Görlitz II


ich habe den Fischen beim
Luftschnappen zugesehen und
den ruhigen Bewegungen des
Herbstes auf den Teichen
Blätter wirbelten wie kleine Galaxien-
leichen umher ein Angler deutschte Polnisch
in sein Handy hinein Libellen
bewegten sich zahm neben seinem
Bein kaum in Sorge sie könnten
erschreckt werden

in der Ferne zeichneten sich die Gipfel
des Riesengebirges ab vor polnischer
Hochhaussilhouette
auf den Kämmen lag
schon etwas Schnee oder war es nur
ein Abglanz der Sonne? ein Mädchen
summte gaga (Lady) und sagte wie gerne
es hier sei daheim zwischen dem
Görlitzer Sonnenschein und den
anderen Welten und trotzdem
komme es so selten
hier her
so selten so selten hierher
zwischen den Welten

sagte es als sei
es eine Kunst
davon zu sprechen

so selten so selten
zwischen den Welten

(Erstmals vorgetragen bei der Lesebühne Sax Royal am 09.11.17)

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Berüchtigt

Wir folgen einem schmalen Trampelpfad, an dessen Ende sich das Häuschen unseres Interviewpartners Roman Israel befindet, der Vorbild für Dan Gilroys neuen Film „Roman Israel, Esq.“ gewesen ist. Israel ist ein wenig scheu, sagen die Leute. Er mag keine Menschen, redet nicht viel. Früher hätte man solche Menschen Waldschrate genannt. Wir versuchen ihn per Telefon zu erreichen, aber er nimmt, wie zu erwarten war, nicht ab. Erst als wir ihm eine Email schreiben, erhalten wir eine Antwort. Exakt sieben Tage später. Wir schreiben ihm zurück, dass es ein kleines Honorar geben wird, und da antwortet er sofort. Wir vereinbaren ein fünfzehnminütiges Interview bei ihm zu Hause. Er gibt uns seine Adresse. Am Arsch der Welt 1. Es steht zu bezweifeln, dass es dort auch so etwas wie eine Nummer zwei geben wird. Wahrscheinlich gibt es dort nur ein einziges Haus. Wir fahren mit dem Auto in das kleine ostsächsische Dorf nahe der Grenze, in dem man die Hunde bellen hört, aber weit und breit ist kein Mensch zu sehen. Wir müssen unser Auto stehen lassen und zu Fuß weitergehen. Israels Häuschen liegt mitten im Wald, hinter einem kleinen Berg. Wenn es hier Füchse und Hasen geben würde, würden sie sich hier Gute Nacht sagen, aber es gibt nicht einmal die. Tiefste Provinz. Wir klopfen an Israels Tür, da ein Schild davor warnt, dass die Klingel verdammt nochmal unter Strom steht.
„New York Times“, rufe ich. „Wir haben geemailt.“
Keine Antwort. Ich und meine Assistentin sehen uns ratlos an. Wir klopfen an die Fenster, aber auch jetzt tut sich nichts. Dann laufen wir um das verfallene Häuschen herum. Es ist mehr eine Hütte als ein Häuschen. Das Dach ist in keinem guten Zustand. An einigen Stellen sind Ziegel heruntergefallen, die Löcher wurden mit blauen Müllsäcken zugestopft.

Auf der anderen Hausseite, sehen wir einen Mann Ende Dreißig mit langen blonden Haaren in einem Schaukelstuhl sitzen. Er hält eine Zigarre in der Hand und in der anderen einen Drilling, mit dem er auf uns zielt. Auf einem Tisch steht ein Krug mit selbstgebranntem Schnaps. Es riecht jedenfalls danach.
„Sind Sie Roman Israel?“, fragen wir ihn.
„Keine Ahnung“, antwortet der Mann. „Um was geht’s denn?“
Wir sprechen ihn auf Dan Gilroys neuen Film an und erinnern ihn daran, dass wir gemailt haben und an das fünfzehnminütige Interview, das er uns versprochen hat. „Hinsetzen“, sagt er zu uns „und dann machen wir erst mal das mit der Kohle!“ Meine Partnerin Deborah holt einen rosa Umschlag aus ihrer Handtasche, in dem sich die versprochenen zwanzig Euro befinden, fein gestückelt in fünf Euro Scheinen, genauso wie Israel es wollte. Keine Ahnung, was er damit vorhat. Wahrscheinlich Zigaretten kaufen oder so. Er zählt die vier Scheine zwei Mal durch, und erst als alles in Ordnung ist, nimmt er den Drilling herunter und legt ihn neben seinen Schaukelstuhl. Anschließend dreht er eine Sanduhr um, die wahrscheinlich exakt für fünfzehn Minuten Sand hat.

Danach ist er wie ausgewechselt. Seine Augen leuchten, er ist freundlich und bietet uns sogar etwas von seinem Schnaps an. Er habe da hinten im Wald eine kleine Destille, sagt er. Aus dem Internet wissen wir, dass er aus ärmlichen Verhältnissen in Ostsachsen stammt. Er hat sich von ganz unten nach ganz oben hochgearbeitet, um danach wieder nach ganz nach unten abzusinken. Sein Schnaps schmeckt nach Wald, Brombeeren, Himbeeren und ein wenig Moos. Wahrscheinlich gepuncht. Aber durchaus wohlschmeckend. Israel beobachtet unsere Reaktion auf seinen Schnaps. Er schaukelt in seinem Schaukelstuhl hin und her und fragt uns, ob alles in Ordnung sei. Er habe den Schnaps nämlich selbst nicht probiert. Er biete ihn eigentlich nur Fremden zum Trinken an. Mir läuft es kalt den Rücken herunter. Dann fragt Israel, worum es in Dan Gilroys neuen Film eigentlich gehe. Er habe ihn leider selbst noch nicht gesehen.
Wir erklären ihm, dass es sich bei „Roman Israel, Esq.“, so heißt der Film, um ein Kriminaldrama handelt, in dem Denzel Washington als idealistischer Rechtsanwalt, die Fehler der weniger selbstlosen Anhänger seines Berufsstandes um jeden Preis auszubügeln versucht.
„Genau wie in der Realität“, sagt Israel. Er erzählt uns, wie Dan Gilroy vor einem Jahr hier bei ihm gewesen sei, ihm beim Reparieren seines Kompressors geholfen habe und seinen Schnaps gelobt habe. „Ersetzen Sie in Ihrer Inhaltsangabe des Films einfach Rechtsanwalt durch Schriftsteller und Sie haben die exakte Beschreibung meines Lebens“, sagt Israel und macht plötzlich ein Gesicht wie ein Eichhörnchen, weil ein Eichhörnchen über das Dach seines Hauses hüpft.
Meine Partnerin Deborah kichert. Sie streicht sich die schönen Locken aus dem Gesicht, nimmt einen Füller und streicht akribisch das Wort Rechtsanwalt aus dem Film-Flyer heraus, den sie zwischen ihren Fingern hält. Dann wackelt sie mit ihren metallicblau lackierten Zehen herum. Sie liest vor: „Bei Roman Israel, Esq. handelt es sich um ein Kriminaldrama, in dem Denzel Washington als idealistischer SCHRIFTSTELLER, die Fehler der weniger selbstlosen Anhänger seines Berufsstandes um jeden Preis auszubügeln versucht. Seine dadurch entstehende Existenzkrise und das Verlangen, die Fehler der anderen SCHRIFTSTELLER wiedergutzumachen, treiben Roman Israel daraufhin zu extremen Handlungen …“
„… und er beginnt Lyrik zu schreiben“, brüllt Israel dazwischen.
„Bitte?“, frage ich.
„Das müssten Sie eigentlich noch ergänzen auf Ihrem Flyer … das Verlangen, die Fehler der anderen Schriftsteller wiedergutzumachen treiben Roman Israel zu extremen Handlungen, er beginnt Lyrik zu schreiben. Das hat Dan Gilroy natürlich in seinem Film weggelassen. Künstlerische Freiheit und so. Sie wissen schon.“ Israel zwinkert mit einem Auge, aber mir ist nicht klar, ob er damit andeuten will, dass seine Aussage ironisch gemeint war, oder ob er mit meiner Partnerin Deborah flirten will. Er reißt ihr den Flyer aus der Hand und liest vor: „So müsste es eigentlich heißen: Roman Israel (Denzel Washington) arbeitet in der Inner City von Los Angeles als Schriftsteller bei einem großen Verlag. Während er in seinen Texten für Gerechtigkeit sorgt, heimsen andere das Lob für seine Arbeit ein …“ Er sieht mir neunmalklug in die Augen. „Das Ganze ist eine einzige riesige Metapher auf Trumps Amerika. Haben Sie gemerkt, oder? Dan Gilroy musste das alles natürlich ein bisschen verfremden. Er konnte das ja so nicht so stehen lassen. Ich als das Vorbild für seinen Film bin das Gegenteil von einem Amerikaner. Ich bin Ostsachse und es ist ja ein uramerikanischer Film. Tuning ist da alles. Und wenn man ein Hollywood-Blockbuster machen will, kann man den nicht in Ostsachsen spielen lassen und man kann auch nichts über ostsächsische Schriftsteller machen, das interessiert doch niemanden. Das muss schon alles bisschen lebensnaher daherkommen. Deswegen hat Dan Gilroy die ganze Szenerie in eine Anwaltskanzlei in LA verlegt.“

Israel lacht und zielt mit seinem Drilling auf ein weiteres Eichhörnchen, das über sein Dach hüpft, das jedoch kurz darauf im Dickicht verschwindet.
„Aber hier ist doch was faul“, sage ich nach einigem Nachdenken und zeige ihm das Bild des Hauptdarstellers. „Denzel Washington ist ein Schwarzer, und ich will Ihnen jetzt nicht zu nahe treten, Herr Israel, aber Sie sind weiß? Wie passt denn das zusammen?“ Israel nickt, als habe er diesen Einwand schon tausend Mal gehört, während er meiner blauäugigen Partnerin schöne blaue Augen macht und versucht, ihr etwas unbeholfen seine Telefonnummer zuzustecken, obwohl uns seine Telefonnummer ja längst bekannt ist. Das würde einem Amerikaner wie mir natürlich nicht passieren, denke ich. Liegt wahrscheinlich daran, dass Israel aus Ostsachsen ist. Seit dem Mauerfall ist noch nicht so viel Zeit vergangen. Wie man mit Frauen umgeht, das kennen die hier nur aus amerikanischen Filmen. Aber Kopf hoch, aller Anfang ist schwer.
„Ich war nicht immer weiß“, sagt Israel. „Ich bin früher in den frühen Neunzigern viel im Solarium gewesen. Das war damals in, so wie heute Tattoos oder Piercings, deswegen ist Denzel Washington schon eine Art Idealbesetzung für den Film.“
„Und kann es auch sein, dass Sie nie in LA gelebt haben?“, fragt ihn meine Partnerin, um zu zeigen, dass sie nicht umsonst mit auf die lange beschwerliche Reise in den Osten gekommen ist. Warum musste sich Dan Gilroy ausgerechnet einen Ossi zum Vorbild für seinen Film nehmen. Warum nicht einen feschen Franzosen oder einen Kanadier?
„Stimmt, ich bin noch nicht viel rumgekommen in meinem Leben …“, sagt Israel. „Aber ich habe zumindest mal im sächsischen LA gelebt.“
„Es gibt ein sächsisches LA?“, fragt Deborah.
„Ja, Görlitz. Man nennt es auch Görliwood.“
„War Görlitz also so eine Art Trigger für Dan Gilroy, seinen Kriminalfilm nach LA zu verlegen?“, frage ich.
„Ich denke mal schon. Die beiden Städte sind sich ja ziemlich ähnlich. Also wenn man von dort in den Himmel sieht.“
„Herr Israel, und vielleicht noch ein kleiner Blick in die Zukunft“, sage ich. „Jim Jarmusch will hier bei Ihnen demnächst Ideen für einen neuen Schauerwestern sammeln. Wieder geht es um jemanden, der im Namen der Gerechtigkeit in den Ring steigt und einen Kampf mit denen da Oben ausficht, und wieder wird die Hauptperson Ihren Namen tragen. Warum eigentlich? Was ist so Besonderes an Ihrer Person? Liegt es vielleicht daran, weil Ihnen die Gerechtigkeit so besonders am Herzen liegt?“

Israel schweigt eine Minute lang, die mir wie eine halbe Ewigkeit vorkommt. Ich habe den Eindruck, die Falte zwischen seinen Augenbrauen ist auf einmal länger und tiefer geworden, und mir wird plötzlich klar, warum Jim Jarmusch seinen neuen Film „Sein Schweigen ist berüchtigt“ nennen will. Dann sehe ich, dass die Sanduhr abgelaufen ist. Israel grinst und zielt mit dem Drilling auf unsere Gesichter.
„Am besten Sie nehmen die nächste Straßenbahn“, sagt er.
„Es gibt hier eine Straßenbahn?“, frage ich.
„Nein. Ende Gelände, meinte ich“, und während wir gehen, gestikuliert er meiner Partnerin hinterher, dass er später noch mit ihr WhatsAppen möchte.
Auf dem Rückweg hören wir die Vögel singen. Es ist ein nettes kleines Paradies, in das sich Israel hier zurückgezogen hat – fernab jeglicher Zivilisation. Ein Ort, an dem bestimmt noch viele weitere Ideen für neue Filme entstehen werden.

Das Interview führte Peter Silly für die New York Times. Dan Gilroys neuer Film „Roman Israel, Esq.“ kommt im Herbst 2017 in die Kinos.

(Premiere am 22.08.17 bei einem Sax Royal Spezial zum Thema „Gesichter“ im Deutschen Hygienemuseum Dresden)

The place to be

Ich war bei meinem Freund Uwe zu einer Geschäftsparty auf einem Partyboot eingeladen, das in den nächsten Stunden die Spree zwischen Rummelsburger Bucht und Müggelsee entlang tuckern würde. Er und ich hatten früher zusammen studiert, Sprachwissenschaften, in Dresden. Dann ging er zu einem renommierten deutschen Verlag nach Berlin und ich zu einer ebenfalls renommierten deutschen Firma, allerdings in der Lebensmittelindustrie, wo ich im Instantsuppen-, Brühwürfel- und Flüssigwürzebereich eine Anstellung fand. Mein Gehalt war so ziemlich genau die Quadratwurzel aus dem Gehalt von Uwe. Außerdem schnappte er mir die Frau meines Lebens direkt vor der Nase weg und zeugte ein Kind mit ihr. Uwe bedauerte das immer sehr. Aber ich meine, wer mit den Techniken des Kinderkriegens herumexperimentiert, kann nicht im Nachhinein behaupten, er hätte nichts vom teuflischen achtzehnjährigen Kater gewusst, der sich einem solchen Experiment meistens anschließt.

Das Partyboot sah aus wie eine große Version eines Huckelberry-Finn- Floßes und tuckerte gemütlich mit knappen fünf km/h vor sich hin. Es stand immer mal jemand anderes am Steuer. Man brauchte nicht mal einen Führerschein dafür. Weil ich niemand auf Uwes Party kannte, nicht einmal mich selbst, stand ich für eine halbe Stunde allein herum und grinste in den Fahrtwind hinein, bis ich später ans Steuerrad durfte. Dadurch kam ich mit einem Mann ins Gespräch, der ebenfalls in den Fahrtwind hinein grinste und somit seinen Anspruch bekräftigte, das Boot als nächstes steuern zu dürfen. Er stellte sich mir als Karsten vor. Während ich das Steuerrad bediente und das Boot von 5 km/h auf unglaubliche 5,5 km/h beschleunigte, quatschten wir ein bisschen miteinander.

„Und, du so?“, fragte er mich. Ich brauchte alle Reserven meines Gehirns, um auf Multitasking umzuschalten, und sagte nach einer langen Denkpause: „Ach, wir kürzen das am besten gleich mal bisschen ab. Ich bin Texter.“
„Ach? Und wovon handeln deine Texte, wenn ich mal neugierig sein darf?“, fragte Karsten. Er hatte die Stimme eines Elches, das heißt, wenn Elche sprechen könnten.
„Tütensuppe“, sagte ich leise.
„Hab ich richtig verstanden: Deine Texte handeln von Tütensuppe?“
„Pst, nicht so laut. Muss ja nicht jeder gleich jeder hören. Ich schreibe Gebrauchsanweisungen für Tüten-Suppen.“
„Rindfleisch oder Tomate?“, brüllte er und nuckelte an seinem Drink – einem Manhattan herum.
„Bitte?“, fragte ich.
„Na, Rindfleisch oder Tomate? Ich mag nämlich Rindfleisch nicht. Ich meine, die armen Tiere.“
„Achso, das kann ich mir nicht aussuchen“, erwiderte ich, „manchmal bin ich im Team Rindfleisch und manchmal im Team Tomate. Und wenn mein Chef seinen guten Tag hat, darf ich auch mal zur Heeresgruppe Ochsenschwanz. Ochsenschwanz wird nämlich nicht mehr in so großen Mengen hergestellt. Da kann man als Texter ‘ne ruhige Kugel schieben.“
„Ochsenschwanz? Ich dachte, die gibt’s ni mehr?“
„Ja, die wäre tatsächlich fast vom Markt verschwunden“, sagte ich. „Aber dann haben Maggie und Knorr sich ein Wettrüsten geliefert und Millionen und Abermillionen in Werbekampagnen gesteckt, um die Traditionsmischung wiederzubeleben.“
„Sind da wirklich Ochsenschwänze drin?“
„Nee, deswegen läuft es ja gerade wieder so gut. Die Suppe bestand schon immer nur aus angebratenem Sägespänen und Mehl. Noch veganer geht’s nicht.“
„Darf ich jetzt auch mal?“, fragte er mich, er meinte das Steuerrad, und ich übergab es ihm. Ich ließ mir eine Bloody Mary mixen und kam zurück.

„Und was machst du, beruflich meine ich?“
„Ich arbeite gar nicht“, erwiderte Karsten und fand sich cool darin, dass er im Gegensatz zu mir das Steuerrad immer hin und herdrehte, sodass das Boot ins Schlingern geriet und die Partygäste darüber lachten.
„Ach, herrje. Arbeitslos?“
„Nein, ich hab ‘ne Arbeit. Aber ich tue nichts.“
„Wie geht das denn? Minister ohne eigenes Resort?“
„Nee, ich arbeite immer ein halbes Jahr am Stück und dann mach ich ein halbes Jahr gar nichts, um mich zu erholen.“
„Gar nichts?“
„Naja. Ich sitz auf’m Balkon und zeichne.“
„Was zeichnest du denn? Frauenärsche?“ Ich lachte.
„Nee, Löcher.“
„Löcher?“
„Ja, große Ansammlungen aus Nichts.“
„Und was ist mit Karriere?“, fragte ich.
„Pff“, sagte er. „Und bei dir?“
„Pff“, sagte ich auch. „Hab keine Lust, im Hamsterrad mitzulaufen.“ Ich sagte es besonders laut, damit auch Uwe mithören konnte. Aber der hatte mich nicht gehört und lachte über seinen eigenen Witz, den er gerade drei Blondinen erzählte.
„Nee, ich oh ni. Löcher malen, das ist meine wahre Berufung, das andere mach ich nur zum Geldverdienen.“
„Und womit verdienst du dein Geld?“
„Na, ich bin Herrenfrisör. Aber ich hab umgeschult. Auf Bart-Stylist. Heute hat ja jeder ein eigenes Haarschneidegerät zu Hause und rasiert sich ne Glatze. Selbst die Frauen. Aber seinen Holzfällerbart, den kann eben nicht jeder selbst schneiden. Sagen wir mal, es hat sich alles nach unten verlagert. Manche wollen sogar ‘ne Kaltwelle am Kinn.“
„Wer weiß, was als nächstes kommt“, sagte ich und stellte es mir bildlich vor. „Wenn sich alles immer weiter mehr nach unten verlagert, vielleicht musst du dann irgendwann wieder umschulen?“
„Wir wollen es nicht hoffen. Am Arsch ist bei mir Schluss.“

Später unterhielt ich mich noch mit einer betrunkenen Polin, die seit zwanzig Jahren in Berlin lebte, aber nichts Gutes von der Stadt zu berichten hatte. „Berlin ist so am Arsch“, sagte sie mit Tränen in den Augen. „Jeder, den ich hier treffe, lebt von der Stütze. Wer in Berlin lebt, muss einfach scheitern.“ Ich fragte sie, warum sie dann in Berlin lebe und nicht zurück nach Polen ginge, wenn es ihr hier nicht gefalle.
„Na, weil Scheitern einfach geil ist! Scheitern ist das neue Wuhuhuhu“, und so eilte sie auf die Tanzfläche.
Ich lehnte mich auf die Brüstung. (Längs des Kanals reihten sich einige exklusive Berliner Nachtclubs und Bars aneinander. Jede Location hatte andere Laternenfarben. Rot, gelb oder lachsblau. Es erinnerte mich ein bisschen an Thailand.)

Ich hatte nicht gemerkt, wie Uwe sich von hinten an mich herangeschlichen hatte, um mir meinen Jute-Beutel von den Schultern zu reißen, auf den in Großbuchstaben Dresden – the place to be stand. „Komm, Roman, wir bringen mal ganz schnell deinen Beutel hier weg. Du siehst ja aus, als kämst du aus der Provinz“, sagte er.
„Aber ich komme doch aus der Provinz“, erwiderte ich.
„Pscht, nicht so laut“, flüsterte Uwe.
„Aber du kommst doch auch von da“, sagte ich.
„Hör schon auf. Jeder kommt hier von irgendwo. Aber wenn dich jemand fragt, woher du mich kennst. Sag bloß nicht aus Dresden. Wir kennen uns aus Berlin, verstanden? Mir sin‘ hier gebuooor‘n wor‘n.“

Dann stand ich eine Weile allein herum, bis ich das Steuerrad wieder an mich reißen konnte. Kurz darauf kam ich mit einem Mann ins Gespräch, der als nächster das Steuer haben wollte.
„Woher kennen Sie eigentlich unseren Gastgeber“, wurde ich (etwas schnippisch) gefragt, als gehöre ich nicht hier her.
„Ach, wir kennen uns noch aus … ach, von gaaaanz früher, aus Berlin.“
„Ach, Sie arbeiten wohl auch bei Suhrkamp?“
„So ähnlich, ich bin im Suhrkamp Verlag der Tütensuppenbranche.“
„Ach“, sagte er, mich bemitleidend.
„Ach“, sagte ich, mich bemitleidend.
Und jetzt wollte er mir das Steuer aus der Hand reißen, als gezieme es sich für einen Tütensuppen-Branchist nicht, das Steuerrad einer Suhrkamp-Party zu halten. Aber das ließ ich mir nicht nehmen und drehte es scharf nach links, sodass er ins Wasser kippte.
„Oh“, sagte ich.
„Mach dir keen‘ Kopp. Der is‘ ne‘ von hier! Das war eh nur ‘n Schwabe ;)“, rief mir Uwe von weitem zu.
„Wenn das so ist“, sagte ich, und es wurde noch ein netter Abend.

(Premiere am 08.06.17 bei Sax Royal, Dresden)

Mein Experimental-Gedicht „Isn it“

„Isn it“ besteht zum größten Teil aus Textmaterial, das via Sampling zu einem Gedicht rekombiniert und erweitert wurde. Das Ausgangsmaterial stammt aus der Gebrauchsanweisung eines chinesischen Herstellers für Männer-Funktions-Unterwäsche, das mittels eines (nicht ganz so perfekten) Übersetzerprogramms ins Deutsche übertragen wurde. Später wurde dieses Rohmaterial von mir um diverse Rhythmen, Reime und Zeilenumbrüche erweitert und umgebaut. Als ich den Text später vortragen wollte, merkte ich, dass es weit über das hinausging, was meine Stimmwerkzeuge sprachlich leisten konnten. Also suchte ich nach einer App, die Text in Sprache umwandeln kann. Nach der ersten Soundprobe merkte ich, dass mir die App textlich und sprachlich ganz neue Möglichkeiten bot. Nach einem weiteren app-kompatiblen Umbau des Textes und Herumstellen an diversen Stellschrauben, entstand nun also vorliegender Text „Isn it“. Man sollte aber nicht vergessen, dass es sich immer noch um einen Gebrauchstext für Männer-Funktions-Unterwäsche handelt(!), wenngleich auf einem höheren „Seinslevel“ 😉 Enjoy it!

soundcloud.com/romanisrael/isn-it-lyrik

(Premiere in der Bonusrunde der letzten Sax Royal Lesebühne 11.05.17)

Ich bin das Walross

Lucie ist schon längst im Wasser und taucht, während ich noch ziemlich nahe am Ufer stehe und vorsichtig meine Knie benetze. Tropfen für Tropfen. Tröpfchen für Tröpfchen. Kalte Tröpfchen! Jedes einzelne fühlt sich auf meiner Haut an, als hätte es eine Temperatur von drei Kelvin also -270 °C. Strandurlaub in der Antarktis ist nichts dagegen.
Der Seegrund des Cospudener Sees, der von den Leipzigern liebevoll „Cossi“ genannt wird, ist voll mit schleimigem Algenbrei. Er sieht aus wie ein Kartoffelmus der Tiefe. Ein Humus des Grundes. Ein Obazda der Fische. Es gibt sicher mengenmäßig Menschen, die das in sich hineinstopfen würden. Freiwillig. Ich denke da an einen Dip für ein Veggie-Meal und ein tolles hippes Start-up in Berlin, die dieses breiige Algenmus als das the next big thing auf die Bevölkerung loslässt. Naja. Ich esse übrigens gern Haferbrei. Schmeckt nicht, ist aber billiger. Billiger als alles, was teurer ist. Also alles, mit Ausnahme von Trockenhefe. Die ist noch billiger, 8 Cent das Päckchen. Aber gut, Trockenhefe ist nicht besonders nahrhaft und wenn man sie herunterschluckt und sie im Bauch aufgeht, dann, Prost Mahlzeit. Da würde ich nicht danebenstehen wollen.

Ursprünglich dachte ich diese ganze Sache hier laufe ein wenig anders ab, ich dachte: ich und Lucie, wir fahren zusammen an den See und verbringen ein bisschen Zeit gemeinsam, um uns kennenzulernen. Aber kurz nachdem wir angekommen waren, fragte sie mich, ob nicht auch Marco vorbeikommen könne – Marco, der den Namen Ralf rülpsen kann. Und Marco brachte dann noch Toralf, den Schalen mit. Und außerdem: Nico, den alle Sabine nennen. Alle drei breiteten sie ihre Handtücher um unsere herum aus und als sie damit fertig waren, fragte mich Lucie, ob es für mich ok sei, dass ihre Kumpels mit hier wären, und ich dachte mir, warum fragst du mich das jetzt erst? Jetzt noch nein zu sagen, war etwas spät. Das würde sich niemand trauen, außer ein ganz Ausgefuchster vielleicht, dem alles egal war, der nichts mehr zu verlieren hatte, ein Donald Trump des Datings vielleicht, oder ein Putin oder ein Hitler.

Lucie schnorchelt vor mir auf und ab. Als sie auftaucht, ist ihr Bauch ganz grün und sie versichert mir, dass sie keine Schlampe sei, sondern dass sie heute Morgen geduscht habe. Außerdem sei sie nicht mehr grün hinter den Ohren, egal wie grün hinter den Ohren sie jetzt gerade sei. Sie lacht. Ich reibe an meinen Augen herum und Lucie fragt mich, ob ich Kontaktlinsen trage. Woher wusste sie das? Hatte ich ihr in den wenigen Stunden, in denen wir uns kannten, davon erzählt? „ Du bist also eigentlich eine Brillenschlange?“, sagte sie skeptisch und musterte mich noch einmal ganz genau, als sei sie sich nicht mehr ganz sicher, ob es so eine gute Idee sei mit mir baden zu gehen. Mir fielen ihre Wimpern auf, die lang waren wie die eines Kamels und dazu hatte sie braune traurige Rehaugen. Sie warf sich wieder ins Wasser und tauchte ab, während ich immer noch ganze dreißig Zentimeter vom Land entfernt stand. Alles um mich herum blendete und funkelte, keine Wolke war am Himmel. Es war einer der ersten Sommertage in diesem Jahr.
„Komm, wir schwimmen wenigstens bis zur Boje“, sagte Lucie, nachdem sie wieder aufgetaucht war. „Oder willst du etwa ewig da im Seichten rumstehen?“

„Ich weiß nicht, das Wasser ist ganz schön kalt“, erwiderte ich und trat auf der Stelle herum, als würden ein paar Krebse unter meiner Fußsohle Hochzeit feiern. Trotzdem hatte ich mich in den letzten fünfzehn Minuten keinen Millimeter von der Stelle gerührt. Nicht einmal einen Nanometer war ich in Richtung tieferes Wasser hineingewatet. Es stand mir immerhin schon bis knapp unter die Knie. Eine Bugwelle eines Motorbootes näherte sich und ich stellte mich vorsichtshalber auf die Zehenspitzen. Die Wellen schubsten mich sogar einen halben Zentimeter zurück in Richtung Land. Wenn ich noch ein, zwei Stündchen warten würde, würde ich ganz von selbst wieder zur Landratte werden. Der See hatte also vor, mich wieder auszuwürgen – wie eine Katze ihr Gewölle. Ich war ihm wohl nicht gut genug.
Plötzlich kommen der Ralfrülpser, Marco, dann Toralf, der Schale, und Nico, den alle Sabine nennen auf mich zu gerannt und sie stürzen sich direkt neben mir in die Fluten. Sie haben keine Zeit darüber nachzudenken, wie kalt es wirklich ist. Noch ehe sie die Kälte spüren, sind sie schon drin und wer einmal drin ist bleibt auch drin. Zum Glück habe ich einen Schritt rückwärts gemacht, um nicht von ihnen nass gespritzt zu werden und stehe nun halb mit den Fersen wieder an Land.

Die anderen schwimmen los. Ralfrülpser Marco versucht Lucie zu imponieren, indem er ständig Ralf, Ral, Ralf rülpst, Toralf, der Schale bricht in ein monotones Kichern aus und fordert Nico, den alle Sabine nennen, auf, mitzulachen, indem er ihn Sabine nennt. Nach wenigen Augenblicken sind sie raus auf den See geschwommen, tauchen und bewerfen sich mit Algenmus. Ich bin leider immer noch nicht drin. Stattdessen bewundere ich Lucies wassergetränkte rotgelockte Haare, die sich jetzt eng an ihren Kopf schmiegen und denke: Warum trägt sie sie nicht kurz? Ihr fehlt nur ein bisschen Mut.
„Sag mal, Memme, wie lange brauchst du eigentlich noch?“, fragt mich Lucie, die den drei anderen traurig nachblickt.
„Bin gleich drin“, sage ich.
Ich sehe eine alte Oma im Neoprenanzug an mir vorbeischwimmen und prusten und denke: So einen bräuchtest du auch. Dann wärst du längst drin.
„Ach, jetzt komm schon endlich, Roman. Die anderen sind schon fast auf der anderen Seite. Ihre Köpfe sind schon ganz klein.“ Sie haben tatsächlich schon ein gewaltiges Stück Weg zurückgelegt, aber auf der anderen Seite sind sie noch lange nicht, denke ich. Das andere Ufer liegt mindestens einen Kilometer weit entfernt. Aber wenn der dauerhaft Ralfrülpsende Ralfrülpser nicht dabei wäre, wüsste man nicht, dass es sich um Lucies Kumpels handelte. Ich bewegte mich wieder ein Stück ins Wasser. Aber gaaaaanz langsam. So! Wenigstens bis zu den Knöcheln, oder naja, sagen wir, noch ein Stück bis zu den Knien. Aber nicht weiter!

„Mann, das dauert, ich will heute wenigstens mit dir bis zur Boje schwimmen“, sagte Lucie.
Bis zur Boje? Oje, dachte ich. Ich sah hin. Die rote Boje schaukelte in einer Entfernung von hundert Metern auf und ab, mir wurde plötzlich ganz schwindelig und ich sah richtig unscharf, als würde ich auf dem Dach eines Wolkenkratzers stehen. Hundert Meter, das war eine Strecke, die ich beim Hundertmeterlauf in gerade mal zwölf Sekunden zurücklegen konnte. Aber hier auf dem Wasser, fühlte sie sich wie ein Halbmarathon an.
„Ich hab irgendwie noch ganz schön Muskelkater von gestern“, sagte ich. Auf einmal tauchte Lucie. Ich zählte die Sekunden, aber sie tauchte nicht wieder auf. Dann sah ich vor mir im Wasser etwas großes, schweres, einen Riesenfisch auf mich zuschießen, und ich verlor den Boden unter den Füßen, denn etwas packte mich an den Knöcheln und schwupp, fiel ich ins Wasser. Rückwärts. Ich weiß nicht wie, aber irgendwie schaffte ich es dabei nur am Bauch nass zu werden, denn ich fiel halb auf den Sandstrand. Meine Haare und alles Übrige waren furztrocken geblieben. Lucie tauchte wieder auf. Sie sah so viel jünger aus, wenn ihr das Wasser übers Gesicht lief und sie die Haare mit einem lässigen Schwenk hinter sich zurückwarf. Ich verzog das Gesicht und stieß die Laute eines Sterbenden aus: „Ahhhchh, ahhhhchh! Mein Bauch ist nass, mein Bauch ist nass.“ Dann bewegte ich mich noch ein Stück rückwärts in Richtung rettendes Land, wo ich mich erstmal vom Schock erholte.
Mein Bauch trocknete schnell. Eine Viertel Stunde später sah ich die drei Jungs wieder aus dem Wasser steigen und sich Ralfrülpsend und grinsend abtrocken, und weitere zehn Minuten später gingen sie schon wieder ins Wasser. Und ich stand immer noch da. Die Sonne hatte sich mittlerweile ein gewaltiges Stück vom Fleck bewegt und die Mücken tanzten über dem Wasser Lambada.

„Wie lange willst du da noch stehen?“, fragte Lucie, die seit einer halben Ewigkeit vor mir schwerelos im Wasser schwebte. „Es gibt Leute, die gehen schon das dritte Mal ins Wasser.“ Die Oma im Neoprenanzug zog graulend an uns vorbei und immer wenn sie den Kopf dabei drehte winkte sie uns mit ihrer Zunge zu, die wie ein nasser Lappen durch die Luft geschleudert wurde und auf das Wasser klatschte.
„Vielleicht sollte ich einfach wieder rausgehen“, rief ich. „Ich glaube, Flüssigkeiten sind nicht so mein Ding.“
„Und was ist mit Bier? Ist das etwa auch nicht dein Ding?“, schimpfte Lucie und warf mir einen giftigen Rehaugenblick zu, der dem eines Satans ebengebürtig gewesen wäre.
„Ich glaube, wenn der Cossi aus Bier wäre, wäre ich längst drin“, sagte ich.
„Na also! Stell dir einfach vor, er wäre es, er wäre aus Bier. Komm jetzt, Roman. Einmal schwuppdiwupp, wir beide um die Boje.“
Ich sah wieder zur Boje hinaus. Zwei alte Frauen mit lustig aufgebauschten Badekappen, die ihren Köpfen eine alienartige Gestalt gaben, schwammen dort mit müden Armbewegungen auf der Stelle. Sie redeten miteinander und lachten schallend. Etwa über mich?
„Und wenn ich beim Schwimmen plötzlich einen Krampf habe und jämmerlich ersaufe?“, sagte ich.
„Wenn du nicht gleich reinkommst, dann ersäufst du tatsächlich. Ich werde das persönlich in die Wege leiten.“ Lucie machte eine Würgegeste mit den Händen, machte einen Satz und riss mich dabei um. Peng! Drin waren wir. So einfach ist das also! Trotzdem ist das Wasser unendlich eisig. 24 oder vielleicht sogar nur 23,5 Grad. Ich denke an Menschen, die im 2005er Jahrhundertwinter Eisbaden und denen das Herz dabei stehen bleibt.

Unsere Füße berühren sich beim Schwimmen. Wir schwimmen tatsächlich in Richtung Boje. Lucie erzählt mir dabei von ihrem Ex-Freund, der immer ohne Badehose schwimmen ging. Einmal sei er sogar nackt bis zur anderen Seeseite geschwommen. Als er drüben war, hätte er aber keine Kraft mehr gehabt zurückzuschwimmen, sagte sie, aber er habe auch keine Lust gehabt, die fünf Kilometer an der Strandpromenade entlang nackt wieder zurückzulaufen.
Ich schüttle mich, weil ich plötzlich daran denken muss, dass der Cospudener See 50 Meter tief ist. Zwischen mir und dem Grund sind also 50 Meter braun gefärbtes, undurchsichtiges Wasser und auf dem Grund eine ein Meter dicke Schicht aus Algenbrei. Falls meine Arme jetzt schlapp machen würden, konnte das mein Ende sein. Im selben Moment merke ich, wie meine Arme schlapp werden. Ich glaube, das war’s. Ich werde also jämmerlich ertrinken. Ausgerechnet jetzt, ausgerechnet hier, vor den Augen einer schönen Frau.
„Hast du mir überhaupt zugehört?“, fragte Lucie.
„Na klar“, erwidere ich und nahm unfreiwillig einen großen Schluck Wasser als schwämme ich in Bier. „Was hat er da gemacht? Ich meine …“, ich hustete, „ich meine, dein Freund, als er auf der anderen Seeseite war und nicht nackt zurücklaufn wollte, was hat er da gemacht?“, ich hustete wie blöd.
„Er hat sich drüben ne Luftmatratze geklaut …“
„Und ist darauf zurückgeschwommen?“, ergänzte ich.
„Nee, er ist gelaufen. Die Matratze hat er sich vor den Schwanz gehalten. Das Ding wollte einfach nicht mehr abschwellen.“

Lucie ist mir schon etwas voraus. Bis zur Boje ist es immer noch ewig weit. Ich falle zurück. Ich bin am Ende meiner Kräfte, völlig außer Atem. Durch meine Haut suppt schon das Wasser wie durch ein Sieb.
„Ich glaube, ich schaffe es nicht bis zur Boje“, rufe ich mit letzter Kraft. Doch Lucie hat kein Mitleid, sie sieht sich nicht mal nach mir um. „Ich würde es ja verstehen, wenn du ein Walross von 500 Kilo wärst, aber in deiner Kontaktanzeige hat gestanden, dass du Sport machst“, sagte Lucie.
„Verdammt, ich mache Sport“, rufe ich. „Ich bin einfach nicht in Form.“
„Und dein Muskelkater, von was soll der sein, wenn du angeblich Sport machst, so wie du sagst?“
„Ich hab gestern einen Kasten Bier die Treppe raufgeschleppt. Also einen kleinen“, sagte ich.
Ich kann wirklich nicht mehr. Ich bin selbst etwas bestürzt darüber, wie schlecht ich in Form war und ich war noch nicht mal Ende zwanzig.
„Blllbllll, bllllblll“, sagte ich, schloss die Augen und machte kehrt. Das Herz dieser Frau zu erobern hatte ich mir irgendwie einfacher vorgestellt. Ich hatte mir vorgestellt, Lucie und ich würden am Strand sitzen, uns betrinken, ich mache ein paar Witze und irgendwann zeigt sie mir, wo ihr Ex-Freund wohnt und wir bewerfen seine Fensterscheiben mit Algenmus. Naja, hat nicht sein sollen.

Ich schwimme mit allerletzter Kraft zurück zum Strand und werde von meinen Konkurrenten – vom Ralfrülpser Marco, von Toralf, dem Schalen und von Nico, den alle Sabine nennen – mit einem milden Lächeln in Empfang genommen, während Lucie weit über die Boje hinausschwimmt und einige Zeit später nur noch als winzig kleines Pünktchen zu erkennen ist. Ob sie jetzt bis hinüberschwimmt und irgendwann zu Fuß und nackt mit einer geklauten Luftmatratze zurückkommt?, frage ich mich. Die anderen drei sehen mich an als wären wir Rivalen, finsterste Rivalen. Auch sie scheinen wild entschlossen zu sein, auf Lucie zu warten. Ich war wohl in eine Falle hinein geraten. Das hier war kein gemütliches Kennenlernen zu zweit, sondern eine Massenveranstaltung in Sachen Brunft. Das stärkste Männchen gewinnt. Darauf hatte ich ehrlichgesagt keine Lust. Ich warf noch einen letzten Blick aufs Wasser, auf Lucie, die nicht mehr zu sehen war, gab den anderen meine Hand und packte unsere Sachen, um kurz darauf wie ein Walross an der Strandpromenade entlang zur anderen Uferseite zu watscheln, um Lucie dort mit einem trockenen Handtuch in Empfang zu nehmen, und sie auf diese Weise von mir zu überzeugen. Alles oder nichts, dachte ich, und hoffte auf Glück.

(Erstmals vorgetragen am 13.04.17 bei der Lesebühne Sax Royal in der Dresdner Scheune)

Im Bett oder: Tag des Karpfens

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Es war Sonntag, Tag des Karpfens oder Karpfentag, wie man hier sagt. Der Teich neben dem Dorfanger war schon abgelassen, als wir hinkamen. Kein Wasser mehr drin. Ein Schwan stand dort im Matsch und konnte es nicht fassen, dass das Wasser weg war. Wütend schlug er mit den Flügeln als wollte er sagen: „Das ist doch nicht euer Ernst, Alter!“
Der Teichgrund bestand aus einer dicken Schlammschicht und war mit Abdrücken übersät, die in ihrer Form an Fische erinnerten. Am Morgen fand hier das Schaufischen statt. Tonnenweise Karpfen wurden hier abgefischt. Einige davon waren jetzt zu Suppe verarbeitet oder räucherten im Ofen bei 70 Grad vor sich hin.

Im Schlamm spielten ein paar Kinder Matschwerfen. Samuel-Orson und Lilith-Sardine, die wir der Einfachheit halber einfach nur Sam und Lili nannten, hatten ihre bunten Stiefel an und rannten zu den anderen Kindern, um sich an der Matschschlacht zu beteiligen. Das war Tradition. Seit vielen Jahren war diese Matschlacht Tradition. Seit der Karpfenteich e.V. jedes Jahr zur Abfischsaison ein Fest veranstaltete.
Ich und Lena, meine Angebetete, holten uns Fischsuppe und setzten uns an eine der Biertischgarnituren. Lena hatte ihre roten Stiefel an, die bis über die Knie reichten. Ich nenne sie immer „Pornostiefel“, weil ihre Stiefel die Blicke sämtlicher Männer auf sich ziehen. Aber nicht nur IHRE Stiefel waren es, die bewundert wurden. Jemand an unserem Tisch machte MIR ein Kompliment, wie gut mir mein neues Karpfen-Tattoo stehen würde. Es passe sehr gut zu meiner Hautfarbe. Und natürlich zum heutigen Karpfentag. Lena hatte das Tattoo für mich ausgesucht. Vorige Woche brachte ich es endlich über mich und vereinbarte beim Dorfstecher einen Termin. Ich bezahlte mit einem Gutschein. Den hatte ich von meinen Schwiegereltern zu Weihnachten bekommen. Und jetzt war schon August. Bald gab es den nächsten Gutschein. In zwei Wochen hatte ich Geburtstag. Lena stand auf Tattoos, sie hatte welche auf ihrer Wade und auf den Armen. Und eines am Hals. Ein großes T oder so. Vielleicht war es auch ein missglücktes Kreuz oder eine Reißzwecke, die auf dem Kopf steht.

Lena teilte die Tattoo-Begeisterung mit ihren Eltern. Die waren beide auch tätowiert. Ihr Vater trug sogar ein Tattoo im Gesicht – einen chinesischen Drachen, der sich in den Schwanz beißt. Man sah den Drachen nur, wenn sich Lenas Vater den Vollbart abrasierte. Als Lena mich ihren Eltern damals vorstellte, war das erste, was ihrem Vater an mir auffiel, dass ich nicht tätowiert war. Im Gegensatz zu meinem Vorgänger, der sogar eine eigene Tätowiermaschine besaß. In diesem Sinne müsste man sagen, dass ich und Lena eigentlich nicht zusammenpassten. Uns verband aber etwas anderes. Gegenseitige Abhängigkeit. Naja. Manche sagen, Lena sei nicht unbedingt mit dem schönsten Körper gesegnet. Aber für mich ist sie hübsch und stellt alle meine vorangegangenen Beziehungen in den Schatten. Kurze Beine. Ein schönes Gesäß. 123 Kilo. Und sie trägt immer diese lustige Kurzhaarfrisur mit den roten Strähnchen. Das ist schon etwas Besonderes, wie ich finde, jedenfalls dort, wo ich herkomme. Um das Verhältnis zu meinen Schwiegereltern von Anfang an auf eine solide Basis zu stellen, ließ ich mir diesen Tattoo-Gutschein von ihnen schenken. Was ich jedoch damals nicht bedacht hatte ist, dass so ein Tattoo weniger Körperschmuck, sondern eine Lebenseinstellung ist. Für mich fühlt sich mein Tattoo immer wie eine Verkleidung an. Im tiefsten Innern bin ich noch untätowiert und so nackt wie mich Gott geschaffen hat. Ich bin eigentlich kein Freund von Entscheidungen, die sich nicht rückgängig machen lassen. Irreversible Entscheidungen haben für mich etwas Endgültiges, wie der Tod. Außerdem: ein Tattoo ist wie ein offenes Buch. An ihm kann man ablesen, was für eine Art Mensch man ist. Das will ich nicht. Ich bin lieber ein Krakentier, das im Meer schwimmt, sich treiben lässt und seine Farbe wechselt wie es ihm gerade passt.

Sam kommt über und über mit Schlamm beschmutzt an unseren Tisch und lässt sich von Lena die Ärmel hochkrempeln. Er hat gehört, dass jemand mein Karpfen-Tattoo gelobt hat und fragt: „Krieg ich auch eins?“
„Nein“, sage ich.
„Jetzt noch nicht“, berichtigt mich Lena.
„Aber die Lucifer-Lopez aus meiner Klasse hat auch schon eins“, sagt Sam. „Einen Fuchs. An der Backe.“
„An der Backe?“, frage ich.
„Ja, am Arsch.“
„Die ist aber auch schon acht, Sam“, sagt Lena. „Da musst du erstmal noch ein ganzes Stück wachsen.“
„Ich bin auch bald acht.“
„Wir warten, bis es soweit ist. Und dann suchen wir für dich einen schönen kleinen Arschanker aus“, sage ich.
„Ich will aber keinen Anker. Ich will einen Frosch“, erwidert Sam.
Ich erinnere mich noch, wie ich mit meinem Vater damals eine ähnliche Diskussion hatte. Es ging um einen Ohrring. Ich war zehn und der erste in meiner Klasse, der so ein Ding tragen durfte. Ich trug ihn genau zwei Wochen. Dann hatten alle Jungen in meiner Klasse einen und einige hatten sogar zwei, nebeneinander, und ich warf meinen weg.
Jetzt kam Lilli auch zum Tisch. Sie hatte etwas Glitschiges in den Händen und warf es auf den Tisch. „Hier, die wollten gerade ficken.“ Zwei Frösche hüpften panisch zwischen den Tellern herum. Einer der Frösche landete in der Suppe eines Opas, der mit an unserem Tisch saß. Lena schimpfte Lilli aus. Dicke Tränen kullerten über ihre Wangen. Ich nahm einen Löffel und fischte den Frosch aus der Suppe. „Jetzt haben Sie Froschsuppe“, sagte ich. „Entschuldigen Sie vielmals.“ Der Opa prostete mir zu. „Alles halb so wild. Sind doch nur Kinder!“ Das nur gab mir zu denken. Was, wenn es nun ich gewesen wäre, der für diesen Frosch auf seinem Teller verantwortlich gewesen wäre? Manchmal fürchte ich mich vor den Ureinwohnern hier.

Die Kinder kehrten zur Schlammschlacht zurück. Ich kam unterdessen mit dem Froschsuppen-Opa ins Gespräch. Wir unterhielten uns über den neuen Bürgermeister, der einen Gasthof zu einer Flüchtlingsherberge umbauen lassen wollte. „Wenn er das macht“, sagte der Opa, „dann ist Polen offen.“
Dann verstummte er plötzlich. Mehr wollte er nicht sagen, jedenfalls nicht in meiner Gegenwart. Mir war bekannt, wie die Leute hier tickten. Die Stimmung war angespannt und düster. Eigentlich verwunderlich, dass mein Laden bisher heil geblieben ist. A Propos, mein Laden. „Übrigens, ich hab vor Kurzem einen Laden aufgemacht“, sagte ich, um ein bisschen Werbung zu machen.
„Ach, Sie sind derjenige, der in den Handelshof eingezogen ist? Davon hab ich schon gehört. Wie läuft denn Ihr Laden?“, fragte der Opa.
Ich konnte mich nicht beklagen. Ich hatte mich auf Waren spezialisiert, für die hier in der Gegend ein erhöhter Bedarf besteht.
Lena hatte von einem Betrunkenen am Nachbartisch – einer Chimäre aus Karpfen und Kuh – einen Karpfen, aber leider keine Kuh geschenkt bekommen. Der Karpfen lebte noch. Ich war ein wenig eifersüchtig. Lena wollte mir später weismachen, sie kenne den Betrunkenen noch aus der Schule, es sei ihr ehemaliger Schulkamerad, ein gewisser Torsten T. Der Mann sah mindestens zwanzig Jahre älter aus als sie. Sein Bart war komplett weiß und seine Nase war gebrochen. Aber das schien Lena nicht zu stören. Sie kicherte, als sei sie noch zu haben.
Sam und Lilli kamen mit einer neuen Ladung Frösche zurück. „Die wollten alle miteinander ficken“, sagte Lilli vorwurfsvoll und schüttelte ihren Kopf. „Ist das normal?“
„Keine Ahnung“, erwiderte ich. „Vielleicht ist jetzt gerade Paarungszeit.“
„In der Kita haben sie gesagt, dass Ficken unanständig ist.
Ficken Menschen eigentlich auch?“, fragte Lilli.
„Selten“, sagte ich und sah Lena böse an. Und die sah mich böse an. Sam sagte: „Aber Klaro. Die ficken ständig. Ich hab sie schon mal dabei erwischt.“
Sam und Lilli sind nicht meine Kinder. Lena nennt sie manchmal Altlasten. Ich kann froh sein, dass sie mich nicht mit dem Nachnamen anreden. Sie sind beide ziemlich lebhaft und können ganz schön aufmüpfig sein. Vielleicht war das mit dem Heiraten doch keine so gute Idee, denke ich. Seit wir das gemacht haben, sehen uns alle seltsam an und bei uns ist irgendwie die Luft raus. Aber auf dem Dorf ist Heiraten nun mal Tradition. Und ohne solcher dörflicher Traditionen wäre mein Laden wahrscheinlich nie zum Laufen gekommen. Ich wäre arbeitslos. Niemand will mich hier einstellen.
Manchmal träume ich davon, wieder zurückzugehen. Zurück in mein Dorf am Weißen See und da von vorn anfangen. Fische fangen, wie es mein Vater früher getan hat, als es dort noch Fische gab.

„Kommst du nochmal mit in den Teich?“, fragte mich Sam mit großen Augen. Lilli und er steckten mit den Augen schon wieder halb im Matsch. Ich sehe Lena an und die sagt: „Von mir aus!“ Ich denke daran, wie dieser Abend enden wird. Heute ist Sonntag. Lena wird mir einen runterholen. Sie macht es immer auf die gleiche Art und Weise wie ein mechanisches Gerät. Ich frage mich, ob sie mit ihren Kollegen manchmal über uns spricht. Frauen machen sowas. Die wollen wissen, wie das so ist, mit einem Schwarzen im Bett.
Ich sprang Sam und Lilli hinterher in den Matsch. „Schlammschlacht!“, rief ich und noch ehe ich ordentlich austeilen konnte, war ich schon über und über mit Schlamm beklebt. Es machte verdammt viel Spaß die Kinder mit Schlamm zu bewerfen und noch mehr Spaß machte es, wenn ich einen der beiden traf. Lena stand am Ufer und rümpfte die Nase, als wolle sie sagen: „Och, bitte. Wir sind hier doch nicht unten in Afrika.“
Irgendwann sagte sie: „So, wir gehen!“
„Bittebitte“, rief Lilli, „können wir nicht noch bisschen bleiben. Wir wollen doch sehen, wie die Frösche ficken.“ Sie sah mich an und es tat mir leid, dass ich nichts für Lilli tun konnte. „Frag deine Mama“, sagte ich.
„Nein. Die haben jetzt fertig gefickt“, sagte Lena.

Gemeinsam schlenderten wir die Dorfstraße entlang – Lilli und Sam an Lenas Hand, an je einer, und ich hinterher. Wir gingen an meinem Laden vorbei, bzw. eigentlich war es nicht wirklich mein Laden. Er war Lenas Idee. Es war Sonntag, aber ich hatte die Schaufensterläden offen stehen lassen, damit sich jeder die neuen Modelle ansehen konnte. Seit vorgestern habe ich eine Winchester bei mir ausgestellt. Aber die ist nur eine Attrappe, um mehr Menschen in meinen Laden zu locken. Niemand kauft eine Winchester. Die meisten kaufen Klappmesser und Ninjasterne oder Schreckschusspistolen oder Kleinkaliber. Das Geschäft entwickelt sich.
Dann sind wir am alten Schloss und spielen mit der Vogelscheuche, die dort im Park wegen der Stare aufgestellt ist. Am Abend gibt es Karpfen und später, als die Kinder im Bett sind, kommt Tatort und der Abend endet, wie jeden Tag, da wo er begonnen hat. Im Bett.

(Premiere bei Sax Royal am 09.02.17)