Görlitz I


die Straße ist ein hartes Pflaster
in Görlitzer Höfen findet ein hartes
Wettrüsten statt
wer hat den dicksten den längsten
den deepesten Docht mit dem niederfrequentesten
Brummen der
Sportauspuffwummen

das ist
angesagt wie warme Semmeln aber keine
warmen Semmeln

die holt man aus dem Froster
denn die Löhne sind niedrig im Vergleich
mit irgendwo (irgendwo darbt immer einer
muss ja aber doch nicht hier!) das nimmt mancher
sehr ernst und zum Anlass beim Wählen zu wählen

denn das Görlitzer Leben ist hard und behaart wovon
sich nur längere dickere Auspuffe leisten? das
wissen nur die Toten die dreisten
wäre es nur fri-er gewesen
jetzt kommen Fremde
Idioten die weitgereisten und nehmen den
Altfremden die Auspuffe weg denken
die und was bleibt ihnen dann noch
außer hungern für den guten Zweck?

im Fernsehen kommt TV

tagsüber ficken Hunde
oder machen Fondue oben wohnen Polen
ebenfalls Auspuffjünger
allerdings anders in Klang und Design

ümmer weint ein Chinese an
Jakob Böhmes Grab und ein greiser Knab
Achselbehaart steht am
MacGeiz in einer Schlange
erstmal anstellen denkt er sich
dann weiter nicht umgekehrt
vllt. gibt’s nen Sack Auspuffhalter hier
oder Bier

in der Stadt ist es nicht still
auf dem Land ist es nicht laut
hier lebt es sich nicht schlecht
und dennoch weiden sich viele
am Leiden so erzählt man sich so
erzählt man sich wär’s doch nur
wahr
ein bisschen

(Premiere am 14.12.17 bei der Lesebühne Sax Royal in der Dresnder Scheune)

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Görlitz II


ich habe den Fischen beim
Luftschnappen zugesehen und
den ruhigen Bewegungen des
Herbstes auf den Teichen
Blätter wirbelten wie kleine Galaxien-
leichen umher ein Angler deutschte Polnisch
in sein Handy hinein Libellen
bewegten sich zahm neben seinem
Bein kaum in Sorge sie könnten
erschreckt werden

in der Ferne zeichneten sich die Gipfel
des Riesengebirges ab vor polnischer
Hochhaussilhouette
auf den Kämmen lag
schon etwas Schnee oder war es nur
ein Abglanz der Sonne? ein Mädchen
summte gaga (Lady) und sagte wie gerne
es hier sei daheim zwischen dem
Görlitzer Sonnenschein und den
anderen Welten und trotzdem
komme es so selten
hier her
so selten so selten hierher
zwischen den Welten

sagte es als sei
es eine Kunst
davon zu sprechen

so selten so selten
zwischen den Welten

(Erstmals vorgetragen bei der Lesebühne Sax Royal am 09.11.17)
Görlitz II anhören kann man hier: https://soundcloud.com/romanisrael/gorlitz-ii

Mein Experimental-Gedicht „Isn it“

„Isn it“ besteht zum größten Teil aus Textmaterial, das via Sampling zu einem Gedicht rekombiniert und erweitert wurde. Das Ausgangsmaterial stammt aus der Gebrauchsanweisung eines chinesischen Herstellers für Männer-Funktions-Unterwäsche, das mittels eines (nicht ganz so perfekten) Übersetzerprogramms ins Deutsche übertragen wurde. Später wurde dieses Rohmaterial von mir um diverse Rhythmen, Reime und Zeilenumbrüche erweitert und umgebaut. Als ich den Text später vortragen wollte, merkte ich, dass es weit über das hinausging, was meine Stimmwerkzeuge sprachlich leisten konnten. Also suchte ich nach einer App, die Text in Sprache umwandeln kann. Nach der ersten Soundprobe merkte ich, dass mir die App textlich und sprachlich ganz neue Möglichkeiten bot. Nach einem weiteren app-kompatiblen Umbau des Textes und Herumstellen an diversen Stellschrauben, entstand nun also vorliegender Text „Isn it“. Man sollte aber nicht vergessen, dass es sich immer noch um einen Gebrauchstext für Männer-Funktions-Unterwäsche handelt(!), wenngleich auf einem höheren „Seinslevel“ 😉 Enjoy it!

soundcloud.com/romanisrael/isn-it-lyrik

(Premiere in der Bonusrunde der letzten Sax Royal Lesebühne 11.05.17)

Ozelot

am Ort wo es
nach Revolte riecht ich bin im
Rotrübensuppenesserland

wo Berg und Nebel anders
ticken u. die letzte Krüppelkiefer
lacht sich eins

und auch die Spione um mich
haben das Weite gesucht u.
ihre Drohnen stummgeschaltet

so einsam einsam nur
klarer grauer Wolkenwald
auch der Wind schweigt seit
ich aus der Biegung kam

Malinchen Eulinchen Kaninchen-Koch
ich bitte dich mir einen
Kuss zu senden mit
bitweise Marmelade drauf und
ich drucke ihn 3-D

und den ersten Alpendorst lege
ich den ich finde dir zu Ehren
zwischen Lippe-ober und Unter-
lippe und pfeife drauf

ich nehme mich beim Wort
ich bin nicht gerne
Ozelot

trashtag Neukölln

img_20160830_194054-2der Himmel ist dunkel vor
Fliegen man hört das Donnern von
S-Bahn-Zügen Herr Sommer liegt
in den letzten Zügen sitzt
auf dem Balkon und baut
sich noch was

Ecke #Sonnenallee they call
it heute Flachbau-Moschee
warten etliche Bärte
bis man ihnen aufmacht

und kleine Bärte
aus Schoki harren
geduldig vor der Vokü
gegenüber die niemand so nennt
denn das ist Hipster-Scheiß

das Leben geht so seinen Gang
eine Flasche Craftbeer fällt
ins Souterrain von oben
springt ein Anorak –
ein Hipster – und schreit:
„Hipster-Pack“
während er armrudernd
Land gewinnt

„Is‘er tot, wa? Wollte stressen?“
die Gaffer sind zu spärlich
bemessen einer hat sogar vergessen
die Polizei zu holen
da liegt er nun war einer
aus Polen oder sonstwo

drüben

der Himmel bewölkt sich
ist dunkel vor Fliegen man hört
das Donnern von S-Bahn-Zügen
Herr Sommer liegt in den letzten
Zügen und will sich noch was
zum Saufen besorgen

was war eigentlich gestern
was heute was morgen?

jedenfalls schreibt er
folgende semidramatische
Txt.-Nachricht an seine
Aysche, Frau Herbst:
_ _ _
bin isch weg
nochmal in Moschee;)
vor unser Haus liegt
Scherbe und totes Reh

MFG, wann kommst du
honey Dein – Fick disch ins Knie – wie Omma
Mr. Sommer

Achtung, Spoiler

img_20160915_174210-2
nahe Brandenburger Tor
direkt über dem ehemaligen FührerBUNKER
wachsen viele Quitten

aromatisch smart u.
zart und so voller Saft dass es
eigentlich schamlos wäre die
starrenden Reih-und-Glied- Touristen
nicht auf einen abscheulichen Irrtum hinzu-
weisen dass

es sich hier nämlich
nicht um Cydonia oblonga
aus der Familie der
Kernobstgewächse sondern
um die viel unbedeutendere
Gattung der Zierquitten
handelt

sie geben im Herbst
ein köstlich schmeckendes
Gelee

und vertragen einen starken
Schnitt sodass die Hecke
schmal gehalten werden kann

die beste Pflanzzeit
ist Anfang Oktober

Blütezeit: April
bis Ende Mai