The place to be

Ich war bei meinem Freund Uwe zu einer Geschäftsparty auf einem Partyboot eingeladen, das in den nächsten Stunden die Spree zwischen Rummelsburger Bucht und Müggelsee entlang tuckern würde. Er und ich hatten früher zusammen studiert, Sprachwissenschaften, in Dresden. Dann ging er zu einem renommierten deutschen Verlag nach Berlin und ich zu einer ebenfalls renommierten deutschen Firma, allerdings in der Lebensmittelindustrie, wo ich im Instantsuppen-, Brühwürfel- und Flüssigwürzebereich eine Anstellung fand. Mein Gehalt war so ziemlich genau die Quadratwurzel aus dem Gehalt von Uwe. Außerdem schnappte er mir die Frau meines Lebens direkt vor der Nase weg und zeugte ein Kind mit ihr. Uwe bedauerte das immer sehr. Aber ich meine, wer mit den Techniken des Kinderkriegens herumexperimentiert, kann nicht im Nachhinein behaupten, er hätte nichts vom teuflischen achtzehnjährigen Kater gewusst, der sich einem solchen Experiment meistens anschließt.

Das Partyboot sah aus wie eine große Version eines Huckelberry-Finn- Floßes und tuckerte gemütlich mit knappen fünf km/h vor sich hin. Es stand immer mal jemand anderes am Steuer. Man brauchte nicht mal einen Führerschein dafür. Weil ich niemand auf Uwes Party kannte, nicht einmal mich selbst, stand ich für eine halbe Stunde allein herum und grinste in den Fahrtwind hinein, bis ich später ans Steuerrad durfte. Dadurch kam ich mit einem Mann ins Gespräch, der ebenfalls in den Fahrtwind hinein grinste und somit seinen Anspruch bekräftigte, das Boot als nächstes steuern zu dürfen. Er stellte sich mir als Karsten vor. Während ich das Steuerrad bediente und das Boot von 5 km/h auf unglaubliche 5,5 km/h beschleunigte, quatschten wir ein bisschen miteinander.

„Und, du so?“, fragte er mich. Ich brauchte alle Reserven meines Gehirns, um auf Multitasking umzuschalten, und sagte nach einer langen Denkpause: „Ach, wir kürzen das am besten gleich mal bisschen ab. Ich bin Texter.“
„Ach? Und wovon handeln deine Texte, wenn ich mal neugierig sein darf?“, fragte Karsten. Er hatte die Stimme eines Elches, das heißt, wenn Elche sprechen könnten.
„Tütensuppe“, sagte ich leise.
„Hab ich richtig verstanden: Deine Texte handeln von Tütensuppe?“
„Pst, nicht so laut. Muss ja nicht jeder gleich jeder hören. Ich schreibe Gebrauchsanweisungen für Tüten-Suppen.“
„Rindfleisch oder Tomate?“, brüllte er und nuckelte an seinem Drink – einem Manhattan herum.
„Bitte?“, fragte ich.
„Na, Rindfleisch oder Tomate? Ich mag nämlich Rindfleisch nicht. Ich meine, die armen Tiere.“
„Achso, das kann ich mir nicht aussuchen“, erwiderte ich, „manchmal bin ich im Team Rindfleisch und manchmal im Team Tomate. Und wenn mein Chef seinen guten Tag hat, darf ich auch mal zur Heeresgruppe Ochsenschwanz. Ochsenschwanz wird nämlich nicht mehr in so großen Mengen hergestellt. Da kann man als Texter ‘ne ruhige Kugel schieben.“
„Ochsenschwanz? Ich dachte, die gibt’s ni mehr?“
„Ja, die wäre tatsächlich fast vom Markt verschwunden“, sagte ich. „Aber dann haben Maggie und Knorr sich ein Wettrüsten geliefert und Millionen und Abermillionen in Werbekampagnen gesteckt, um die Traditionsmischung wiederzubeleben.“
„Sind da wirklich Ochsenschwänze drin?“
„Nee, deswegen läuft es ja gerade wieder so gut. Die Suppe bestand schon immer nur aus angebratenem Sägespänen und Mehl. Noch veganer geht’s nicht.“
„Darf ich jetzt auch mal?“, fragte er mich, er meinte das Steuerrad, und ich übergab es ihm. Ich ließ mir eine Bloody Mary mixen und kam zurück.

„Und was machst du, beruflich meine ich?“
„Ich arbeite gar nicht“, erwiderte Karsten und fand sich cool darin, dass er im Gegensatz zu mir das Steuerrad immer hin und herdrehte, sodass das Boot ins Schlingern geriet und die Partygäste darüber lachten.
„Ach, herrje. Arbeitslos?“
„Nein, ich hab ‘ne Arbeit. Aber ich tue nichts.“
„Wie geht das denn? Minister ohne eigenes Resort?“
„Nee, ich arbeite immer ein halbes Jahr am Stück und dann mach ich ein halbes Jahr gar nichts, um mich zu erholen.“
„Gar nichts?“
„Naja. Ich sitz auf’m Balkon und zeichne.“
„Was zeichnest du denn? Frauenärsche?“ Ich lachte.
„Nee, Löcher.“
„Löcher?“
„Ja, große Ansammlungen aus Nichts.“
„Und was ist mit Karriere?“, fragte ich.
„Pff“, sagte er. „Und bei dir?“
„Pff“, sagte ich auch. „Hab keine Lust, im Hamsterrad mitzulaufen.“ Ich sagte es besonders laut, damit auch Uwe mithören konnte. Aber der hatte mich nicht gehört und lachte über seinen eigenen Witz, den er gerade drei Blondinen erzählte.
„Nee, ich oh ni. Löcher malen, das ist meine wahre Berufung, das andere mach ich nur zum Geldverdienen.“
„Und womit verdienst du dein Geld?“
„Na, ich bin Herrenfrisör. Aber ich hab umgeschult. Auf Bart-Stylist. Heute hat ja jeder ein eigenes Haarschneidegerät zu Hause und rasiert sich ne Glatze. Selbst die Frauen. Aber seinen Holzfällerbart, den kann eben nicht jeder selbst schneiden. Sagen wir mal, es hat sich alles nach unten verlagert. Manche wollen sogar ‘ne Kaltwelle am Kinn.“
„Wer weiß, was als nächstes kommt“, sagte ich und stellte es mir bildlich vor. „Wenn sich alles immer weiter mehr nach unten verlagert, vielleicht musst du dann irgendwann wieder umschulen?“
„Wir wollen es nicht hoffen. Am Arsch ist bei mir Schluss.“

Später unterhielt ich mich noch mit einer betrunkenen Polin, die seit zwanzig Jahren in Berlin lebte, aber nichts Gutes von der Stadt zu berichten hatte. „Berlin ist so am Arsch“, sagte sie mit Tränen in den Augen. „Jeder, den ich hier treffe, lebt von der Stütze. Wer in Berlin lebt, muss einfach scheitern.“ Ich fragte sie, warum sie dann in Berlin lebe und nicht zurück nach Polen ginge, wenn es ihr hier nicht gefalle.
„Na, weil Scheitern einfach geil ist! Scheitern ist das neue Wuhuhuhu“, und so eilte sie auf die Tanzfläche.
Ich lehnte mich auf die Brüstung. (Längs des Kanals reihten sich einige exklusive Berliner Nachtclubs und Bars aneinander. Jede Location hatte andere Laternenfarben. Rot, gelb oder lachsblau. Es erinnerte mich ein bisschen an Thailand.)

Ich hatte nicht gemerkt, wie Uwe sich von hinten an mich herangeschlichen hatte, um mir meinen Jute-Beutel von den Schultern zu reißen, auf den in Großbuchstaben Dresden – the place to be stand. „Komm, Roman, wir bringen mal ganz schnell deinen Beutel hier weg. Du siehst ja aus, als kämst du aus der Provinz“, sagte er.
„Aber ich komme doch aus der Provinz“, erwiderte ich.
„Pscht, nicht so laut“, flüsterte Uwe.
„Aber du kommst doch auch von da“, sagte ich.
„Hör schon auf. Jeder kommt hier von irgendwo. Aber wenn dich jemand fragt, woher du mich kennst. Sag bloß nicht aus Dresden. Wir kennen uns aus Berlin, verstanden? Mir sin‘ hier gebuooor‘n wor‘n.“

Dann stand ich eine Weile allein herum, bis ich das Steuerrad wieder an mich reißen konnte. Kurz darauf kam ich mit einem Mann ins Gespräch, der als nächster das Steuer haben wollte.
„Woher kennen Sie eigentlich unseren Gastgeber“, wurde ich (etwas schnippisch) gefragt, als gehöre ich nicht hier her.
„Ach, wir kennen uns noch aus … ach, von gaaaanz früher, aus Berlin.“
„Ach, Sie arbeiten wohl auch bei Suhrkamp?“
„So ähnlich, ich bin im Suhrkamp Verlag der Tütensuppenbranche.“
„Ach“, sagte er, mich bemitleidend.
„Ach“, sagte ich, mich bemitleidend.
Und jetzt wollte er mir das Steuer aus der Hand reißen, als gezieme es sich für einen Tütensuppen-Branchist nicht, das Steuerrad einer Suhrkamp-Party zu halten. Aber das ließ ich mir nicht nehmen und drehte es scharf nach links, sodass er ins Wasser kippte.
„Oh“, sagte ich.
„Mach dir keen‘ Kopp. Der is‘ ne‘ von hier! Das war eh nur ‘n Schwabe ;)“, rief mir Uwe von weitem zu.
„Wenn das so ist“, sagte ich, und es wurde noch ein netter Abend.

(Premiere am 08.06.17 bei Sax Royal, Dresden)

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Sonnenallee

Als bei mir das Geld mal wieder knapp wurde, musste ich mir einen Job suchen, zumindest vorübergehend, denn ich war nicht sonderlich scharf darauf, arbeiten zu gehen. Vor kurzem hatte mir ein Lesebühnen-Kollege, dessen Name hier nicht genannt sein darf, erzählt, dass er schon als Kind immer gehofft habe, nie in seinem Leben arbeiten gehen zu müssen, und er hat sich diesen Wunsch erfüllt. Er ist ein bekannter Kolumnist geworden – was nicht heißt, dass das keine Arbeit wäre. Aber es gibt Arbeit, die richtige Knochen-Arbeit ist und Arbeit, die auch noch Spaß macht. So eine Arbeit suchte ich auch, und so meldete ich mich auf beinahe fünfzig Anzeigen und schrieb immer: ich suche eine Arbeit, die Spaß macht, und erhielt – wenn überhaupt – nur Absagen.

Am Ende war ich so verzweifelt, dass ich mich in einer kleinen Elektroboutique, die genauso hieß, auf der Sonnenallee bewarb. Der Laden führte Handys, MP3-Player und Fernseher. Im Schaufenster meiner Elektroboutique stand ein Skelett, wobei nicht klar war, in welchem assoziativen Zusammenhang ein menschliches Skelett und dieser Laden zueinander standen. War das ironisch gemeint? Von wegen elektrischer Strom ergo Steckdose ergo Finger-in-Loch ergo Stromunfall, oder gehörte das Skelett vielleicht noch zu einem Vorgänger-Laden, einer Apotheke vielleicht? Hatte mein Chef nur vergessen die Schaufensterdeko zu entfernen? Das kam ja in Berlin oft vor. Ich erinnere mich noch an ein Seminar für Selbständige, das ich mal irgendwann als Maßnahme vom Jobcenter besuchen musste. Da hieß es: Was ein Geschäft am allerdringendsten braucht, ist ein Schaufenster. Das erzählte der Seminarleiter, nachdem eine junge Mutter einen Laden für Babyklamotten in ihrer Privatwohnung im achtzehnten Stock eines Plattenbaus in Marzahn aufmachen wollte. Außerdem bläute man uns dort ein, dass es nicht nur wichtig war, ein Schaufenster zu besitzen, sondern dass das Schauobjekt im Schaufenster und das, was man in seinem Laden verkaufen wollte, einen erkennbaren Bezug zueinander haben sollten. Das galt natürlich nicht für Neukölln! In ein Geschäft mit einem Schaufenster, was zu normal aussah, ging dort niemand rein. Einem Döner ohne Terrarium mit halb verwester toter Vogelspinne im Schaufenster, blieben dort glatt die Kunden weg. Es waren vorwiegend Leute aus dem Kiez, die hier vorbeikamen – meistens in ihren Hauslatschen oder im Bademantel. Wenn man in der Sonnenallee wohnte, da gehörte ja die Straße im Grunde noch zur eigenen Wohnung. Da musste man sich nicht extra schick machen. Und es störte auch niemanden. Es gab hier sowieso nur zwei Sorten von Menschen: Hipster oder Freaks, wobei man nie genau wusste, wer welchem Lager angehörte.

Ich kriegte den Job. Doch mein erster Kunde war zugleich auch mein letzter. Optisch anzusiedeln zwischen dem Dude aus The big Lebowsky und Donald Trump.
„Hallo. Ich hätte gerne einen Adapter, mit dem ich meinen USB-Schtick aufladen kann.“ Er sagte wirklich „Schtick“!
„Ein USB-Stick muss nicht aufgeladen werden“, erwiderte ich hübsch lächelnd. Das tat ich schon ganze fünf Sekunden lang und jetzt taten mir schon die Gesichtsmuskeln weh. Wie wollte ich das den ganzen Tag durchstehen?
„Meiner schon. Ich will ja damit Musik hören.“
„Sie können mit einem USB-Stick keine Musik hören. Sie meinen wahrscheinlich einen MP3-Player.“
„Nein, einen USB-Stick.“
„MP3-Player?“
„USB-Stick.“
„Ok, wenn Sie alles besser wissen. Warum stecken Sie Ihren USB-Stick dann nicht einfach an die USB-Buchse in ihrem Computer an, so können Sie ihn aufladen, wenn Sie glauben, dass er aufgeladen werden muss.“
„Mein Computer hat keine USB-Buchse. Der hat gar nichts. Der läuft mit Solar.“
„Solar? Sie meinen einen Taschenrechner?“
„Computer!“
„Taschenrechner?“
„Meine Oma hat gesagt, ich brauche einen Adapter, um meinen USB-Schtick aufzuladen, bevor ich via Bluetut Musik auf meinen Computer abspielen kann.“
„Bluetut? Wenn Sie meinen, dass Ihre Oma kompetenter ist als ich – ein Verkäufer einer Elektroboutique …“
„Meine Oma hat immerhin den Krieg mitgemacht.“
„Schön für Sie. Aber als Ihre Oma für den Führer ganz vorn an der Front stand, gab es noch keine USB-Sticks und auch kein Bluetooth.“
„Meine Oma war nicht an der Front. Es sei denn, Sie meinen die Küchen-Front.“
„Ist doch Wurscht. Wollen Sie nun irgendwas oder wollen Sie nichts?“ Mein Gesicht fühlte sich schon ganz verkrampft an, weil ich immer noch lächelte.
„Wie ich schon sagte. Ich brauche einen Adapter, um meinen USB-Schtick aufzuladen.“
„Ich würde sagen: Dann nehmen Sie einfach diesen hier, damit kann man einen MP3-Player aufladen.“ Ich gab ihm einen Adapter, den ein Kunde zurückgebracht hatte, weil er defekt war.
„Passt der auch für USB-Schticks?“
„Naja. Zumindest passiert nichts, wenn Sie ihn anstecken. Er ist defekt. Den schenke ich Ihnen.“
„Aber wird mein USB-Schtick dann auch richtig aufgeladen?“
„Da wird gar nichts aufgeladen, es sei denn Sie stecken sich den Adapter in den Arsch.“
„Na, der ist bei mir schon besetzt … Kennen Sie zufällig ein Geschäft in der Nähe, wo es Adapter zum Aufladen von USB-Schticks gibt?“
„Warum fragen Sie nicht einfach mal nebenan beim Herrenfriseur?“, sagte ich.
„Und die haben solche speziellen Adapter also?“
„Also eher noch als wir.“

Kurz darauf wurde ich von meinem Vorgesetzten gefeuert. Ich hätte dem Mann auf jeden Fall etwas verkaufen müssen. Wenigstens einen MP3-Player. Der hätte alles gekauft. Sogar einen Fernseher. Der war doch vollkommen bekloppt. Da muss man halt mal ein bisschen kreativ sein.“
„Aber ich dachte doch …“, sagte ich.
„Fürs Denken werden Sie hier nicht bezahlt. Ein Verkäufer denkt doch nicht. Ein Verkäufer handelt instinktiv, wie ein wildes Tier. Sein einziges Ziel ist der Verkauf. Wenn ich einen Denker brauche, stelle ich einen Denker ein.“
„Sie brauchen nicht zufällig einen Denker?“
„Warum fragen Sie nicht einfach mal nebenan beim Herrenfriseur, ob die einen Denker brauchen können. Denken ist sowieso ein Irrweg der Evolution – gerade in Berlin. Wer hier zu viel denkt, dem platzt der Kopf. Das müssten Sie doch wissen. Außerdem: Warum grinsen Sie eigentlich die ganze Zeit so blöd?“
„Oh, Entschuldigung.“ Ich knetete meine Gesichtsmuskeln mit den Fingern wieder zurück in Form. „Lächeln bin ich nicht so gewohnt.“
„Ist vielleicht auch besser so. Sie sehen damit aus wie Freddy Krüger. Nicht unbedingt verkaufsfördernd!“
Ich war etwas deprimiert und zeigte es auch.
„Ach, Kopf hoch, Kleiner. Wie wäre es mit ein bisschen Musik auf die Ohren. Z.B. aus einem MP3-Player? Dann klappt‘s auch mit dem nächsten Job.“
Er hatte mich überzeugt und ich kaufte tatsächlich einen MP3-Player, obwohl ich schon einen besaß. Aber ich dachte: Gut, kann ja nicht schaden, vielleicht für die Arbeit und so.

Als ich dann nebenan beim Herrenfriseur wegen eines Jobs vorsprach, saß der Mann mit dem USB-Stick auf dem Frisierstuhl. Ich fragte ihn, ob er seinen Adapter schon bekommen habe. „Noch nicht. Der Friseur hat gesagt, ich soll mir erstmal den Bart machen lassen, sonst funktioniert so ein USB-Schtick nämlich nicht. Das haben Sie mir nicht gesagt!“
„Aber Sie haben doch gar keinen Bart?“, sagte ich.
„Deswegen bin ich ja hier. Ich will mir einen machen lassen.“
Ich fragte den Friseur nach einem Job und der sagte: „Du willst nen Job, Alter? Erstmal brauchst du einen vernünftigen Haarschnitt.“ Er setzte mich auf einen Stuhl und schnitt mir sofort hier und da etwas weg bis ich aussah wie eine Vogelscheuche. Als ich bezahlt hatte und ihn noch einmal auf meinen Job ansprach, sagte er mir, dass für Vogelscheuchen wie mich derzeit keine Stelle frei sei.
Am nächsten Tag meldete ich mich beim Arbeitsamt. Auf dem freien Arbeitsmarkt war ich ja scheinbar nicht vermittelbar. Aber leider hatten die dort auch keinen Job für mich, jedenfalls keinen, der Spaß macht.

(Erstmals vorgetragen zur Lesebühne Sax Royal am 17.11.16)

trashtag Neukölln

img_20160830_194054-2der Himmel ist dunkel vor
Fliegen man hört das Donnern von
S-Bahn-Zügen Herr Sommer liegt
in den letzten Zügen sitzt
auf dem Balkon und baut
sich noch was

Ecke #Sonnenallee they call
it heute Flachbau-Moschee
warten etliche Bärte
bis man ihnen aufmacht

und kleine Bärte
aus Schoki harren
geduldig vor der Vokü
gegenüber die niemand so nennt
denn das ist Hipster-Scheiß

das Leben geht so seinen Gang
eine Flasche Craftbeer fällt
ins Souterrain von oben
springt ein Anorak –
ein Hipster – und schreit:
„Hipster-Pack“
während er armrudernd
Land gewinnt

„Is‘er tot, wa? Wollte stressen?“
die Gaffer sind zu spärlich
bemessen einer hat sogar vergessen
die Polizei zu holen
da liegt er nun war einer
aus Polen oder sonstwo

drüben

der Himmel bewölkt sich
ist dunkel vor Fliegen man hört
das Donnern von S-Bahn-Zügen
Herr Sommer liegt in den letzten
Zügen und will sich noch was
zum Saufen besorgen

was war eigentlich gestern
was heute was morgen?

jedenfalls schreibt er
folgende semidramatische
Txt.-Nachricht an seine
Aysche, Frau Herbst:
_ _ _
bin isch weg
nochmal in Moschee;)
vor unser Haus liegt
Scherbe und totes Reh

MFG, wann kommst du
honey Dein – Fick disch ins Knie – wie Omma
Mr. Sommer

Achtung, Spoiler

img_20160915_174210-2
nahe Brandenburger Tor
direkt über dem ehemaligen FührerBUNKER
wachsen viele Quitten

aromatisch smart u.
zart und so voller Saft dass es
eigentlich schamlos wäre die
starrenden Reih-und-Glied- Touristen
nicht auf einen abscheulichen Irrtum hinzu-
weisen dass

es sich hier nämlich
nicht um Cydonia oblonga
aus der Familie der
Kernobstgewächse sondern
um die viel unbedeutendere
Gattung der Zierquitten
handelt

sie geben im Herbst
ein köstlich schmeckendes
Gelee

und vertragen einen starken
Schnitt sodass die Hecke
schmal gehalten werden kann

die beste Pflanzzeit
ist Anfang Oktober

Blütezeit: April
bis Ende Mai

Wenn der Gasnotdienst zwei Mal klingelt

img_20160821_075834-3Es war Sonntagnachmittag und ein Kater steckte noch tief in meinen Knochen, als es anfing, bei mir in der Wohnung intensiv nach Gas zu riechen. Zuerst dachte ich, ich bilde mir die ganze Sache nur ein. Doch dann begann ich nervös zu werden und tat das, was jeder gewiefte Heimwerker in meiner Situation tun würde, nämlich sich in diversen Internetforen darüber informieren, was man selbst dagegen tun kann und was nicht. Dort erfuhr ich dann, dass ich schon mal gegen jegliche Sicherheitsvorkehrungen verstoßen hatte, die bei Gasgeruch galten. Ich hatte nicht nur bei den Nachbarn geklingelt, um zu fragen, ob es dort auch nach Gas roch (leider war dort niemand zu Hause), sondern hatte auch noch auf den Schreck ein Käffchen aufgesetzt und zwar auf dem Herd. Und später hab ich mir zum Käffchen noch ein Zigarettchen angezündet. In einem Youtube-Video erklärte mir dann ein selbsternannter Selfmademan, was jetzt zu tun war. Ich kroch also schnüffelnd an der Gasleitung entlang, um herausfinden, wo genau Gas austrat, um das Rohr dort mit Kaugummi oder Klebeband abzudichten. Als ich aber kein Leck fand, wollte ich einfach die kompletten acht Meter Rohr mit Klebeband umwickeln, das mir dabei jedoch schon nach Meter zwei ausging. Was nun? Eine andere Seite im Internet verlinkte mich auf die zehn spektakulärsten Berliner Gasexplosionen der letzten Jahre. 2014 Treptow. 2015 Kreuzberg und die 2016 war mit einem Fragezeichen versehen. Oje! Das war wohl so eine Art Wink des Schicksals. Ich war mir sicher, Neukölln war als nächstes an der Reihe und dort nicht irgendwo, sondern bei mir. Ich überlegte, falls ich meine Wohnung fluchtartig verlassen musste, was ich unbedingt mitnehmen musste. Meinen Ausweis natürlich und frische Unterwäsche. Doch wie sehr ich mich auch darum bemühte, ich fand beides nicht.

Der Gasmann vom Gasnotdienst kam kurz nach vier. Ich saß vor der Haustür, worum man mich am Telefon gebeten hatte und drehte mir ein Zigarettchen. Der Gasmann trug einen Bauhelm, unter dem zwei Köpfe Platz gefunden hätten. An der Stirnseite war eine monströse Grubenlampe angebracht, als würde er als Bergarbeiter in einen Schacht einfahren wollen. Und er hatte jede Menge seltsamer Geräte dabei, z.B. einen altbackenen Gasdetektor, der aussah, als hätte ihn Newton schon benutzt, um damit eine Kuh zu besamen.
„Haben Sie den Gashahn schon abgestellt?“, fragte er mich und leckte sich den Schweiß von der Lippe. Er war nicht besonders überrascht, als ich ihm sagte, dass ich ihn gern abgestellt hätte. Aber als ich ihn abstellen wollte, hatte ich den Gashahn in der Hand.
„Aha“, sagte der Gasmann, als könne ihn nichts wirklich aus der Fassung bringen. „Aber Sie haben ja wenigstens die Fenster aufgemacht?“
„Nö, hat mir niemand gesagt.“
„Sind Sie nicht ganz dicht oder was? Das weiß doch jeder: Bei Gasgeruch: Fenster auf!“
„Tut mir leid, ich komm aus der Provinz. Wir kochen da mit Strom!“
„Mit Strom? Wie barbarisch.“ Er sagte es, als rede er mit einem halbnackten Dörfler von anno Dunnemals.
Er betrat die Wohnung. Ich wollte ihn zum Gaszähler führen, wo der Haupthahn für meine Wohnung angebracht war: „Halt! Sagen Sie nichts!“ Er schnüffelte sich durch die Räume, bis er vor dem Zähler stehenblieb. „Och, riechen Sie sich das mal an! Das ist wirklich exquisit. Das ist astreine Ware aus der Fabrik. Jetzt sagen Sie mir nicht, dass Sie in der Provinz auch mit Strom heizen?“
„Ja. Wir haben dort Fernwärme. Kommt direkt aus der Leitung.“
„Aus der Leitung? Wie barbarisch. Ohne eignen Gasboiler fühlt man sich doch gar nicht wohl in der eigenen Haut. Naja, warten Sie mal noch fünfzig Jährchen und dann werden bei Ihnen aufm Dorf die Stromherde wie hier in der Hauptstadt auf modern getrimmt.“
Er leckte sich wieder Schweiß von der Oberlippe, riss alle Fenster auf und stellte den Haupthahn mit einer Zange ab. Dann hantierte er mit seinem Gasdetektor herum und trug irgendwelche Werte in ein Formular ein.
„Ist‘s schlimm?“, fragte ich.
„Wir hatten schon Wetten laufen, obs dieses Jahr endlich mal in Neukölln klappt.“
„Was klappt?“
„Na, Feuerwerk.“
„Und?“
„Naja, hat nicht ganz hingehauen.“ Er schien etwas traurig zu sein. „Aber auf jeden Fall sperre ich Ihnen erstmal Leitung fürs ganze Haus.“

Nachher mussten wir noch in den Keller, um den Haupthahn fürs Haus zu suchen. Überall Spinnweben. Offene Kellertüren. Eingeworfene Scheiben und es stank bestialisch nach Pisse. Ich dachte mir, wenn es in Berlin je wieder Luftalarm geben würde, würden mich hier keine zehn Pferde reinkriegen. Das war ja versifft ohne Ende und überall lagen diese seltsamen Spritzen herum. Lieber würde ich im russisch-türkischen Bombenhagel sterben, als hier auszuharren.
„Haben Sie den Haupthahn gefunden?“
Von irgendwo ganz weit hinten und ganz weit unten, hörte ich es schallen: „Ja, aber der ist eingerostet. Halten Sie lieber etwas Abstand. Es kann sein, dass es etwas heiß wird.“ Und dann hörte ich ihn wieder schwärmen. „Och, wie das riecht. Das ist ja absolut göttlich.“ Ich stellte mir vor, er sei so eine Art Gas-Junkie und abhängig von dem Zeug. Er konnte sich ja nahezu täglich während der Arbeit in einen Rausch hinein schnüffeln. Und das kostenlos. Mann, kostenlos high werden. Wer kann das schon?
„Sind Sie fertig?“, fragte ich.
„Nein, ich muss den Hahn erst verplomben. Stellen Sie sich darauf ein, dass Sie in nächster Zeit kein Gas haben.“
„Wie lange – ungefähr?“
„Naja. Die Anlage ist beinahe hundert Jahre alt. Zuerst mal müssen wir das Loch in der Leitung finden. Das kann praktisch überall sein zwischen dem Keller und Ihrer Wohnung unterm Dach. Wahrscheinlich ist es irgendwo im Schacht. Das ist ein bisschen wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen.“
„Aha. Also so ein paar Tage ohne Gas?“
Er seufzte. „Denke mal, so Mitte Ende November haben wir die Sache wieder im Griff. Auf jeden Fall noch vor Einbruch des Winters.“
„Aber wie soll ich denn jetzt kochen?“
Er musterte mich skeptisch. „Sie wollen mir doch nicht weiß machen, Sie hätten auch nur ein einziges Mal in Ihrem Leben selbst gekocht.“
„Ich koche täglich.“
„Mit Strom, wa?“

Für den Übergang borgte ich mir von meiner Schwester ein Herdplattenduo, das man in die Steckdose stecken konnte. Es funktionierte genau bis zum darauffolgenden Sonntag. Dann sprengte es mir die Sicherung aus dem Kasten und ich hatte eine andere Art von Notdienst im Haus. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.

(erstmals vorgetragen bei der Lesebühne Sax Royal am 08.09.16)