Vom Treten in kaltem Wasser

Diesmal kein Text, sondern was zum Anhören.
Meine Story „Vom Tretem in kaltem Wasser“, die auch in meinem neuen Buch „Ufos über Wien“ (Berlin 2017) enthalten ist, kann ab sofort hier angehört werden:

https://soundcloud.com/romanisrael/vom-treten-in-kaltem-wasser

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Berüchtigt

Wir folgen einem schmalen Trampelpfad, an dessen Ende sich das Häuschen unseres Interviewpartners Roman Israel befindet, der Vorbild für Dan Gilroys neuen Film „Roman Israel, Esq.“ gewesen ist. Israel ist ein wenig scheu, sagen die Leute. Er mag keine Menschen, redet nicht viel. Früher hätte man solche Menschen Waldschrate genannt. Wir versuchen ihn per Telefon zu erreichen, aber er nimmt, wie zu erwarten war, nicht ab. Erst als wir ihm eine Email schreiben, erhalten wir eine Antwort. Exakt sieben Tage später. Wir schreiben ihm zurück, dass es ein kleines Honorar geben wird, und da antwortet er sofort. Wir vereinbaren ein fünfzehnminütiges Interview bei ihm zu Hause. Er gibt uns seine Adresse. Am Arsch der Welt 1. Es steht zu bezweifeln, dass es dort auch so etwas wie eine Nummer zwei geben wird. Wahrscheinlich gibt es dort nur ein einziges Haus. Wir fahren mit dem Auto in das kleine ostsächsische Dorf nahe der Grenze, in dem man die Hunde bellen hört, aber weit und breit ist kein Mensch zu sehen. Wir müssen unser Auto stehen lassen und zu Fuß weitergehen. Israels Häuschen liegt mitten im Wald, hinter einem kleinen Berg. Wenn es hier Füchse und Hasen geben würde, würden sie sich hier Gute Nacht sagen, aber es gibt nicht einmal die. Tiefste Provinz. Wir klopfen an Israels Tür, da ein Schild davor warnt, dass die Klingel verdammt nochmal unter Strom steht.
„New York Times“, rufe ich. „Wir haben geemailt.“
Keine Antwort. Ich und meine Assistentin sehen uns ratlos an. Wir klopfen an die Fenster, aber auch jetzt tut sich nichts. Dann laufen wir um das verfallene Häuschen herum. Es ist mehr eine Hütte als ein Häuschen. Das Dach ist in keinem guten Zustand. An einigen Stellen sind Ziegel heruntergefallen, die Löcher wurden mit blauen Müllsäcken zugestopft.

Auf der anderen Hausseite, sehen wir einen Mann Ende Dreißig mit langen blonden Haaren in einem Schaukelstuhl sitzen. Er hält eine Zigarre in der Hand und in der anderen einen Drilling, mit dem er auf uns zielt. Auf einem Tisch steht ein Krug mit selbstgebranntem Schnaps. Es riecht jedenfalls danach.
„Sind Sie Roman Israel?“, fragen wir ihn.
„Keine Ahnung“, antwortet der Mann. „Um was geht’s denn?“
Wir sprechen ihn auf Dan Gilroys neuen Film an und erinnern ihn daran, dass wir gemailt haben und an das fünfzehnminütige Interview, das er uns versprochen hat. „Hinsetzen“, sagt er zu uns „und dann machen wir erst mal das mit der Kohle!“ Meine Partnerin Deborah holt einen rosa Umschlag aus ihrer Handtasche, in dem sich die versprochenen zwanzig Euro befinden, fein gestückelt in fünf Euro Scheinen, genauso wie Israel es wollte. Keine Ahnung, was er damit vorhat. Wahrscheinlich Zigaretten kaufen oder so. Er zählt die vier Scheine zwei Mal durch, und erst als alles in Ordnung ist, nimmt er den Drilling herunter und legt ihn neben seinen Schaukelstuhl. Anschließend dreht er eine Sanduhr um, die wahrscheinlich exakt für fünfzehn Minuten Sand hat.

Danach ist er wie ausgewechselt. Seine Augen leuchten, er ist freundlich und bietet uns sogar etwas von seinem Schnaps an. Er habe da hinten im Wald eine kleine Destille, sagt er. Aus dem Internet wissen wir, dass er aus ärmlichen Verhältnissen in Ostsachsen stammt. Er hat sich von ganz unten nach ganz oben hochgearbeitet, um danach wieder nach ganz nach unten abzusinken. Sein Schnaps schmeckt nach Wald, Brombeeren, Himbeeren und ein wenig Moos. Wahrscheinlich gepuncht. Aber durchaus wohlschmeckend. Israel beobachtet unsere Reaktion auf seinen Schnaps. Er schaukelt in seinem Schaukelstuhl hin und her und fragt uns, ob alles in Ordnung sei. Er habe den Schnaps nämlich selbst nicht probiert. Er biete ihn eigentlich nur Fremden zum Trinken an. Mir läuft es kalt den Rücken herunter. Dann fragt Israel, worum es in Dan Gilroys neuen Film eigentlich gehe. Er habe ihn leider selbst noch nicht gesehen.
Wir erklären ihm, dass es sich bei „Roman Israel, Esq.“, so heißt der Film, um ein Kriminaldrama handelt, in dem Denzel Washington als idealistischer Rechtsanwalt, die Fehler der weniger selbstlosen Anhänger seines Berufsstandes um jeden Preis auszubügeln versucht.
„Genau wie in der Realität“, sagt Israel. Er erzählt uns, wie Dan Gilroy vor einem Jahr hier bei ihm gewesen sei, ihm beim Reparieren seines Kompressors geholfen habe und seinen Schnaps gelobt habe. „Ersetzen Sie in Ihrer Inhaltsangabe des Films einfach Rechtsanwalt durch Schriftsteller und Sie haben die exakte Beschreibung meines Lebens“, sagt Israel und macht plötzlich ein Gesicht wie ein Eichhörnchen, weil ein Eichhörnchen über das Dach seines Hauses hüpft.
Meine Partnerin Deborah kichert. Sie streicht sich die schönen Locken aus dem Gesicht, nimmt einen Füller und streicht akribisch das Wort Rechtsanwalt aus dem Film-Flyer heraus, den sie zwischen ihren Fingern hält. Dann wackelt sie mit ihren metallicblau lackierten Zehen herum. Sie liest vor: „Bei Roman Israel, Esq. handelt es sich um ein Kriminaldrama, in dem Denzel Washington als idealistischer SCHRIFTSTELLER, die Fehler der weniger selbstlosen Anhänger seines Berufsstandes um jeden Preis auszubügeln versucht. Seine dadurch entstehende Existenzkrise und das Verlangen, die Fehler der anderen SCHRIFTSTELLER wiedergutzumachen, treiben Roman Israel daraufhin zu extremen Handlungen …“
„… und er beginnt Lyrik zu schreiben“, brüllt Israel dazwischen.
„Bitte?“, frage ich.
„Das müssten Sie eigentlich noch ergänzen auf Ihrem Flyer … das Verlangen, die Fehler der anderen Schriftsteller wiedergutzumachen treiben Roman Israel zu extremen Handlungen, er beginnt Lyrik zu schreiben. Das hat Dan Gilroy natürlich in seinem Film weggelassen. Künstlerische Freiheit und so. Sie wissen schon.“ Israel zwinkert mit einem Auge, aber mir ist nicht klar, ob er damit andeuten will, dass seine Aussage ironisch gemeint war, oder ob er mit meiner Partnerin Deborah flirten will. Er reißt ihr den Flyer aus der Hand und liest vor: „So müsste es eigentlich heißen: Roman Israel (Denzel Washington) arbeitet in der Inner City von Los Angeles als Schriftsteller bei einem großen Verlag. Während er in seinen Texten für Gerechtigkeit sorgt, heimsen andere das Lob für seine Arbeit ein …“ Er sieht mir neunmalklug in die Augen. „Das Ganze ist eine einzige riesige Metapher auf Trumps Amerika. Haben Sie gemerkt, oder? Dan Gilroy musste das alles natürlich ein bisschen verfremden. Er konnte das ja so nicht so stehen lassen. Ich als das Vorbild für seinen Film bin das Gegenteil von einem Amerikaner. Ich bin Ostsachse und es ist ja ein uramerikanischer Film. Tuning ist da alles. Und wenn man ein Hollywood-Blockbuster machen will, kann man den nicht in Ostsachsen spielen lassen und man kann auch nichts über ostsächsische Schriftsteller machen, das interessiert doch niemanden. Das muss schon alles bisschen lebensnaher daherkommen. Deswegen hat Dan Gilroy die ganze Szenerie in eine Anwaltskanzlei in LA verlegt.“

Israel lacht und zielt mit seinem Drilling auf ein weiteres Eichhörnchen, das über sein Dach hüpft, das jedoch kurz darauf im Dickicht verschwindet.
„Aber hier ist doch was faul“, sage ich nach einigem Nachdenken und zeige ihm das Bild des Hauptdarstellers. „Denzel Washington ist ein Schwarzer, und ich will Ihnen jetzt nicht zu nahe treten, Herr Israel, aber Sie sind weiß? Wie passt denn das zusammen?“ Israel nickt, als habe er diesen Einwand schon tausend Mal gehört, während er meiner blauäugigen Partnerin schöne blaue Augen macht und versucht, ihr etwas unbeholfen seine Telefonnummer zuzustecken, obwohl uns seine Telefonnummer ja längst bekannt ist. Das würde einem Amerikaner wie mir natürlich nicht passieren, denke ich. Liegt wahrscheinlich daran, dass Israel aus Ostsachsen ist. Seit dem Mauerfall ist noch nicht so viel Zeit vergangen. Wie man mit Frauen umgeht, das kennen die hier nur aus amerikanischen Filmen. Aber Kopf hoch, aller Anfang ist schwer.
„Ich war nicht immer weiß“, sagt Israel. „Ich bin früher in den frühen Neunzigern viel im Solarium gewesen. Das war damals in, so wie heute Tattoos oder Piercings, deswegen ist Denzel Washington schon eine Art Idealbesetzung für den Film.“
„Und kann es auch sein, dass Sie nie in LA gelebt haben?“, fragt ihn meine Partnerin, um zu zeigen, dass sie nicht umsonst mit auf die lange beschwerliche Reise in den Osten gekommen ist. Warum musste sich Dan Gilroy ausgerechnet einen Ossi zum Vorbild für seinen Film nehmen. Warum nicht einen feschen Franzosen oder einen Kanadier?
„Stimmt, ich bin noch nicht viel rumgekommen in meinem Leben …“, sagt Israel. „Aber ich habe zumindest mal im sächsischen LA gelebt.“
„Es gibt ein sächsisches LA?“, fragt Deborah.
„Ja, Görlitz. Man nennt es auch Görliwood.“
„War Görlitz also so eine Art Trigger für Dan Gilroy, seinen Kriminalfilm nach LA zu verlegen?“, frage ich.
„Ich denke mal schon. Die beiden Städte sind sich ja ziemlich ähnlich. Also wenn man von dort in den Himmel sieht.“
„Herr Israel, und vielleicht noch ein kleiner Blick in die Zukunft“, sage ich. „Jim Jarmusch will hier bei Ihnen demnächst Ideen für einen neuen Schauerwestern sammeln. Wieder geht es um jemanden, der im Namen der Gerechtigkeit in den Ring steigt und einen Kampf mit denen da Oben ausficht, und wieder wird die Hauptperson Ihren Namen tragen. Warum eigentlich? Was ist so Besonderes an Ihrer Person? Liegt es vielleicht daran, weil Ihnen die Gerechtigkeit so besonders am Herzen liegt?“

Israel schweigt eine Minute lang, die mir wie eine halbe Ewigkeit vorkommt. Ich habe den Eindruck, die Falte zwischen seinen Augenbrauen ist auf einmal länger und tiefer geworden, und mir wird plötzlich klar, warum Jim Jarmusch seinen neuen Film „Sein Schweigen ist berüchtigt“ nennen will. Dann sehe ich, dass die Sanduhr abgelaufen ist. Israel grinst und zielt mit dem Drilling auf unsere Gesichter.
„Am besten Sie nehmen die nächste Straßenbahn“, sagt er.
„Es gibt hier eine Straßenbahn?“, frage ich.
„Nein. Ende Gelände, meinte ich“, und während wir gehen, gestikuliert er meiner Partnerin hinterher, dass er später noch mit ihr WhatsAppen möchte.
Auf dem Rückweg hören wir die Vögel singen. Es ist ein nettes kleines Paradies, in das sich Israel hier zurückgezogen hat – fernab jeglicher Zivilisation. Ein Ort, an dem bestimmt noch viele weitere Ideen für neue Filme entstehen werden.

Das Interview führte Peter Silly für die New York Times. Dan Gilroys neuer Film „Roman Israel, Esq.“ kommt im Herbst 2017 in die Kinos.

(Premiere am 22.08.17 bei einem Sax Royal Spezial zum Thema „Gesichter“ im Deutschen Hygienemuseum Dresden)

The place to be

Ich war bei meinem Freund Uwe zu einer Geschäftsparty auf einem Partyboot eingeladen, das in den nächsten Stunden die Spree zwischen Rummelsburger Bucht und Müggelsee entlang tuckern würde. Er und ich hatten früher zusammen studiert, Sprachwissenschaften, in Dresden. Dann ging er zu einem renommierten deutschen Verlag nach Berlin und ich zu einer ebenfalls renommierten deutschen Firma, allerdings in der Lebensmittelindustrie, wo ich im Instantsuppen-, Brühwürfel- und Flüssigwürzebereich eine Anstellung fand. Mein Gehalt war so ziemlich genau die Quadratwurzel aus dem Gehalt von Uwe. Außerdem schnappte er mir die Frau meines Lebens direkt vor der Nase weg und zeugte ein Kind mit ihr. Uwe bedauerte das immer sehr. Aber ich meine, wer mit den Techniken des Kinderkriegens herumexperimentiert, kann nicht im Nachhinein behaupten, er hätte nichts vom teuflischen achtzehnjährigen Kater gewusst, der sich einem solchen Experiment meistens anschließt.

Das Partyboot sah aus wie eine große Version eines Huckelberry-Finn- Floßes und tuckerte gemütlich mit knappen fünf km/h vor sich hin. Es stand immer mal jemand anderes am Steuer. Man brauchte nicht mal einen Führerschein dafür. Weil ich niemand auf Uwes Party kannte, nicht einmal mich selbst, stand ich für eine halbe Stunde allein herum und grinste in den Fahrtwind hinein, bis ich später ans Steuerrad durfte. Dadurch kam ich mit einem Mann ins Gespräch, der ebenfalls in den Fahrtwind hinein grinste und somit seinen Anspruch bekräftigte, das Boot als nächstes steuern zu dürfen. Er stellte sich mir als Karsten vor. Während ich das Steuerrad bediente und das Boot von 5 km/h auf unglaubliche 5,5 km/h beschleunigte, quatschten wir ein bisschen miteinander.

„Und, du so?“, fragte er mich. Ich brauchte alle Reserven meines Gehirns, um auf Multitasking umzuschalten, und sagte nach einer langen Denkpause: „Ach, wir kürzen das am besten gleich mal bisschen ab. Ich bin Texter.“
„Ach? Und wovon handeln deine Texte, wenn ich mal neugierig sein darf?“, fragte Karsten. Er hatte die Stimme eines Elches, das heißt, wenn Elche sprechen könnten.
„Tütensuppe“, sagte ich leise.
„Hab ich richtig verstanden: Deine Texte handeln von Tütensuppe?“
„Pst, nicht so laut. Muss ja nicht jeder gleich jeder hören. Ich schreibe Gebrauchsanweisungen für Tüten-Suppen.“
„Rindfleisch oder Tomate?“, brüllte er und nuckelte an seinem Drink – einem Manhattan herum.
„Bitte?“, fragte ich.
„Na, Rindfleisch oder Tomate? Ich mag nämlich Rindfleisch nicht. Ich meine, die armen Tiere.“
„Achso, das kann ich mir nicht aussuchen“, erwiderte ich, „manchmal bin ich im Team Rindfleisch und manchmal im Team Tomate. Und wenn mein Chef seinen guten Tag hat, darf ich auch mal zur Heeresgruppe Ochsenschwanz. Ochsenschwanz wird nämlich nicht mehr in so großen Mengen hergestellt. Da kann man als Texter ‘ne ruhige Kugel schieben.“
„Ochsenschwanz? Ich dachte, die gibt’s ni mehr?“
„Ja, die wäre tatsächlich fast vom Markt verschwunden“, sagte ich. „Aber dann haben Maggie und Knorr sich ein Wettrüsten geliefert und Millionen und Abermillionen in Werbekampagnen gesteckt, um die Traditionsmischung wiederzubeleben.“
„Sind da wirklich Ochsenschwänze drin?“
„Nee, deswegen läuft es ja gerade wieder so gut. Die Suppe bestand schon immer nur aus angebratenem Sägespänen und Mehl. Noch veganer geht’s nicht.“
„Darf ich jetzt auch mal?“, fragte er mich, er meinte das Steuerrad, und ich übergab es ihm. Ich ließ mir eine Bloody Mary mixen und kam zurück.

„Und was machst du, beruflich meine ich?“
„Ich arbeite gar nicht“, erwiderte Karsten und fand sich cool darin, dass er im Gegensatz zu mir das Steuerrad immer hin und herdrehte, sodass das Boot ins Schlingern geriet und die Partygäste darüber lachten.
„Ach, herrje. Arbeitslos?“
„Nein, ich hab ‘ne Arbeit. Aber ich tue nichts.“
„Wie geht das denn? Minister ohne eigenes Resort?“
„Nee, ich arbeite immer ein halbes Jahr am Stück und dann mach ich ein halbes Jahr gar nichts, um mich zu erholen.“
„Gar nichts?“
„Naja. Ich sitz auf’m Balkon und zeichne.“
„Was zeichnest du denn? Frauenärsche?“ Ich lachte.
„Nee, Löcher.“
„Löcher?“
„Ja, große Ansammlungen aus Nichts.“
„Und was ist mit Karriere?“, fragte ich.
„Pff“, sagte er. „Und bei dir?“
„Pff“, sagte ich auch. „Hab keine Lust, im Hamsterrad mitzulaufen.“ Ich sagte es besonders laut, damit auch Uwe mithören konnte. Aber der hatte mich nicht gehört und lachte über seinen eigenen Witz, den er gerade drei Blondinen erzählte.
„Nee, ich oh ni. Löcher malen, das ist meine wahre Berufung, das andere mach ich nur zum Geldverdienen.“
„Und womit verdienst du dein Geld?“
„Na, ich bin Herrenfrisör. Aber ich hab umgeschult. Auf Bart-Stylist. Heute hat ja jeder ein eigenes Haarschneidegerät zu Hause und rasiert sich ne Glatze. Selbst die Frauen. Aber seinen Holzfällerbart, den kann eben nicht jeder selbst schneiden. Sagen wir mal, es hat sich alles nach unten verlagert. Manche wollen sogar ‘ne Kaltwelle am Kinn.“
„Wer weiß, was als nächstes kommt“, sagte ich und stellte es mir bildlich vor. „Wenn sich alles immer weiter mehr nach unten verlagert, vielleicht musst du dann irgendwann wieder umschulen?“
„Wir wollen es nicht hoffen. Am Arsch ist bei mir Schluss.“

Später unterhielt ich mich noch mit einer betrunkenen Polin, die seit zwanzig Jahren in Berlin lebte, aber nichts Gutes von der Stadt zu berichten hatte. „Berlin ist so am Arsch“, sagte sie mit Tränen in den Augen. „Jeder, den ich hier treffe, lebt von der Stütze. Wer in Berlin lebt, muss einfach scheitern.“ Ich fragte sie, warum sie dann in Berlin lebe und nicht zurück nach Polen ginge, wenn es ihr hier nicht gefalle.
„Na, weil Scheitern einfach geil ist! Scheitern ist das neue Wuhuhuhu“, und so eilte sie auf die Tanzfläche.
Ich lehnte mich auf die Brüstung. (Längs des Kanals reihten sich einige exklusive Berliner Nachtclubs und Bars aneinander. Jede Location hatte andere Laternenfarben. Rot, gelb oder lachsblau. Es erinnerte mich ein bisschen an Thailand.)

Ich hatte nicht gemerkt, wie Uwe sich von hinten an mich herangeschlichen hatte, um mir meinen Jute-Beutel von den Schultern zu reißen, auf den in Großbuchstaben Dresden – the place to be stand. „Komm, Roman, wir bringen mal ganz schnell deinen Beutel hier weg. Du siehst ja aus, als kämst du aus der Provinz“, sagte er.
„Aber ich komme doch aus der Provinz“, erwiderte ich.
„Pscht, nicht so laut“, flüsterte Uwe.
„Aber du kommst doch auch von da“, sagte ich.
„Hör schon auf. Jeder kommt hier von irgendwo. Aber wenn dich jemand fragt, woher du mich kennst. Sag bloß nicht aus Dresden. Wir kennen uns aus Berlin, verstanden? Mir sin‘ hier gebuooor‘n wor‘n.“

Dann stand ich eine Weile allein herum, bis ich das Steuerrad wieder an mich reißen konnte. Kurz darauf kam ich mit einem Mann ins Gespräch, der als nächster das Steuer haben wollte.
„Woher kennen Sie eigentlich unseren Gastgeber“, wurde ich (etwas schnippisch) gefragt, als gehöre ich nicht hier her.
„Ach, wir kennen uns noch aus … ach, von gaaaanz früher, aus Berlin.“
„Ach, Sie arbeiten wohl auch bei Suhrkamp?“
„So ähnlich, ich bin im Suhrkamp Verlag der Tütensuppenbranche.“
„Ach“, sagte er, mich bemitleidend.
„Ach“, sagte ich, mich bemitleidend.
Und jetzt wollte er mir das Steuer aus der Hand reißen, als gezieme es sich für einen Tütensuppen-Branchist nicht, das Steuerrad einer Suhrkamp-Party zu halten. Aber das ließ ich mir nicht nehmen und drehte es scharf nach links, sodass er ins Wasser kippte.
„Oh“, sagte ich.
„Mach dir keen‘ Kopp. Der is‘ ne‘ von hier! Das war eh nur ‘n Schwabe ;)“, rief mir Uwe von weitem zu.
„Wenn das so ist“, sagte ich, und es wurde noch ein netter Abend.

(Premiere am 08.06.17 bei Sax Royal, Dresden)

Mein Experimental-Gedicht „Isn it“

„Isn it“ besteht zum größten Teil aus Textmaterial, das via Sampling zu einem Gedicht rekombiniert und erweitert wurde. Das Ausgangsmaterial stammt aus der Gebrauchsanweisung eines chinesischen Herstellers für Männer-Funktions-Unterwäsche, das mittels eines (nicht ganz so perfekten) Übersetzerprogramms ins Deutsche übertragen wurde. Später wurde dieses Rohmaterial von mir um diverse Rhythmen, Reime und Zeilenumbrüche erweitert und umgebaut. Als ich den Text später vortragen wollte, merkte ich, dass es weit über das hinausging, was meine Stimmwerkzeuge sprachlich leisten konnten. Also suchte ich nach einer App, die Text in Sprache umwandeln kann. Nach der ersten Soundprobe merkte ich, dass mir die App textlich und sprachlich ganz neue Möglichkeiten bot. Nach einem weiteren app-kompatiblen Umbau des Textes und Herumstellen an diversen Stellschrauben, entstand nun also vorliegender Text „Isn it“. Man sollte aber nicht vergessen, dass es sich immer noch um einen Gebrauchstext für Männer-Funktions-Unterwäsche handelt(!), wenngleich auf einem höheren „Seinslevel“ 😉 Enjoy it!

soundcloud.com/romanisrael/isn-it-lyrik

(Premiere in der Bonusrunde der letzten Sax Royal Lesebühne 11.05.17)

Ich bin das Walross

Lucie ist schon längst im Wasser und taucht, während ich noch ziemlich nahe am Ufer stehe und vorsichtig meine Knie benetze. Tropfen für Tropfen. Tröpfchen für Tröpfchen. Kalte Tröpfchen! Jedes einzelne fühlt sich auf meiner Haut an, als hätte es eine Temperatur von drei Kelvin also -270 °C. Strandurlaub in der Antarktis ist nichts dagegen.
Der Seegrund des Cospudener Sees, der von den Leipzigern liebevoll „Cossi“ genannt wird, ist voll mit schleimigem Algenbrei. Er sieht aus wie ein Kartoffelmus der Tiefe. Ein Humus des Grundes. Ein Obazda der Fische. Es gibt sicher mengenmäßig Menschen, die das in sich hineinstopfen würden. Freiwillig. Ich denke da an einen Dip für ein Veggie-Meal und ein tolles hippes Start-up in Berlin, die dieses breiige Algenmus als das the next big thing auf die Bevölkerung loslässt. Naja. Ich esse übrigens gern Haferbrei. Schmeckt nicht, ist aber billiger. Billiger als alles, was teurer ist. Also alles, mit Ausnahme von Trockenhefe. Die ist noch billiger, 8 Cent das Päckchen. Aber gut, Trockenhefe ist nicht besonders nahrhaft und wenn man sie herunterschluckt und sie im Bauch aufgeht, dann, Prost Mahlzeit. Da würde ich nicht danebenstehen wollen.

Ursprünglich dachte ich diese ganze Sache hier laufe ein wenig anders ab, ich dachte: ich und Lucie, wir fahren zusammen an den See und verbringen ein bisschen Zeit gemeinsam, um uns kennenzulernen. Aber kurz nachdem wir angekommen waren, fragte sie mich, ob nicht auch Marco vorbeikommen könne – Marco, der den Namen Ralf rülpsen kann. Und Marco brachte dann noch Toralf, den Schalen mit. Und außerdem: Nico, den alle Sabine nennen. Alle drei breiteten sie ihre Handtücher um unsere herum aus und als sie damit fertig waren, fragte mich Lucie, ob es für mich ok sei, dass ihre Kumpels mit hier wären, und ich dachte mir, warum fragst du mich das jetzt erst? Jetzt noch nein zu sagen, war etwas spät. Das würde sich niemand trauen, außer ein ganz Ausgefuchster vielleicht, dem alles egal war, der nichts mehr zu verlieren hatte, ein Donald Trump des Datings vielleicht, oder ein Putin oder ein Hitler.

Lucie schnorchelt vor mir auf und ab. Als sie auftaucht, ist ihr Bauch ganz grün und sie versichert mir, dass sie keine Schlampe sei, sondern dass sie heute Morgen geduscht habe. Außerdem sei sie nicht mehr grün hinter den Ohren, egal wie grün hinter den Ohren sie jetzt gerade sei. Sie lacht. Ich reibe an meinen Augen herum und Lucie fragt mich, ob ich Kontaktlinsen trage. Woher wusste sie das? Hatte ich ihr in den wenigen Stunden, in denen wir uns kannten, davon erzählt? „ Du bist also eigentlich eine Brillenschlange?“, sagte sie skeptisch und musterte mich noch einmal ganz genau, als sei sie sich nicht mehr ganz sicher, ob es so eine gute Idee sei mit mir baden zu gehen. Mir fielen ihre Wimpern auf, die lang waren wie die eines Kamels und dazu hatte sie braune traurige Rehaugen. Sie warf sich wieder ins Wasser und tauchte ab, während ich immer noch ganze dreißig Zentimeter vom Land entfernt stand. Alles um mich herum blendete und funkelte, keine Wolke war am Himmel. Es war einer der ersten Sommertage in diesem Jahr.
„Komm, wir schwimmen wenigstens bis zur Boje“, sagte Lucie, nachdem sie wieder aufgetaucht war. „Oder willst du etwa ewig da im Seichten rumstehen?“

„Ich weiß nicht, das Wasser ist ganz schön kalt“, erwiderte ich und trat auf der Stelle herum, als würden ein paar Krebse unter meiner Fußsohle Hochzeit feiern. Trotzdem hatte ich mich in den letzten fünfzehn Minuten keinen Millimeter von der Stelle gerührt. Nicht einmal einen Nanometer war ich in Richtung tieferes Wasser hineingewatet. Es stand mir immerhin schon bis knapp unter die Knie. Eine Bugwelle eines Motorbootes näherte sich und ich stellte mich vorsichtshalber auf die Zehenspitzen. Die Wellen schubsten mich sogar einen halben Zentimeter zurück in Richtung Land. Wenn ich noch ein, zwei Stündchen warten würde, würde ich ganz von selbst wieder zur Landratte werden. Der See hatte also vor, mich wieder auszuwürgen – wie eine Katze ihr Gewölle. Ich war ihm wohl nicht gut genug.
Plötzlich kommen der Ralfrülpser, Marco, dann Toralf, der Schale, und Nico, den alle Sabine nennen auf mich zu gerannt und sie stürzen sich direkt neben mir in die Fluten. Sie haben keine Zeit darüber nachzudenken, wie kalt es wirklich ist. Noch ehe sie die Kälte spüren, sind sie schon drin und wer einmal drin ist bleibt auch drin. Zum Glück habe ich einen Schritt rückwärts gemacht, um nicht von ihnen nass gespritzt zu werden und stehe nun halb mit den Fersen wieder an Land.

Die anderen schwimmen los. Ralfrülpser Marco versucht Lucie zu imponieren, indem er ständig Ralf, Ral, Ralf rülpst, Toralf, der Schale bricht in ein monotones Kichern aus und fordert Nico, den alle Sabine nennen, auf, mitzulachen, indem er ihn Sabine nennt. Nach wenigen Augenblicken sind sie raus auf den See geschwommen, tauchen und bewerfen sich mit Algenmus. Ich bin leider immer noch nicht drin. Stattdessen bewundere ich Lucies wassergetränkte rotgelockte Haare, die sich jetzt eng an ihren Kopf schmiegen und denke: Warum trägt sie sie nicht kurz? Ihr fehlt nur ein bisschen Mut.
„Sag mal, Memme, wie lange brauchst du eigentlich noch?“, fragt mich Lucie, die den drei anderen traurig nachblickt.
„Bin gleich drin“, sage ich.
Ich sehe eine alte Oma im Neoprenanzug an mir vorbeischwimmen und prusten und denke: So einen bräuchtest du auch. Dann wärst du längst drin.
„Ach, jetzt komm schon endlich, Roman. Die anderen sind schon fast auf der anderen Seite. Ihre Köpfe sind schon ganz klein.“ Sie haben tatsächlich schon ein gewaltiges Stück Weg zurückgelegt, aber auf der anderen Seite sind sie noch lange nicht, denke ich. Das andere Ufer liegt mindestens einen Kilometer weit entfernt. Aber wenn der dauerhaft Ralfrülpsende Ralfrülpser nicht dabei wäre, wüsste man nicht, dass es sich um Lucies Kumpels handelte. Ich bewegte mich wieder ein Stück ins Wasser. Aber gaaaaanz langsam. So! Wenigstens bis zu den Knöcheln, oder naja, sagen wir, noch ein Stück bis zu den Knien. Aber nicht weiter!

„Mann, das dauert, ich will heute wenigstens mit dir bis zur Boje schwimmen“, sagte Lucie.
Bis zur Boje? Oje, dachte ich. Ich sah hin. Die rote Boje schaukelte in einer Entfernung von hundert Metern auf und ab, mir wurde plötzlich ganz schwindelig und ich sah richtig unscharf, als würde ich auf dem Dach eines Wolkenkratzers stehen. Hundert Meter, das war eine Strecke, die ich beim Hundertmeterlauf in gerade mal zwölf Sekunden zurücklegen konnte. Aber hier auf dem Wasser, fühlte sie sich wie ein Halbmarathon an.
„Ich hab irgendwie noch ganz schön Muskelkater von gestern“, sagte ich. Auf einmal tauchte Lucie. Ich zählte die Sekunden, aber sie tauchte nicht wieder auf. Dann sah ich vor mir im Wasser etwas großes, schweres, einen Riesenfisch auf mich zuschießen, und ich verlor den Boden unter den Füßen, denn etwas packte mich an den Knöcheln und schwupp, fiel ich ins Wasser. Rückwärts. Ich weiß nicht wie, aber irgendwie schaffte ich es dabei nur am Bauch nass zu werden, denn ich fiel halb auf den Sandstrand. Meine Haare und alles Übrige waren furztrocken geblieben. Lucie tauchte wieder auf. Sie sah so viel jünger aus, wenn ihr das Wasser übers Gesicht lief und sie die Haare mit einem lässigen Schwenk hinter sich zurückwarf. Ich verzog das Gesicht und stieß die Laute eines Sterbenden aus: „Ahhhchh, ahhhhchh! Mein Bauch ist nass, mein Bauch ist nass.“ Dann bewegte ich mich noch ein Stück rückwärts in Richtung rettendes Land, wo ich mich erstmal vom Schock erholte.
Mein Bauch trocknete schnell. Eine Viertel Stunde später sah ich die drei Jungs wieder aus dem Wasser steigen und sich Ralfrülpsend und grinsend abtrocken, und weitere zehn Minuten später gingen sie schon wieder ins Wasser. Und ich stand immer noch da. Die Sonne hatte sich mittlerweile ein gewaltiges Stück vom Fleck bewegt und die Mücken tanzten über dem Wasser Lambada.

„Wie lange willst du da noch stehen?“, fragte Lucie, die seit einer halben Ewigkeit vor mir schwerelos im Wasser schwebte. „Es gibt Leute, die gehen schon das dritte Mal ins Wasser.“ Die Oma im Neoprenanzug zog graulend an uns vorbei und immer wenn sie den Kopf dabei drehte winkte sie uns mit ihrer Zunge zu, die wie ein nasser Lappen durch die Luft geschleudert wurde und auf das Wasser klatschte.
„Vielleicht sollte ich einfach wieder rausgehen“, rief ich. „Ich glaube, Flüssigkeiten sind nicht so mein Ding.“
„Und was ist mit Bier? Ist das etwa auch nicht dein Ding?“, schimpfte Lucie und warf mir einen giftigen Rehaugenblick zu, der dem eines Satans ebengebürtig gewesen wäre.
„Ich glaube, wenn der Cossi aus Bier wäre, wäre ich längst drin“, sagte ich.
„Na also! Stell dir einfach vor, er wäre es, er wäre aus Bier. Komm jetzt, Roman. Einmal schwuppdiwupp, wir beide um die Boje.“
Ich sah wieder zur Boje hinaus. Zwei alte Frauen mit lustig aufgebauschten Badekappen, die ihren Köpfen eine alienartige Gestalt gaben, schwammen dort mit müden Armbewegungen auf der Stelle. Sie redeten miteinander und lachten schallend. Etwa über mich?
„Und wenn ich beim Schwimmen plötzlich einen Krampf habe und jämmerlich ersaufe?“, sagte ich.
„Wenn du nicht gleich reinkommst, dann ersäufst du tatsächlich. Ich werde das persönlich in die Wege leiten.“ Lucie machte eine Würgegeste mit den Händen, machte einen Satz und riss mich dabei um. Peng! Drin waren wir. So einfach ist das also! Trotzdem ist das Wasser unendlich eisig. 24 oder vielleicht sogar nur 23,5 Grad. Ich denke an Menschen, die im 2005er Jahrhundertwinter Eisbaden und denen das Herz dabei stehen bleibt.

Unsere Füße berühren sich beim Schwimmen. Wir schwimmen tatsächlich in Richtung Boje. Lucie erzählt mir dabei von ihrem Ex-Freund, der immer ohne Badehose schwimmen ging. Einmal sei er sogar nackt bis zur anderen Seeseite geschwommen. Als er drüben war, hätte er aber keine Kraft mehr gehabt zurückzuschwimmen, sagte sie, aber er habe auch keine Lust gehabt, die fünf Kilometer an der Strandpromenade entlang nackt wieder zurückzulaufen.
Ich schüttle mich, weil ich plötzlich daran denken muss, dass der Cospudener See 50 Meter tief ist. Zwischen mir und dem Grund sind also 50 Meter braun gefärbtes, undurchsichtiges Wasser und auf dem Grund eine ein Meter dicke Schicht aus Algenbrei. Falls meine Arme jetzt schlapp machen würden, konnte das mein Ende sein. Im selben Moment merke ich, wie meine Arme schlapp werden. Ich glaube, das war’s. Ich werde also jämmerlich ertrinken. Ausgerechnet jetzt, ausgerechnet hier, vor den Augen einer schönen Frau.
„Hast du mir überhaupt zugehört?“, fragte Lucie.
„Na klar“, erwidere ich und nahm unfreiwillig einen großen Schluck Wasser als schwämme ich in Bier. „Was hat er da gemacht? Ich meine …“, ich hustete, „ich meine, dein Freund, als er auf der anderen Seeseite war und nicht nackt zurücklaufn wollte, was hat er da gemacht?“, ich hustete wie blöd.
„Er hat sich drüben ne Luftmatratze geklaut …“
„Und ist darauf zurückgeschwommen?“, ergänzte ich.
„Nee, er ist gelaufen. Die Matratze hat er sich vor den Schwanz gehalten. Das Ding wollte einfach nicht mehr abschwellen.“

Lucie ist mir schon etwas voraus. Bis zur Boje ist es immer noch ewig weit. Ich falle zurück. Ich bin am Ende meiner Kräfte, völlig außer Atem. Durch meine Haut suppt schon das Wasser wie durch ein Sieb.
„Ich glaube, ich schaffe es nicht bis zur Boje“, rufe ich mit letzter Kraft. Doch Lucie hat kein Mitleid, sie sieht sich nicht mal nach mir um. „Ich würde es ja verstehen, wenn du ein Walross von 500 Kilo wärst, aber in deiner Kontaktanzeige hat gestanden, dass du Sport machst“, sagte Lucie.
„Verdammt, ich mache Sport“, rufe ich. „Ich bin einfach nicht in Form.“
„Und dein Muskelkater, von was soll der sein, wenn du angeblich Sport machst, so wie du sagst?“
„Ich hab gestern einen Kasten Bier die Treppe raufgeschleppt. Also einen kleinen“, sagte ich.
Ich kann wirklich nicht mehr. Ich bin selbst etwas bestürzt darüber, wie schlecht ich in Form war und ich war noch nicht mal Ende zwanzig.
„Blllbllll, bllllblll“, sagte ich, schloss die Augen und machte kehrt. Das Herz dieser Frau zu erobern hatte ich mir irgendwie einfacher vorgestellt. Ich hatte mir vorgestellt, Lucie und ich würden am Strand sitzen, uns betrinken, ich mache ein paar Witze und irgendwann zeigt sie mir, wo ihr Ex-Freund wohnt und wir bewerfen seine Fensterscheiben mit Algenmus. Naja, hat nicht sein sollen.

Ich schwimme mit allerletzter Kraft zurück zum Strand und werde von meinen Konkurrenten – vom Ralfrülpser Marco, von Toralf, dem Schalen und von Nico, den alle Sabine nennen – mit einem milden Lächeln in Empfang genommen, während Lucie weit über die Boje hinausschwimmt und einige Zeit später nur noch als winzig kleines Pünktchen zu erkennen ist. Ob sie jetzt bis hinüberschwimmt und irgendwann zu Fuß und nackt mit einer geklauten Luftmatratze zurückkommt?, frage ich mich. Die anderen drei sehen mich an als wären wir Rivalen, finsterste Rivalen. Auch sie scheinen wild entschlossen zu sein, auf Lucie zu warten. Ich war wohl in eine Falle hinein geraten. Das hier war kein gemütliches Kennenlernen zu zweit, sondern eine Massenveranstaltung in Sachen Brunft. Das stärkste Männchen gewinnt. Darauf hatte ich ehrlichgesagt keine Lust. Ich warf noch einen letzten Blick aufs Wasser, auf Lucie, die nicht mehr zu sehen war, gab den anderen meine Hand und packte unsere Sachen, um kurz darauf wie ein Walross an der Strandpromenade entlang zur anderen Uferseite zu watscheln, um Lucie dort mit einem trockenen Handtuch in Empfang zu nehmen, und sie auf diese Weise von mir zu überzeugen. Alles oder nichts, dachte ich, und hoffte auf Glück.

(Erstmals vorgetragen am 13.04.17 bei der Lesebühne Sax Royal in der Dresdner Scheune)

Sonnenallee

Als bei mir das Geld mal wieder knapp wurde, musste ich mir einen Job suchen, zumindest vorübergehend, denn ich war nicht sonderlich scharf darauf, arbeiten zu gehen. Vor kurzem hatte mir ein Lesebühnen-Kollege, dessen Name hier nicht genannt sein darf, erzählt, dass er schon als Kind immer gehofft habe, nie in seinem Leben arbeiten gehen zu müssen, und er hat sich diesen Wunsch erfüllt. Er ist ein bekannter Kolumnist geworden – was nicht heißt, dass das keine Arbeit wäre. Aber es gibt Arbeit, die richtige Knochen-Arbeit ist und Arbeit, die auch noch Spaß macht. So eine Arbeit suchte ich auch, und so meldete ich mich auf beinahe fünfzig Anzeigen und schrieb immer: ich suche eine Arbeit, die Spaß macht, und erhielt – wenn überhaupt – nur Absagen.

Am Ende war ich so verzweifelt, dass ich mich in einer kleinen Elektroboutique, die genauso hieß, auf der Sonnenallee bewarb. Der Laden führte Handys, MP3-Player und Fernseher. Im Schaufenster meiner Elektroboutique stand ein Skelett, wobei nicht klar war, in welchem assoziativen Zusammenhang ein menschliches Skelett und dieser Laden zueinander standen. War das ironisch gemeint? Von wegen elektrischer Strom ergo Steckdose ergo Finger-in-Loch ergo Stromunfall, oder gehörte das Skelett vielleicht noch zu einem Vorgänger-Laden, einer Apotheke vielleicht? Hatte mein Chef nur vergessen die Schaufensterdeko zu entfernen? Das kam ja in Berlin oft vor. Ich erinnere mich noch an ein Seminar für Selbständige, das ich mal irgendwann als Maßnahme vom Jobcenter besuchen musste. Da hieß es: Was ein Geschäft am allerdringendsten braucht, ist ein Schaufenster. Das erzählte der Seminarleiter, nachdem eine junge Mutter einen Laden für Babyklamotten in ihrer Privatwohnung im achtzehnten Stock eines Plattenbaus in Marzahn aufmachen wollte. Außerdem bläute man uns dort ein, dass es nicht nur wichtig war, ein Schaufenster zu besitzen, sondern dass das Schauobjekt im Schaufenster und das, was man in seinem Laden verkaufen wollte, einen erkennbaren Bezug zueinander haben sollten. Das galt natürlich nicht für Neukölln! In ein Geschäft mit einem Schaufenster, was zu normal aussah, ging dort niemand rein. Einem Döner ohne Terrarium mit halb verwester toter Vogelspinne im Schaufenster, blieben dort glatt die Kunden weg. Es waren vorwiegend Leute aus dem Kiez, die hier vorbeikamen – meistens in ihren Hauslatschen oder im Bademantel. Wenn man in der Sonnenallee wohnte, da gehörte ja die Straße im Grunde noch zur eigenen Wohnung. Da musste man sich nicht extra schick machen. Und es störte auch niemanden. Es gab hier sowieso nur zwei Sorten von Menschen: Hipster oder Freaks, wobei man nie genau wusste, wer welchem Lager angehörte.

Ich kriegte den Job. Doch mein erster Kunde war zugleich auch mein letzter. Optisch anzusiedeln zwischen dem Dude aus The big Lebowsky und Donald Trump.
„Hallo. Ich hätte gerne einen Adapter, mit dem ich meinen USB-Schtick aufladen kann.“ Er sagte wirklich „Schtick“!
„Ein USB-Stick muss nicht aufgeladen werden“, erwiderte ich hübsch lächelnd. Das tat ich schon ganze fünf Sekunden lang und jetzt taten mir schon die Gesichtsmuskeln weh. Wie wollte ich das den ganzen Tag durchstehen?
„Meiner schon. Ich will ja damit Musik hören.“
„Sie können mit einem USB-Stick keine Musik hören. Sie meinen wahrscheinlich einen MP3-Player.“
„Nein, einen USB-Stick.“
„MP3-Player?“
„USB-Stick.“
„Ok, wenn Sie alles besser wissen. Warum stecken Sie Ihren USB-Stick dann nicht einfach an die USB-Buchse in ihrem Computer an, so können Sie ihn aufladen, wenn Sie glauben, dass er aufgeladen werden muss.“
„Mein Computer hat keine USB-Buchse. Der hat gar nichts. Der läuft mit Solar.“
„Solar? Sie meinen einen Taschenrechner?“
„Computer!“
„Taschenrechner?“
„Meine Oma hat gesagt, ich brauche einen Adapter, um meinen USB-Schtick aufzuladen, bevor ich via Bluetut Musik auf meinen Computer abspielen kann.“
„Bluetut? Wenn Sie meinen, dass Ihre Oma kompetenter ist als ich – ein Verkäufer einer Elektroboutique …“
„Meine Oma hat immerhin den Krieg mitgemacht.“
„Schön für Sie. Aber als Ihre Oma für den Führer ganz vorn an der Front stand, gab es noch keine USB-Sticks und auch kein Bluetooth.“
„Meine Oma war nicht an der Front. Es sei denn, Sie meinen die Küchen-Front.“
„Ist doch Wurscht. Wollen Sie nun irgendwas oder wollen Sie nichts?“ Mein Gesicht fühlte sich schon ganz verkrampft an, weil ich immer noch lächelte.
„Wie ich schon sagte. Ich brauche einen Adapter, um meinen USB-Schtick aufzuladen.“
„Ich würde sagen: Dann nehmen Sie einfach diesen hier, damit kann man einen MP3-Player aufladen.“ Ich gab ihm einen Adapter, den ein Kunde zurückgebracht hatte, weil er defekt war.
„Passt der auch für USB-Schticks?“
„Naja. Zumindest passiert nichts, wenn Sie ihn anstecken. Er ist defekt. Den schenke ich Ihnen.“
„Aber wird mein USB-Schtick dann auch richtig aufgeladen?“
„Da wird gar nichts aufgeladen, es sei denn Sie stecken sich den Adapter in den Arsch.“
„Na, der ist bei mir schon besetzt … Kennen Sie zufällig ein Geschäft in der Nähe, wo es Adapter zum Aufladen von USB-Schticks gibt?“
„Warum fragen Sie nicht einfach mal nebenan beim Herrenfriseur?“, sagte ich.
„Und die haben solche speziellen Adapter also?“
„Also eher noch als wir.“

Kurz darauf wurde ich von meinem Vorgesetzten gefeuert. Ich hätte dem Mann auf jeden Fall etwas verkaufen müssen. Wenigstens einen MP3-Player. Der hätte alles gekauft. Sogar einen Fernseher. Der war doch vollkommen bekloppt. Da muss man halt mal ein bisschen kreativ sein.“
„Aber ich dachte doch …“, sagte ich.
„Fürs Denken werden Sie hier nicht bezahlt. Ein Verkäufer denkt doch nicht. Ein Verkäufer handelt instinktiv, wie ein wildes Tier. Sein einziges Ziel ist der Verkauf. Wenn ich einen Denker brauche, stelle ich einen Denker ein.“
„Sie brauchen nicht zufällig einen Denker?“
„Warum fragen Sie nicht einfach mal nebenan beim Herrenfriseur, ob die einen Denker brauchen können. Denken ist sowieso ein Irrweg der Evolution – gerade in Berlin. Wer hier zu viel denkt, dem platzt der Kopf. Das müssten Sie doch wissen. Außerdem: Warum grinsen Sie eigentlich die ganze Zeit so blöd?“
„Oh, Entschuldigung.“ Ich knetete meine Gesichtsmuskeln mit den Fingern wieder zurück in Form. „Lächeln bin ich nicht so gewohnt.“
„Ist vielleicht auch besser so. Sie sehen damit aus wie Freddy Krüger. Nicht unbedingt verkaufsfördernd!“
Ich war etwas deprimiert und zeigte es auch.
„Ach, Kopf hoch, Kleiner. Wie wäre es mit ein bisschen Musik auf die Ohren. Z.B. aus einem MP3-Player? Dann klappt‘s auch mit dem nächsten Job.“
Er hatte mich überzeugt und ich kaufte tatsächlich einen MP3-Player, obwohl ich schon einen besaß. Aber ich dachte: Gut, kann ja nicht schaden, vielleicht für die Arbeit und so.

Als ich dann nebenan beim Herrenfriseur wegen eines Jobs vorsprach, saß der Mann mit dem USB-Stick auf dem Frisierstuhl. Ich fragte ihn, ob er seinen Adapter schon bekommen habe. „Noch nicht. Der Friseur hat gesagt, ich soll mir erstmal den Bart machen lassen, sonst funktioniert so ein USB-Schtick nämlich nicht. Das haben Sie mir nicht gesagt!“
„Aber Sie haben doch gar keinen Bart?“, sagte ich.
„Deswegen bin ich ja hier. Ich will mir einen machen lassen.“
Ich fragte den Friseur nach einem Job und der sagte: „Du willst nen Job, Alter? Erstmal brauchst du einen vernünftigen Haarschnitt.“ Er setzte mich auf einen Stuhl und schnitt mir sofort hier und da etwas weg bis ich aussah wie eine Vogelscheuche. Als ich bezahlt hatte und ihn noch einmal auf meinen Job ansprach, sagte er mir, dass für Vogelscheuchen wie mich derzeit keine Stelle frei sei.
Am nächsten Tag meldete ich mich beim Arbeitsamt. Auf dem freien Arbeitsmarkt war ich ja scheinbar nicht vermittelbar. Aber leider hatten die dort auch keinen Job für mich, jedenfalls keinen, der Spaß macht.

(Erstmals vorgetragen zur Lesebühne Sax Royal am 17.11.16)

Wenn der Gasnotdienst zwei Mal klingelt

img_20160821_075834-3Es war Sonntagnachmittag und ein Kater steckte noch tief in meinen Knochen, als es anfing, bei mir in der Wohnung intensiv nach Gas zu riechen. Zuerst dachte ich, ich bilde mir die ganze Sache nur ein. Doch dann begann ich nervös zu werden und tat das, was jeder gewiefte Heimwerker in meiner Situation tun würde, nämlich sich in diversen Internetforen darüber informieren, was man selbst dagegen tun kann und was nicht. Dort erfuhr ich dann, dass ich schon mal gegen jegliche Sicherheitsvorkehrungen verstoßen hatte, die bei Gasgeruch galten. Ich hatte nicht nur bei den Nachbarn geklingelt, um zu fragen, ob es dort auch nach Gas roch (leider war dort niemand zu Hause), sondern hatte auch noch auf den Schreck ein Käffchen aufgesetzt und zwar auf dem Herd. Und später hab ich mir zum Käffchen noch ein Zigarettchen angezündet. In einem Youtube-Video erklärte mir dann ein selbsternannter Selfmademan, was jetzt zu tun war. Ich kroch also schnüffelnd an der Gasleitung entlang, um herausfinden, wo genau Gas austrat, um das Rohr dort mit Kaugummi oder Klebeband abzudichten. Als ich aber kein Leck fand, wollte ich einfach die kompletten acht Meter Rohr mit Klebeband umwickeln, das mir dabei jedoch schon nach Meter zwei ausging. Was nun? Eine andere Seite im Internet verlinkte mich auf die zehn spektakulärsten Berliner Gasexplosionen der letzten Jahre. 2014 Treptow. 2015 Kreuzberg und die 2016 war mit einem Fragezeichen versehen. Oje! Das war wohl so eine Art Wink des Schicksals. Ich war mir sicher, Neukölln war als nächstes an der Reihe und dort nicht irgendwo, sondern bei mir. Ich überlegte, falls ich meine Wohnung fluchtartig verlassen musste, was ich unbedingt mitnehmen musste. Meinen Ausweis natürlich und frische Unterwäsche. Doch wie sehr ich mich auch darum bemühte, ich fand beides nicht.

Der Gasmann vom Gasnotdienst kam kurz nach vier. Ich saß vor der Haustür, worum man mich am Telefon gebeten hatte und drehte mir ein Zigarettchen. Der Gasmann trug einen Bauhelm, unter dem zwei Köpfe Platz gefunden hätten. An der Stirnseite war eine monströse Grubenlampe angebracht, als würde er als Bergarbeiter in einen Schacht einfahren wollen. Und er hatte jede Menge seltsamer Geräte dabei, z.B. einen altbackenen Gasdetektor, der aussah, als hätte ihn Newton schon benutzt, um damit eine Kuh zu besamen.
„Haben Sie den Gashahn schon abgestellt?“, fragte er mich und leckte sich den Schweiß von der Lippe. Er war nicht besonders überrascht, als ich ihm sagte, dass ich ihn gern abgestellt hätte. Aber als ich ihn abstellen wollte, hatte ich den Gashahn in der Hand.
„Aha“, sagte der Gasmann, als könne ihn nichts wirklich aus der Fassung bringen. „Aber Sie haben ja wenigstens die Fenster aufgemacht?“
„Nö, hat mir niemand gesagt.“
„Sind Sie nicht ganz dicht oder was? Das weiß doch jeder: Bei Gasgeruch: Fenster auf!“
„Tut mir leid, ich komm aus der Provinz. Wir kochen da mit Strom!“
„Mit Strom? Wie barbarisch.“ Er sagte es, als rede er mit einem halbnackten Dörfler von anno Dunnemals.
Er betrat die Wohnung. Ich wollte ihn zum Gaszähler führen, wo der Haupthahn für meine Wohnung angebracht war: „Halt! Sagen Sie nichts!“ Er schnüffelte sich durch die Räume, bis er vor dem Zähler stehenblieb. „Och, riechen Sie sich das mal an! Das ist wirklich exquisit. Das ist astreine Ware aus der Fabrik. Jetzt sagen Sie mir nicht, dass Sie in der Provinz auch mit Strom heizen?“
„Ja. Wir haben dort Fernwärme. Kommt direkt aus der Leitung.“
„Aus der Leitung? Wie barbarisch. Ohne eignen Gasboiler fühlt man sich doch gar nicht wohl in der eigenen Haut. Naja, warten Sie mal noch fünfzig Jährchen und dann werden bei Ihnen aufm Dorf die Stromherde wie hier in der Hauptstadt auf modern getrimmt.“
Er leckte sich wieder Schweiß von der Oberlippe, riss alle Fenster auf und stellte den Haupthahn mit einer Zange ab. Dann hantierte er mit seinem Gasdetektor herum und trug irgendwelche Werte in ein Formular ein.
„Ist‘s schlimm?“, fragte ich.
„Wir hatten schon Wetten laufen, obs dieses Jahr endlich mal in Neukölln klappt.“
„Was klappt?“
„Na, Feuerwerk.“
„Und?“
„Naja, hat nicht ganz hingehauen.“ Er schien etwas traurig zu sein. „Aber auf jeden Fall sperre ich Ihnen erstmal Leitung fürs ganze Haus.“

Nachher mussten wir noch in den Keller, um den Haupthahn fürs Haus zu suchen. Überall Spinnweben. Offene Kellertüren. Eingeworfene Scheiben und es stank bestialisch nach Pisse. Ich dachte mir, wenn es in Berlin je wieder Luftalarm geben würde, würden mich hier keine zehn Pferde reinkriegen. Das war ja versifft ohne Ende und überall lagen diese seltsamen Spritzen herum. Lieber würde ich im russisch-türkischen Bombenhagel sterben, als hier auszuharren.
„Haben Sie den Haupthahn gefunden?“
Von irgendwo ganz weit hinten und ganz weit unten, hörte ich es schallen: „Ja, aber der ist eingerostet. Halten Sie lieber etwas Abstand. Es kann sein, dass es etwas heiß wird.“ Und dann hörte ich ihn wieder schwärmen. „Och, wie das riecht. Das ist ja absolut göttlich.“ Ich stellte mir vor, er sei so eine Art Gas-Junkie und abhängig von dem Zeug. Er konnte sich ja nahezu täglich während der Arbeit in einen Rausch hinein schnüffeln. Und das kostenlos. Mann, kostenlos high werden. Wer kann das schon?
„Sind Sie fertig?“, fragte ich.
„Nein, ich muss den Hahn erst verplomben. Stellen Sie sich darauf ein, dass Sie in nächster Zeit kein Gas haben.“
„Wie lange – ungefähr?“
„Naja. Die Anlage ist beinahe hundert Jahre alt. Zuerst mal müssen wir das Loch in der Leitung finden. Das kann praktisch überall sein zwischen dem Keller und Ihrer Wohnung unterm Dach. Wahrscheinlich ist es irgendwo im Schacht. Das ist ein bisschen wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen.“
„Aha. Also so ein paar Tage ohne Gas?“
Er seufzte. „Denke mal, so Mitte Ende November haben wir die Sache wieder im Griff. Auf jeden Fall noch vor Einbruch des Winters.“
„Aber wie soll ich denn jetzt kochen?“
Er musterte mich skeptisch. „Sie wollen mir doch nicht weiß machen, Sie hätten auch nur ein einziges Mal in Ihrem Leben selbst gekocht.“
„Ich koche täglich.“
„Mit Strom, wa?“

Für den Übergang borgte ich mir von meiner Schwester ein Herdplattenduo, das man in die Steckdose stecken konnte. Es funktionierte genau bis zum darauffolgenden Sonntag. Dann sprengte es mir die Sicherung aus dem Kasten und ich hatte eine andere Art von Notdienst im Haus. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.

(erstmals vorgetragen bei der Lesebühne Sax Royal am 08.09.16)