Ich hier, du dort – Skizzen aus Leipzig-Leutzsch

Im Haus riecht es, als würde jemand einen Kuchen backen. Gestern bin ich wieder einmal irgendwo angekommen, in Lindenau bzw. Leutzsch oder irgendwo dazwischen. Nach fast zwei Jahren Wanderschaft bin ich zurück in Leipzig, wo alles seinen Anfang nahm, die Wanderschaft, die Wanderschaft, ja, die Wanderschaft. Warum ich damals eigentlich losgegangen bin, weiß ich schon nicht mehr. Sicher ist nur, dass ich nicht lange bleiben werde. Etwas über einen Monat. Nicht mehr. Hier nicht und auch nirgendwo sonst. Dann geht es in die nächste Stadt. Heute hier, morgen dort … ein Lied, das zu singen, man uns früher in der Schule gezwungen hat, warum auch immer, meldet sich plötzlich in meinem Gedächtnis zurück und leiert. Unter meiner Wohnung befindet sich ein Hipstercafé, dessen Name sowas von auf der Hand liegt, dass man ihn sofort wieder vergessen muss. Café Leutzsch. Gegenüber, in einem Gründerzeitbau mit geschwärzter Ziegelfassade, befindet sich im Erdgeschoss ein Hare Krishna Tempel. Darüber im ersten Stock sieht aller paar Minuten ein Mann stumpfsinnig auf die Straße hinab. Er scheint das den ganzen Tag zu machen. So oft wie ich ihn dort am Fenster sehe, ist es unwahrscheinlich, dass er tagsüber das Haus verlässt. Lebt er vielleicht mit seinem Zwillingsbruder zusammen in dieser Wohnung, mit dem er sich mit dem Aus-dem-Fenster-starren abwechselt, während der andere Einkaufen geht, Wäsche wäscht und die Betten macht?

Ich habe meine schmutzige Wäsche in meinen Rucksack gepackt und besteige mein Fahrrad. Ich will zum Waschsalon. Ein Mann mit schlohweißem Haar ruft mir hinterher: „Junger Mann, junger Mann, bitte helfen Sie mir.“
Ich halte an und stelle mich auf Erste Hilfe Maßnahmen ein. Seine Fahne kann man bestimmt bis ins Leipziger Zentrum riechen. „Wie kann ich Ihnen helfen? Brauchen Sie einen Krankenwagen?“, frage ich.
„Nein. Sie müssen mir mit einem Euro helfen. Sie müssen!“, sagt der Mann eindringlich und legt seine Hand auf meinen Unterarm, um kräftig zuzudrücken. „Tut mir leid“, erwidere ich, „ich brauche mein Kleingeld für den Waschsalon.“
„Das ist doch kein Problem. Wenn Sie nur einen Schein haben, ich kann wechseln“, bekomme ich zur Antwort.
„Ich habe nur einen Hunderter“, sage ich.
„Überhaupt kein Problem, überhaupt kein Problem, junger Mann.“ Er holt einen Beutel aus seinem Rucksack, in dem es von Kleingeld nur so wimmelt. Ich reiche ihm den Schein. Er beginnt das Wechselgeld zu zählen: „So und da wären das 99 Ein-Euro-Stücke für Sie zurück.“ Ich lade sämtliche Hosen- und Manteltaschen damit voll. Sie sind beinahe am Überquellen. Er schüttelt mir die Hand, als hätten wir ein Geschäft gemacht. „Ich bedanke mich!“ Ich steige wieder aufs Rad und fahre davon. An der nächsten Ecke steht schon der nächste und hält seine Fahne in den Wind. „Junger Mann, bitte, Sie müssen mir helfen! Sie müssen!“ Ich greife in meine vor Münzen überquellenden Manteltaschen und werfe einen Euro auf den Gehweg. Ich trete in die Pedale. Der nächste Waschsalon befindet sich auf der Georg-Schwarz-Straße, nicht weit vom Rathaus Leutzsch entfernt. Es ist der einzige weit und breit.

Ich bin lange nicht mehr in einem Waschsalon gewesen. Ein weiteres Klischee von einem Trinker (warum wohnen eigentlich keine Limonadentrinker in diesem Viertel überlege ich) erklärt mir, wie ich die Waschmaschine bedienen muss. Er hat eine aufgequollene rote Nase und ebenfalls eine, wie könnte es anders sein, Bis-in-die-Leipziger-city-Fahne. In einer Rezension zu meinem neuen Roman schrieb letztens jemand: „Es ist nicht ganz klar, ob der Autor die Klischees oder die Klischees ihn im Griff haben.“ Ich habe beschlossen, das als Kompliment zu verstehen. Immerhin scheint die Welt zu fast 100 Prozent aus Klischees zu bestehen, zumindest in Leutzsch, und ich bin immer ein Freund des Realismus gewesen. Ich werfe die Wäsche in die Trommel (13 Mal durchnummerierte Unterwäsche, die Nummer 14 trage ich am Leib, 1 Pullover, den zweiten trage ich am Leib, eine Hose, die zweite trage ich am Leib und einen Teddy mit fehlendem linkem Ohr (Lochfraß Kleidermotte)).

Ich stelle die Gradzahl ein: 40. Als sich die Trommel zu drehen beginnt und die Waschzeit auf dem Display erscheint, will ich auf meinem Handy den Wecker einstellen. Doch da ich es nicht finden kann, muss ich sofort an mein im Zug verlorenes Notizbuch, und an einen Artikel über Altersdemenz denken, den ich letztens irgendwo bei irgendjemand gelesen habe. Leider kann ich mich nicht mehr an den Inhalt erinnern. Ich sehe, wie der Trinker, der mir die Waschmaschine erklärt hat, gerade eilig den Waschsalon verlässt und irgendwas in seiner Jackentasche verschwinden lässt. Mein Handy? Hatte mir dieser Trinker etwa gerade mein Handy geklaut, um es gegen ein Fünfzigliterfass Wilthener Goldkrone einzutauschen?

Ich folge ihm eilig und sehe, wie er in einer Bäckerei auf der anderen Straßenseite verschwindet. Ich beschließe, zu warten, bis er wieder herauskommt. Vielleicht kauft er sich ein Brötchen oder einen Kaffee to go. Doch er kommt nicht wieder. Das ist doch nicht etwa einer von den Bäckern, wo es auch Bier zu kaufen gibt?, denke ich. Hatte sich der Trinker etwa da drin mit einer Pulle an einen Spielautomaten gesetzt und zockte jetzt? Nach zehn Minuten wird es mir zu bunt. Ich gehe hinein und sehe ihn hinter der Theke stehen. Er arbeitet hier. Auch das noch. Ich und meine Vorurteile. Ich bin wütend auf mich selbst. „Der da hat mein Handy geklaut“, will ich sagen. Zu wem eigentlich? Es ist niemand da, außer mir und dem Verkäufer mit der Schnapsnase.
„Na, die Waschmaschine läuft? Da wird sich erstmal einen Kaffee in den Kopp gestellt, was?“, fragt er mich.
„Sie haben nicht zufällig mein Huwai-Handy gesehen?“
Er blickt mich an, als hätte ich gerade ein Pfund vegane Jagdwurst bestellt.
„Hier?“, fragt er mich.
„Wo denn sonst?“, sage ich. Mir wird schwarz vor Augen und ich muss mich irgendwo festhalten, um nicht umzukippen.
Der Mann reicht mir seinen Flachmann über die Ladentheke. „Einen Schluck auf den Specht?“
„Sehe ich vielleicht wie ein Schluckspecht aus? Oder wie ein Junkie?“
„Hm, weiß nicht. Aber es scheint, als seien Sie absolut abhängig von Ihrem Handy-Gerät.“
Er versucht mich zu beruhigen. „Vielleicht haben Sie es zu Hause vergessen?“
„Ich vergesse nie etwas“, sage ich.
„Oder es hat Ihnen jemand geklaut.“
„So weit war ich auch schon“, sage ich.
Ich sehe ihn scharf an, mit einem fragenden Blick, der: „Z.B. Sie heißen könnte“.
„Also ich“, sagt er, „ich würde niemals ein Huwai klauen. Die bringen doch nichts auf dem Markt, die Dinger.“
„Woher wissen Sie eigentlich, dass ich ein Huwai habe?“
„Weil Sie es mir gerade gesagt haben. Kann es sein, dass Sie langsam alt werden?“
„Ich?“

Ich beeile mich wieder zurück in den Waschsalon zu gehen.
Ich setze mich neben die Maschine und starre auf die Trommel. Und da sehe ich mein Huwai, wie es in schönster Regelmäßigkeit in der Trommel mit der Wäsche mitrotiert und manchmal ganz sanft gegen die Glasscheibe klopft, als wolle es sagen: Ich bin hier, du bist dort.

(Premiere am 09.02.18 bei der Lesebühne Sax Royal in Dresden)

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Görlitz I


die Straße ist ein hartes Pflaster
in Görlitzer Höfen findet ein hartes
Wettrüsten statt
wer hat den dicksten den längsten
den deepesten Docht mit dem niederfrequentesten
Brummen der
Sportauspuffwummen

das ist
angesagt wie warme Semmeln aber keine
warmen Semmeln

die holt man aus dem Froster
denn die Löhne sind niedrig im Vergleich
mit irgendwo (irgendwo darbt immer einer
muss ja aber doch nicht hier!) das nimmt mancher
sehr ernst und zum Anlass beim Wählen zu wählen

denn das Görlitzer Leben ist hard und behaart wovon
sich nur längere dickere Auspuffe leisten? das
wissen nur die Toten die dreisten
wäre es nur fri-er gewesen
jetzt kommen Fremde
Idioten die weitgereisten und nehmen den
Altfremden die Auspuffe weg denken
die und was bleibt ihnen dann noch
außer hungern für den guten Zweck?

im Fernsehen kommt TV

tagsüber ficken Hunde
oder machen Fondue oben wohnen Polen
ebenfalls Auspuffjünger
allerdings anders in Klang und Design

ümmer weint ein Chinese an
Jakob Böhmes Grab und ein greiser Knab
Achselbehaart steht am
MacGeiz in einer Schlange
erstmal anstellen denkt er sich
dann weiter nicht umgekehrt
vllt. gibt’s nen Sack Auspuffhalter hier
oder Bier

in der Stadt ist es nicht still
auf dem Land ist es nicht laut
hier lebt es sich nicht schlecht
und dennoch weiden sich viele
am Leiden so erzählt man sich so
erzählt man sich wär’s doch nur
wahr
ein bisschen

(Premiere am 14.12.17 bei der Lesebühne Sax Royal in der Dresnder Scheune)

Görlitz II


ich habe den Fischen beim
Luftschnappen zugesehen und
den ruhigen Bewegungen des
Herbstes auf den Teichen
Blätter wirbelten wie kleine Galaxien-
leichen umher ein Angler deutschte Polnisch
in sein Handy hinein Libellen
bewegten sich zahm neben seinem
Bein kaum in Sorge sie könnten
erschreckt werden

in der Ferne zeichneten sich die Gipfel
des Riesengebirges ab vor polnischer
Hochhaussilhouette
auf den Kämmen lag
schon etwas Schnee oder war es nur
ein Abglanz der Sonne? ein Mädchen
summte gaga (Lady) und sagte wie gerne
es hier sei daheim zwischen dem
Görlitzer Sonnenschein und den
anderen Welten und trotzdem
komme es so selten
hier her
so selten so selten hierher
zwischen den Welten

sagte es als sei
es eine Kunst
davon zu sprechen

so selten so selten
zwischen den Welten

(Erstmals vorgetragen bei der Lesebühne Sax Royal am 09.11.17)
Görlitz II anhören kann man hier: https://soundcloud.com/romanisrael/gorlitz-ii

Berüchtigt

Wir folgen einem schmalen Trampelpfad, an dessen Ende sich das Häuschen unseres Interviewpartners Roman Israel befindet, der Vorbild für Dan Gilroys neuen Film „Roman Israel, Esq.“ gewesen ist. Israel ist ein wenig scheu, sagen die Leute. Er mag keine Menschen, redet nicht viel. Früher hätte man solche Menschen Waldschrate genannt. Wir versuchen ihn per Telefon zu erreichen, aber er nimmt, wie zu erwarten war, nicht ab. Erst als wir ihm eine Email schreiben, erhalten wir eine Antwort. Exakt sieben Tage später. Wir schreiben ihm zurück, dass es ein kleines Honorar geben wird, und da antwortet er sofort. Wir vereinbaren ein fünfzehnminütiges Interview bei ihm zu Hause. Er gibt uns seine Adresse. Am Arsch der Welt 1. Es steht zu bezweifeln, dass es dort auch so etwas wie eine Nummer zwei geben wird. Wahrscheinlich gibt es dort nur ein einziges Haus. Wir fahren mit dem Auto in das kleine ostsächsische Dorf nahe der Grenze, in dem man die Hunde bellen hört, aber weit und breit ist kein Mensch zu sehen. Wir müssen unser Auto stehen lassen und zu Fuß weitergehen. Israels Häuschen liegt mitten im Wald, hinter einem kleinen Berg. Wenn es hier Füchse und Hasen geben würde, würden sie sich hier Gute Nacht sagen, aber es gibt nicht einmal die. Tiefste Provinz. Wir klopfen an Israels Tür, da ein Schild davor warnt, dass die Klingel verdammt nochmal unter Strom steht.
„New York Times“, rufe ich. „Wir haben geemailt.“
Keine Antwort. Ich und meine Assistentin sehen uns ratlos an. Wir klopfen an die Fenster, aber auch jetzt tut sich nichts. Dann laufen wir um das verfallene Häuschen herum. Es ist mehr eine Hütte als ein Häuschen. Das Dach ist in keinem guten Zustand. An einigen Stellen sind Ziegel heruntergefallen, die Löcher wurden mit blauen Müllsäcken zugestopft.

Auf der anderen Hausseite, sehen wir einen Mann Ende Dreißig mit langen blonden Haaren in einem Schaukelstuhl sitzen. Er hält eine Zigarre in der Hand und in der anderen einen Drilling, mit dem er auf uns zielt. Auf einem Tisch steht ein Krug mit selbstgebranntem Schnaps. Es riecht jedenfalls danach.
„Sind Sie Roman Israel?“, fragen wir ihn.
„Keine Ahnung“, antwortet der Mann. „Um was geht’s denn?“
Wir sprechen ihn auf Dan Gilroys neuen Film an und erinnern ihn daran, dass wir gemailt haben und an das fünfzehnminütige Interview, das er uns versprochen hat. „Hinsetzen“, sagt er zu uns „und dann machen wir erst mal das mit der Kohle!“ Meine Partnerin Deborah holt einen rosa Umschlag aus ihrer Handtasche, in dem sich die versprochenen zwanzig Euro befinden, fein gestückelt in fünf Euro Scheinen, genauso wie Israel es wollte. Keine Ahnung, was er damit vorhat. Wahrscheinlich Zigaretten kaufen oder so. Er zählt die vier Scheine zwei Mal durch, und erst als alles in Ordnung ist, nimmt er den Drilling herunter und legt ihn neben seinen Schaukelstuhl. Anschließend dreht er eine Sanduhr um, die wahrscheinlich exakt für fünfzehn Minuten Sand hat.

Danach ist er wie ausgewechselt. Seine Augen leuchten, er ist freundlich und bietet uns sogar etwas von seinem Schnaps an. Er habe da hinten im Wald eine kleine Destille, sagt er. Aus dem Internet wissen wir, dass er aus ärmlichen Verhältnissen in Ostsachsen stammt. Er hat sich von ganz unten nach ganz oben hochgearbeitet, um danach wieder nach ganz nach unten abzusinken. Sein Schnaps schmeckt nach Wald, Brombeeren, Himbeeren und ein wenig Moos. Wahrscheinlich gepuncht. Aber durchaus wohlschmeckend. Israel beobachtet unsere Reaktion auf seinen Schnaps. Er schaukelt in seinem Schaukelstuhl hin und her und fragt uns, ob alles in Ordnung sei. Er habe den Schnaps nämlich selbst nicht probiert. Er biete ihn eigentlich nur Fremden zum Trinken an. Mir läuft es kalt den Rücken herunter. Dann fragt Israel, worum es in Dan Gilroys neuen Film eigentlich gehe. Er habe ihn leider selbst noch nicht gesehen.
Wir erklären ihm, dass es sich bei „Roman Israel, Esq.“, so heißt der Film, um ein Kriminaldrama handelt, in dem Denzel Washington als idealistischer Rechtsanwalt, die Fehler der weniger selbstlosen Anhänger seines Berufsstandes um jeden Preis auszubügeln versucht.
„Genau wie in der Realität“, sagt Israel. Er erzählt uns, wie Dan Gilroy vor einem Jahr hier bei ihm gewesen sei, ihm beim Reparieren seines Kompressors geholfen habe und seinen Schnaps gelobt habe. „Ersetzen Sie in Ihrer Inhaltsangabe des Films einfach Rechtsanwalt durch Schriftsteller und Sie haben die exakte Beschreibung meines Lebens“, sagt Israel und macht plötzlich ein Gesicht wie ein Eichhörnchen, weil ein Eichhörnchen über das Dach seines Hauses hüpft.
Meine Partnerin Deborah kichert. Sie streicht sich die schönen Locken aus dem Gesicht, nimmt einen Füller und streicht akribisch das Wort Rechtsanwalt aus dem Film-Flyer heraus, den sie zwischen ihren Fingern hält. Dann wackelt sie mit ihren metallicblau lackierten Zehen herum. Sie liest vor: „Bei Roman Israel, Esq. handelt es sich um ein Kriminaldrama, in dem Denzel Washington als idealistischer SCHRIFTSTELLER, die Fehler der weniger selbstlosen Anhänger seines Berufsstandes um jeden Preis auszubügeln versucht. Seine dadurch entstehende Existenzkrise und das Verlangen, die Fehler der anderen SCHRIFTSTELLER wiedergutzumachen, treiben Roman Israel daraufhin zu extremen Handlungen …“
„… und er beginnt Lyrik zu schreiben“, brüllt Israel dazwischen.
„Bitte?“, frage ich.
„Das müssten Sie eigentlich noch ergänzen auf Ihrem Flyer … das Verlangen, die Fehler der anderen Schriftsteller wiedergutzumachen treiben Roman Israel zu extremen Handlungen, er beginnt Lyrik zu schreiben. Das hat Dan Gilroy natürlich in seinem Film weggelassen. Künstlerische Freiheit und so. Sie wissen schon.“ Israel zwinkert mit einem Auge, aber mir ist nicht klar, ob er damit andeuten will, dass seine Aussage ironisch gemeint war, oder ob er mit meiner Partnerin Deborah flirten will. Er reißt ihr den Flyer aus der Hand und liest vor: „So müsste es eigentlich heißen: Roman Israel (Denzel Washington) arbeitet in der Inner City von Los Angeles als Schriftsteller bei einem großen Verlag. Während er in seinen Texten für Gerechtigkeit sorgt, heimsen andere das Lob für seine Arbeit ein …“ Er sieht mir neunmalklug in die Augen. „Das Ganze ist eine einzige riesige Metapher auf Trumps Amerika. Haben Sie gemerkt, oder? Dan Gilroy musste das alles natürlich ein bisschen verfremden. Er konnte das ja so nicht so stehen lassen. Ich als das Vorbild für seinen Film bin das Gegenteil von einem Amerikaner. Ich bin Ostsachse und es ist ja ein uramerikanischer Film. Tuning ist da alles. Und wenn man ein Hollywood-Blockbuster machen will, kann man den nicht in Ostsachsen spielen lassen und man kann auch nichts über ostsächsische Schriftsteller machen, das interessiert doch niemanden. Das muss schon alles bisschen lebensnaher daherkommen. Deswegen hat Dan Gilroy die ganze Szenerie in eine Anwaltskanzlei in LA verlegt.“

Israel lacht und zielt mit seinem Drilling auf ein weiteres Eichhörnchen, das über sein Dach hüpft, das jedoch kurz darauf im Dickicht verschwindet.
„Aber hier ist doch was faul“, sage ich nach einigem Nachdenken und zeige ihm das Bild des Hauptdarstellers. „Denzel Washington ist ein Schwarzer, und ich will Ihnen jetzt nicht zu nahe treten, Herr Israel, aber Sie sind weiß? Wie passt denn das zusammen?“ Israel nickt, als habe er diesen Einwand schon tausend Mal gehört, während er meiner blauäugigen Partnerin schöne blaue Augen macht und versucht, ihr etwas unbeholfen seine Telefonnummer zuzustecken, obwohl uns seine Telefonnummer ja längst bekannt ist. Das würde einem Amerikaner wie mir natürlich nicht passieren, denke ich. Liegt wahrscheinlich daran, dass Israel aus Ostsachsen ist. Seit dem Mauerfall ist noch nicht so viel Zeit vergangen. Wie man mit Frauen umgeht, das kennen die hier nur aus amerikanischen Filmen. Aber Kopf hoch, aller Anfang ist schwer.
„Ich war nicht immer weiß“, sagt Israel. „Ich bin früher in den frühen Neunzigern viel im Solarium gewesen. Das war damals in, so wie heute Tattoos oder Piercings, deswegen ist Denzel Washington schon eine Art Idealbesetzung für den Film.“
„Und kann es auch sein, dass Sie nie in LA gelebt haben?“, fragt ihn meine Partnerin, um zu zeigen, dass sie nicht umsonst mit auf die lange beschwerliche Reise in den Osten gekommen ist. Warum musste sich Dan Gilroy ausgerechnet einen Ossi zum Vorbild für seinen Film nehmen. Warum nicht einen feschen Franzosen oder einen Kanadier?
„Stimmt, ich bin noch nicht viel rumgekommen in meinem Leben …“, sagt Israel. „Aber ich habe zumindest mal im sächsischen LA gelebt.“
„Es gibt ein sächsisches LA?“, fragt Deborah.
„Ja, Görlitz. Man nennt es auch Görliwood.“
„War Görlitz also so eine Art Trigger für Dan Gilroy, seinen Kriminalfilm nach LA zu verlegen?“, frage ich.
„Ich denke mal schon. Die beiden Städte sind sich ja ziemlich ähnlich. Also wenn man von dort in den Himmel sieht.“
„Herr Israel, und vielleicht noch ein kleiner Blick in die Zukunft“, sage ich. „Jim Jarmusch will hier bei Ihnen demnächst Ideen für einen neuen Schauerwestern sammeln. Wieder geht es um jemanden, der im Namen der Gerechtigkeit in den Ring steigt und einen Kampf mit denen da Oben ausficht, und wieder wird die Hauptperson Ihren Namen tragen. Warum eigentlich? Was ist so Besonderes an Ihrer Person? Liegt es vielleicht daran, weil Ihnen die Gerechtigkeit so besonders am Herzen liegt?“

Israel schweigt eine Minute lang, die mir wie eine halbe Ewigkeit vorkommt. Ich habe den Eindruck, die Falte zwischen seinen Augenbrauen ist auf einmal länger und tiefer geworden, und mir wird plötzlich klar, warum Jim Jarmusch seinen neuen Film „Sein Schweigen ist berüchtigt“ nennen will. Dann sehe ich, dass die Sanduhr abgelaufen ist. Israel grinst und zielt mit dem Drilling auf unsere Gesichter.
„Am besten Sie nehmen die nächste Straßenbahn“, sagt er.
„Es gibt hier eine Straßenbahn?“, frage ich.
„Nein. Ende Gelände, meinte ich“, und während wir gehen, gestikuliert er meiner Partnerin hinterher, dass er später noch mit ihr WhatsAppen möchte.
Auf dem Rückweg hören wir die Vögel singen. Es ist ein nettes kleines Paradies, in das sich Israel hier zurückgezogen hat – fernab jeglicher Zivilisation. Ein Ort, an dem bestimmt noch viele weitere Ideen für neue Filme entstehen werden.

Das Interview führte Peter Silly für die New York Times. Dan Gilroys neuer Film „Roman Israel, Esq.“ kommt im Herbst 2017 in die Kinos.

(Premiere am 22.08.17 bei einem Sax Royal Spezial zum Thema „Gesichter“ im Deutschen Hygienemuseum Dresden)

The place to be

Ich war bei meinem Freund Uwe zu einer Geschäftsparty auf einem Partyboot eingeladen, das in den nächsten Stunden die Spree zwischen Rummelsburger Bucht und Müggelsee entlang tuckern würde. Er und ich hatten früher zusammen studiert, Sprachwissenschaften, in Dresden. Dann ging er zu einem renommierten deutschen Verlag nach Berlin und ich zu einer ebenfalls renommierten deutschen Firma, allerdings in der Lebensmittelindustrie, wo ich im Instantsuppen-, Brühwürfel- und Flüssigwürzebereich eine Anstellung fand. Mein Gehalt war so ziemlich genau die Quadratwurzel aus dem Gehalt von Uwe. Außerdem schnappte er mir die Frau meines Lebens direkt vor der Nase weg und zeugte ein Kind mit ihr. Uwe bedauerte das immer sehr. Aber ich meine, wer mit den Techniken des Kinderkriegens herumexperimentiert, kann nicht im Nachhinein behaupten, er hätte nichts vom teuflischen achtzehnjährigen Kater gewusst, der sich einem solchen Experiment meistens anschließt.

Das Partyboot sah aus wie eine große Version eines Huckelberry-Finn- Floßes und tuckerte gemütlich mit knappen fünf km/h vor sich hin. Es stand immer mal jemand anderes am Steuer. Man brauchte nicht mal einen Führerschein dafür. Weil ich niemand auf Uwes Party kannte, nicht einmal mich selbst, stand ich für eine halbe Stunde allein herum und grinste in den Fahrtwind hinein, bis ich später ans Steuerrad durfte. Dadurch kam ich mit einem Mann ins Gespräch, der ebenfalls in den Fahrtwind hinein grinste und somit seinen Anspruch bekräftigte, das Boot als nächstes steuern zu dürfen. Er stellte sich mir als Karsten vor. Während ich das Steuerrad bediente und das Boot von 5 km/h auf unglaubliche 5,5 km/h beschleunigte, quatschten wir ein bisschen miteinander.

„Und, du so?“, fragte er mich. Ich brauchte alle Reserven meines Gehirns, um auf Multitasking umzuschalten, und sagte nach einer langen Denkpause: „Ach, wir kürzen das am besten gleich mal bisschen ab. Ich bin Texter.“
„Ach? Und wovon handeln deine Texte, wenn ich mal neugierig sein darf?“, fragte Karsten. Er hatte die Stimme eines Elches, das heißt, wenn Elche sprechen könnten.
„Tütensuppe“, sagte ich leise.
„Hab ich richtig verstanden: Deine Texte handeln von Tütensuppe?“
„Pst, nicht so laut. Muss ja nicht jeder gleich jeder hören. Ich schreibe Gebrauchsanweisungen für Tüten-Suppen.“
„Rindfleisch oder Tomate?“, brüllte er und nuckelte an seinem Drink – einem Manhattan herum.
„Bitte?“, fragte ich.
„Na, Rindfleisch oder Tomate? Ich mag nämlich Rindfleisch nicht. Ich meine, die armen Tiere.“
„Achso, das kann ich mir nicht aussuchen“, erwiderte ich, „manchmal bin ich im Team Rindfleisch und manchmal im Team Tomate. Und wenn mein Chef seinen guten Tag hat, darf ich auch mal zur Heeresgruppe Ochsenschwanz. Ochsenschwanz wird nämlich nicht mehr in so großen Mengen hergestellt. Da kann man als Texter ‘ne ruhige Kugel schieben.“
„Ochsenschwanz? Ich dachte, die gibt’s ni mehr?“
„Ja, die wäre tatsächlich fast vom Markt verschwunden“, sagte ich. „Aber dann haben Maggie und Knorr sich ein Wettrüsten geliefert und Millionen und Abermillionen in Werbekampagnen gesteckt, um die Traditionsmischung wiederzubeleben.“
„Sind da wirklich Ochsenschwänze drin?“
„Nee, deswegen läuft es ja gerade wieder so gut. Die Suppe bestand schon immer nur aus angebratenem Sägespänen und Mehl. Noch veganer geht’s nicht.“
„Darf ich jetzt auch mal?“, fragte er mich, er meinte das Steuerrad, und ich übergab es ihm. Ich ließ mir eine Bloody Mary mixen und kam zurück.

„Und was machst du, beruflich meine ich?“
„Ich arbeite gar nicht“, erwiderte Karsten und fand sich cool darin, dass er im Gegensatz zu mir das Steuerrad immer hin und herdrehte, sodass das Boot ins Schlingern geriet und die Partygäste darüber lachten.
„Ach, herrje. Arbeitslos?“
„Nein, ich hab ‘ne Arbeit. Aber ich tue nichts.“
„Wie geht das denn? Minister ohne eigenes Resort?“
„Nee, ich arbeite immer ein halbes Jahr am Stück und dann mach ich ein halbes Jahr gar nichts, um mich zu erholen.“
„Gar nichts?“
„Naja. Ich sitz auf’m Balkon und zeichne.“
„Was zeichnest du denn? Frauenärsche?“ Ich lachte.
„Nee, Löcher.“
„Löcher?“
„Ja, große Ansammlungen aus Nichts.“
„Und was ist mit Karriere?“, fragte ich.
„Pff“, sagte er. „Und bei dir?“
„Pff“, sagte ich auch. „Hab keine Lust, im Hamsterrad mitzulaufen.“ Ich sagte es besonders laut, damit auch Uwe mithören konnte. Aber der hatte mich nicht gehört und lachte über seinen eigenen Witz, den er gerade drei Blondinen erzählte.
„Nee, ich oh ni. Löcher malen, das ist meine wahre Berufung, das andere mach ich nur zum Geldverdienen.“
„Und womit verdienst du dein Geld?“
„Na, ich bin Herrenfrisör. Aber ich hab umgeschult. Auf Bart-Stylist. Heute hat ja jeder ein eigenes Haarschneidegerät zu Hause und rasiert sich ne Glatze. Selbst die Frauen. Aber seinen Holzfällerbart, den kann eben nicht jeder selbst schneiden. Sagen wir mal, es hat sich alles nach unten verlagert. Manche wollen sogar ‘ne Kaltwelle am Kinn.“
„Wer weiß, was als nächstes kommt“, sagte ich und stellte es mir bildlich vor. „Wenn sich alles immer weiter mehr nach unten verlagert, vielleicht musst du dann irgendwann wieder umschulen?“
„Wir wollen es nicht hoffen. Am Arsch ist bei mir Schluss.“

Später unterhielt ich mich noch mit einer betrunkenen Polin, die seit zwanzig Jahren in Berlin lebte, aber nichts Gutes von der Stadt zu berichten hatte. „Berlin ist so am Arsch“, sagte sie mit Tränen in den Augen. „Jeder, den ich hier treffe, lebt von der Stütze. Wer in Berlin lebt, muss einfach scheitern.“ Ich fragte sie, warum sie dann in Berlin lebe und nicht zurück nach Polen ginge, wenn es ihr hier nicht gefalle.
„Na, weil Scheitern einfach geil ist! Scheitern ist das neue Wuhuhuhu“, und so eilte sie auf die Tanzfläche.
Ich lehnte mich auf die Brüstung. (Längs des Kanals reihten sich einige exklusive Berliner Nachtclubs und Bars aneinander. Jede Location hatte andere Laternenfarben. Rot, gelb oder lachsblau. Es erinnerte mich ein bisschen an Thailand.)

Ich hatte nicht gemerkt, wie Uwe sich von hinten an mich herangeschlichen hatte, um mir meinen Jute-Beutel von den Schultern zu reißen, auf den in Großbuchstaben Dresden – the place to be stand. „Komm, Roman, wir bringen mal ganz schnell deinen Beutel hier weg. Du siehst ja aus, als kämst du aus der Provinz“, sagte er.
„Aber ich komme doch aus der Provinz“, erwiderte ich.
„Pscht, nicht so laut“, flüsterte Uwe.
„Aber du kommst doch auch von da“, sagte ich.
„Hör schon auf. Jeder kommt hier von irgendwo. Aber wenn dich jemand fragt, woher du mich kennst. Sag bloß nicht aus Dresden. Wir kennen uns aus Berlin, verstanden? Mir sin‘ hier gebuooor‘n wor‘n.“

Dann stand ich eine Weile allein herum, bis ich das Steuerrad wieder an mich reißen konnte. Kurz darauf kam ich mit einem Mann ins Gespräch, der als nächster das Steuer haben wollte.
„Woher kennen Sie eigentlich unseren Gastgeber“, wurde ich (etwas schnippisch) gefragt, als gehöre ich nicht hier her.
„Ach, wir kennen uns noch aus … ach, von gaaaanz früher, aus Berlin.“
„Ach, Sie arbeiten wohl auch bei Suhrkamp?“
„So ähnlich, ich bin im Suhrkamp Verlag der Tütensuppenbranche.“
„Ach“, sagte er, mich bemitleidend.
„Ach“, sagte ich, mich bemitleidend.
Und jetzt wollte er mir das Steuer aus der Hand reißen, als gezieme es sich für einen Tütensuppen-Branchist nicht, das Steuerrad einer Suhrkamp-Party zu halten. Aber das ließ ich mir nicht nehmen und drehte es scharf nach links, sodass er ins Wasser kippte.
„Oh“, sagte ich.
„Mach dir keen‘ Kopp. Der is‘ ne‘ von hier! Das war eh nur ‘n Schwabe ;)“, rief mir Uwe von weitem zu.
„Wenn das so ist“, sagte ich, und es wurde noch ein netter Abend.

(Premiere am 08.06.17 bei Sax Royal, Dresden)

Mein Experimental-Gedicht „Isn it“

„Isn it“ besteht zum größten Teil aus Textmaterial, das via Sampling zu einem Gedicht rekombiniert und erweitert wurde. Das Ausgangsmaterial stammt aus der Gebrauchsanweisung eines chinesischen Herstellers für Männer-Funktions-Unterwäsche, das mittels eines (nicht ganz so perfekten) Übersetzerprogramms ins Deutsche übertragen wurde. Später wurde dieses Rohmaterial von mir um diverse Rhythmen, Reime und Zeilenumbrüche erweitert und umgebaut. Als ich den Text später vortragen wollte, merkte ich, dass es weit über das hinausging, was meine Stimmwerkzeuge sprachlich leisten konnten. Also suchte ich nach einer App, die Text in Sprache umwandeln kann. Nach der ersten Soundprobe merkte ich, dass mir die App textlich und sprachlich ganz neue Möglichkeiten bot. Nach einem weiteren app-kompatiblen Umbau des Textes und Herumstellen an diversen Stellschrauben, entstand nun also vorliegender Text „Isn it“. Man sollte aber nicht vergessen, dass es sich immer noch um einen Gebrauchstext für Männer-Funktions-Unterwäsche handelt(!), wenngleich auf einem höheren „Seinslevel“ 😉 Enjoy it!

soundcloud.com/romanisrael/isn-it-lyrik

(Premiere in der Bonusrunde der letzten Sax Royal Lesebühne 11.05.17)