gesichtsmuskeln mit den Fingern wieder zurück in Form. „Lächeln bin ich nicht so gewohnt.“
„Ist vielleicht auch besser so. Sie sehen damit aus wie Freddy Krüger. Nicht unbedingt verkaufsfördernd!“
Ich war etwas deprimiert und zeigte es auch.
„Ach, Kopf hoch, Kleiner. Wie wäre es mit ein bisschen Musik auf die Ohren. Z.B. aus einem MP3-Player? Dann klappt‘s auch mit dem nächsten Job.“
Er hatte mich überzeugt und ich kaufte tatsächlich einen MP3-Player, obwohl ich schon einen besaß. Aber ich dachte: Gut, kann ja nicht schaden, vielleicht für die Arbeit und so.

Als ich dann nebenan beim Herrenfriseur wegen eines Jobs vorsprach, saß der Mann mit dem USB-Stick auf dem Frisierstuhl. Ich fragte ihn, ob er seinen Adapter schon bekommen habe. „Noch nicht. Der Friseur hat gesagt, ich soll mir erstmal den Bart machen lassen, sonst funktioniert so ein USB-Schtick nämlich nicht. Das haben Sie mir nicht gesagt!“
„Aber Sie haben doch gar keinen Bart?“, sagte ich.
„Deswegen bin ich ja hier. Ich will mir einen machen lassen.“
Ich fragte den Friseur nach einem Job und der sagte: „Du willst nen Job, Alter? Erstmal brauchst du einen vernünftigen Haarschnitt.“ Er setzte mich auf einen Stuhl und schnitt mir sofort hier und da etwas weg bis ich aussah wie eine Vogelscheuche. Als ich bezahlt hatte und ihn noch einmal auf meinen Job ansprach, sagte er mir, dass für Vogelscheuchen wie mich derzeit keine Stelle frei sei.
Am nächsten Tag meldete ich mich beim Arbeitsamt. Auf dem freien Arbeitsmarkt war ich ja scheinbar nicht vermittelbar. Aber leider hatten die dort auch keinen Job für mich, jedenfalls keinen, der Spaß macht.

(Erstmals vorgetragen zur Lesebühne Sax Royal am 17.11.16)

trashtag Neukölln

img_20160830_194054-2der Himmel ist dunkel vor
Fliegen man hört das Donnern von
S-Bahn-Zügen Herr Sommer liegt
in den letzten Zügen sitzt
auf dem Balkon und baut
sich noch was

Ecke #Sonnenallee they call
it heute Flachbau-Moschee
warten etliche Bärte
bis man ihnen aufmacht

und kleine Bärte
aus Schoki harren
geduldig vor der Vokü
gegenüber die niemand so nennt
denn das ist Hipster-Scheiß

das Leben geht so seinen Gang
eine Flasche Craftbeer fällt
ins Souterrain von oben
springt ein Anorak –
ein Hipster – und schreit:
„Hipster-Pack“
während er armrudernd
Land gewinnt

„Is‘er tot, wa? Wollte stressen?“
die Gaffer sind zu spärlich
bemessen einer hat sogar vergessen
die Polizei zu holen
da liegt er nun war einer
aus Polen oder sonstwo

drüben

der Himmel bewölkt sich
ist dunkel vor Fliegen man hört
das Donnern von S-Bahn-Zügen
Herr Sommer liegt in den letzten
Zügen und will sich noch was
zum Saufen besorgen

was war eigentlich gestern
was heute was morgen?

jedenfalls schreibt er
folgende semidramatische
Txt.-Nachricht an seine
Aysche, Frau Herbst:
_ _ _
bin isch weg
nochmal in Moschee;)
vor unser Haus liegt
Scherbe und totes Reh

MFG, wann kommst du
honey Dein – Fick disch ins Knie – wie Omma
Mr. Sommer

Achtung, Spoiler

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nahe Brandenburger Tor
direkt über dem ehemaligen FührerBUNKER
wachsen viele Quitten

aromatisch smart u.
zart und so voller Saft dass es
eigentlich schamlos wäre die
starrenden Reih-und-Glied- Touristen
nicht auf einen abscheulichen Irrtum hinzu-
weisen dass

es sich hier nämlich
nicht um Cydonia oblonga
aus der Familie der
Kernobstgewächse sondern
um die viel unbedeutendere
Gattung der Zierquitten
handelt

sie geben im Herbst
ein köstlich schmeckendes
Gelee

und vertragen einen starken
Schnitt sodass die Hecke
schmal gehalten werden kann

die beste Pflanzzeit
ist Anfang Oktober

Blütezeit: April
bis Ende Mai

Wenn der Gasnotdienst zwei Mal klingelt

img_20160821_075834-3Es war Sonntagnachmittag und ein Kater steckte noch tief in meinen Knochen, als es anfing, bei mir in der Wohnung intensiv nach Gas zu riechen. Zuerst dachte ich, ich bilde mir die ganze Sache nur ein. Doch dann begann ich nervös zu werden und tat das, was jeder gewiefte Heimwerker in meiner Situation tun würde, nämlich sich in diversen Internetforen darüber informieren, was man selbst dagegen tun kann und was nicht. Dort erfuhr ich dann, dass ich schon mal gegen jegliche Sicherheitsvorkehrungen verstoßen hatte, die bei Gasgeruch galten. Ich hatte nicht nur bei den Nachbarn geklingelt, um zu fragen, ob es dort auch nach Gas roch (leider war dort niemand zu Hause), sondern hatte auch noch auf den Schreck ein Käffchen aufgesetzt und zwar auf dem Herd. Und später hab ich mir zum Käffchen noch ein Zigarettchen angezündet. In einem Youtube-Video erklärte mir dann ein selbsternannter Selfmademan, was jetzt zu tun war. Ich kroch also schnüffelnd an der Gasleitung entlang, um herausfinden, wo genau Gas austrat, um das Rohr dort mit Kaugummi oder Klebeband abzudichten. Als ich aber kein Leck fand, wollte ich einfach die kompletten acht Meter Rohr mit Klebeband umwickeln, das mir dabei jedoch schon nach Meter zwei ausging. Was nun? Eine andere Seite im Internet verlinkte mich auf die zehn spektakulärsten Berliner Gasexplosionen der letzten Jahre. 2014 Treptow. 2015 Kreuzberg und die 2016 war mit einem Fragezeichen versehen. Oje! Das war wohl so eine Art Wink des Schicksals. Ich war mir sicher, Neukölln war als nächstes an der Reihe und dort nicht irgendwo, sondern bei mir. Ich überlegte, falls ich meine Wohnung fluchtartig verlassen musste, was ich unbedingt mitnehmen musste. Meinen Ausweis natürlich und frische Unterwäsche. Doch wie sehr ich mich auch darum bemühte, ich fand beides nicht.

Der Gasmann vom Gasnotdienst kam kurz nach vier. Ich saß vor der Haustür, worum man mich am Telefon gebeten hatte und drehte mir ein Zigarettchen. Der Gasmann trug einen Bauhelm, unter dem zwei Köpfe Platz gefunden hätten. An der Stirnseite war eine monströse Grubenlampe angebracht, als würde er als Bergarbeiter in einen Schacht einfahren wollen. Und er hatte jede Menge seltsamer Geräte dabei, z.B. einen altbackenen Gasdetektor, der aussah, als hätte ihn Newton schon benutzt, um damit eine Kuh zu besamen.
„Haben Sie den Gashahn schon abgestellt?“, fragte er mich und leckte sich den Schweiß von der Lippe. Er war nicht besonders überrascht, als ich ihm sagte, dass ich ihn gern abgestellt hätte. Aber als ich ihn abstellen wollte, hatte ich den Gashahn in der Hand.
„Aha“, sagte der Gasmann, als könne ihn nichts wirklich aus der Fassung bringen. „Aber Sie haben ja wenigstens die Fenster aufgemacht?“
„Nö, hat mir niemand gesagt.“
„Sind Sie nicht ganz dicht oder was? Das weiß doch jeder: Bei Gasgeruch: Fenster auf!“
„Tut mir leid, ich komm aus der Provinz. Wir kochen da mit Strom!“
„Mit Strom? Wie barbarisch.“ Er sagte es, als rede er mit einem halbnackten Dörfler von anno Dunnemals.
Er betrat die Wohnung. Ich wollte ihn zum Gaszähler führen, wo der Haupthahn für meine Wohnung angebracht war: „Halt! Sagen Sie nichts!“ Er schnüffelte sich durch die Räume, bis er vor dem Zähler stehenblieb. „Och, riechen Sie sich das mal an! Das ist wirklich exquisit. Das ist astreine Ware aus der Fabrik. Jetzt sagen Sie mir nicht, dass Sie in der Provinz auch mit Strom heizen?“
„Ja. Wir haben dort Fernwärme. Kommt direkt aus der Leitung.“
„Aus der Leitung? Wie barbarisch. Ohne eignen Gasboiler fühlt man sich doch gar nicht wohl in der eigenen Haut. Naja, warten Sie mal noch fünfzig Jährchen und dann werden bei Ihnen aufm Dorf die Stromherde wie hier in der Hauptstadt auf modern getrimmt.“
Er leckte sich wieder Schweiß von der Oberlippe, riss alle Fenster auf und stellte den Haupthahn mit einer Zange ab. Dann hantierte er mit seinem Gasdetektor herum und trug irgendwelche Werte in ein Formular ein.
„Ist‘s schlimm?“, fragte ich.
„Wir hatten schon Wetten laufen, obs dieses Jahr endlich mal in Neukölln klappt.“
„Was klappt?“
„Na, Feuerwerk.“
„Und?“
„Naja, hat nicht ganz hingehauen.“ Er schien etwas traurig zu sein. „Aber auf jeden Fall sperre ich Ihnen erstmal Leitung fürs ganze Haus.“

Nachher mussten wir noch in den Keller, um den Haupthahn fürs Haus zu suchen. Überall Spinnweben. Offene Kellertüren. Eingeworfene Scheiben und es stank bestialisch nach Pisse. Ich dachte mir, wenn es in Berlin je wieder Luftalarm geben würde, würden mich hier keine zehn Pferde reinkriegen. Das war ja versifft ohne Ende und überall lagen diese seltsamen Spritzen herum. Lieber würde ich im russisch-türkischen Bombenhagel sterben, als hier auszuharren.
„Haben Sie den Haupthahn gefunden?“
Von irgendwo ganz weit hinten und ganz weit unten, hörte ich es schallen: „Ja, aber der ist eingerostet. Halten Sie lieber etwas Abstand. Es kann sein, dass es etwas heiß wird.“ Und dann hörte ich ihn wieder schwärmen. „Och, wie das riecht. Das ist ja absolut göttlich.“ Ich stellte mir vor, er sei so eine Art Gas-Junkie und abhängig von dem Zeug. Er konnte sich ja nahezu täglich während der Arbeit in einen Rausch hinein schnüffeln. Und das kostenlos. Mann, kostenlos high werden. Wer kann das schon?
„Sind Sie fertig?“, fragte ich.
„Nein, ich muss den Hahn erst verplomben. Stellen Sie sich darauf ein, dass Sie in nächster Zeit kein Gas haben.“
„Wie lange – ungefähr?“
„Naja. Die Anlage ist beinahe hundert Jahre alt. Zuerst mal müssen wir das Loch in der Leitung finden. Das kann praktisch überall sein zwischen dem Keller und Ihrer Wohnung unterm Dach. Wahrscheinlich ist es irgendwo im Schacht. Das ist ein bisschen wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen.“
„Aha. Also so ein paar Tage ohne Gas?“
Er seufzte. „Denke mal, so Mitte Ende November haben wir die Sache wieder im Griff. Auf jeden Fall noch vor Einbruch des Winters.“
„Aber wie soll ich denn jetzt kochen?“
Er musterte mich skeptisch. „Sie wollen mir doch nicht weiß machen, Sie hätten auch nur ein einziges Mal in Ihrem Leben selbst gekocht.“
„Ich koche täglich.“
„Mit Strom, wa?“

Für den Übergang borgte ich mir von meiner Schwester ein Herdplattenduo, das man in die Steckdose stecken konnte. Es funktionierte genau bis zum darauffolgenden Sonntag. Dann sprengte es mir die Sicherung aus dem Kasten und ich hatte eine andere Art von Notdienst im Haus. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.

(erstmals vorgetragen bei der Lesebühne Sax Royal am 08.09.16)

Geständnis (2008)

P1210888Seit etwa dreizehn Jahren sind ich und Kerstin zusammen, nach neun Jahren heirateten wir. Wir haben viel zusammen versucht, drei Mal zogen wir in andere Städte und fuhren zusammen zur Ostsee, nach Polen und in den Harz. Seit einiger Zeit spiele ich aber mit dem Gedanken, ihr einen Seitensprung zu gestehen, obwohl ich noch nie mit einer anderen Frau etwas hatte. Ich glaube, ich brauche das einfach, der Abwechslung wegen, alles ist gut, aber es ist langweilig.
Wir sind, weil es heiß war, abends noch mit den Rädern ans Salzhaff gefahren. Ringsherum quaken Frösche. Ich stehe bis zu den Knien im Wasser, das an den Füßen kälter ist als an den Knien und arbeite mich langsam ins Tiefe vor, in kleinen Schrit-ten steigt es mir an die Oberschenkel und bis zum Bauch. Die Füße versinken bis dahin im Schlick, wo ich mir gestern eine Blase gelaufen habe. Je mehr Fläche meines Körpers mit Wasser bedeckt wird, desto voluminöser wird meine Gänsehaut, sie breitet sich aus und wird bald die Haare erreichen, einige werden sich aufstellen, ich habe einen Borstenkopf. Jetzt wird der Boden breiig, Wasserpflanzen und Grünzeug halten meine Wa-den und versuchen mich davon abzuhalten, ins Tiefe vorzudrin-gen. Ich stelle mir kleine Fische vor, die an meiner Haut lecken.
Noch einmal wende ich mich, ein letztes Mal. Kerstin sitzt auf einer gelben Decke und massiert Sonnencreme ein. Und das, obwohl die Sonne jeden Augenblick hinter Bäumen verschwin-den wird. Kerstins Schenkel sind käsig und von blauen Äder-chen durchsetzt, ich sehe es sogar aus zwanzig Meter Entfer-nung. Ihre Finger erreichen den schönen Bauch und arbeiten sich kreisend nach oben, wo sie verführerisch den BH aufbrechen. Die Brüste verlieren die Kugel-Form und werden von der Schwerkraft zu Auberginen modelliert, auf die Kerstin mit au-ßerordentlicher Langsamkeit einwirkt. Sie kneift in die Flasche und auf jede Brust fällt ein Klecks, der sie tünchen wird. Kerstin sieht mich, bemerkt, dass ich sie dabei beobachte und fährt mir mit animalischem Schielen in die Augen. Schnell wende ich mich ins Haff zurück und setze zum Sprung an. Blasen perlen von meinem Körper, als ich ein und abermals auftauche. Nach Luft schnappend bürste ich das Wasser aus den Augen und von mei-ner Haut. Noch immer erreichen meine Füße den Grund, noch kann ich stehen. Ich mache einen Satz nach vorn, setze wieder zum Schwimmen an und beobachte Reiher, die aus den Schilffeldern aufsteigen. Die letzten Sonnenstrahlen brechen sich in den fünf Zentimeter hohen Wellen. Das Wasser wird kälter, je weiter ich schwimme.

(Nr. 9 von 61 Prosaskizzen aus dem Jahr 2008)