Berlin, Lesebühne, Prosa

Durstige Biester

Krishna Maya Prema Shakti Barbara, der Name unserer Tochter war nicht meine Idee. Sabrina schlug vor, Namen, die ihre Freundinnen vorgeschlagen hatten, zusammen mit unseren eigenen Vorschlägen auf eine Liste zu notieren und dann zu würfeln, und das Schicksal entscheiden zu lassen. Die Liste war am Ende so lang, dass ich mit drei Würfeln gleichzeitig würfeln musste. Ich würfelte leider weder eine 1 noch eine 2, denn das waren die Namen, die wir uns überlegt hatten, Hannah und Marta, sondern eine drei. Dass man mit drei Würfeln gar keine eins oder zwei würfeln kann, hatte ich mir erst hinterher überlegt.
Ich und meine kleine Tochter Krishna Maya Prema Shakti Barbara, wir stehen am Märchenbrunnen im Volkspark und Barbara oder Barbi, wie ich unsere Tochter meist kurz nenne, weil mir die anderen Namen meistens nicht so schnell einfallen, wundert sich, dass kein Wasser im Brunnen ist. Weil so viele Krähen ringsherum auf den Bäumen sitzen, fragt Barbi, ob die Krähen vielleicht das Wasser ausgetrunken haben. Ich weiß es nicht, aber ich tue so, als hätte ich den vollen Durchblick, immerhin bin ich Vater und Vater müssen alles wissen. „Ja, Krähen sind ziemlich durstige Biester“, sage ich und schiebe ihren Sitz-Buggy schnell weiter in Richtung Spielplatz, damit mir nicht noch mehr Fragen gestellt werden, die ich nicht beantworten kann.

Auf den Volkspark-Wegen herrscht wie immer viel Verkehr. Mütter mit überbreiten Monster-Kinderwagen sind unterwegs. Und Rollerblade-Mütter und ihre Kinder mit quietschbunten Helmen und Gelenkschützern. Und die Väter, die in den seltensten Fällen auch die Erzeuger der Kinder sind, fahren auf einem Kickboard hinterher, verspiegelte Sonnenbrille, einen Joint im Schnabel und riesige Kopfhörer auf. Nichts riechen, nichts sehen, nichts hören!

Wir haben den Sandkasten erreicht. Ich nehme Barbi aus dem Sportkinderwagen und setze sie in den Sand. Blöderweise habe ich ihre Schaufel und die Sandformen zu Hause liegen lassen. Dafür habe ich den Zusatzakku für meinen Laptop dabei. Wozu? Der Laptop liegt zu Hause. Ich gebe Barbi den Akku, damit sie damit spielen kann, aber sie benutzt ihn als Wurfgeschoss und wirft ihn mir gegen den Kopf. Was aussieht wie ein unlösbares Problem – im Sandkasten spielen ohne Schaufel und Förmchen, wie geht denn das? – ist keines, jedenfalls nicht hier auf diesem Volkspark-Spielplatz, hier ist die Welt noch in Ordnung, hier hilft jeder jedem, sofern man mit einem Klein-Kind da ist. Sofort bietet uns jemand seine Hilfe an, ein anderer Vater mit seinem kleinen Sohn. Sofern meine Barbi mit seinem Sohn spiele und ich mich ein wenig mit ihm unterhalten würde, dürften wir die Förmchen seines Sohnes mitbenutzen, sagt er zu mir und lacht etwas schief. Keine Leistung ohne Gegenleistung! denke ich. Wir geben uns die Hände, als hätten wir einen Deal gemacht. Der Mann trägt ein kariertes Sakko, eine große runde Brille und sieht ein bisschen nach Lehrer oder Professor aus. Sein Haupthaar strotzt geradezu vor Fülle und Volumen, während ich wie gerupft aussehe. Sein Sohn heißt Rentius. Ein merkwürdiger Name, denke ich. „Rentius hört sich für mich wie Lateinisch für Rentner an“, sage ich zum Vater. „Haben Sie den Namen Ihres Sohnes etwa auch erwürfelt?“ Rentiusʼ Vater sieht mich an, als sei ich ein IS-Terrorist. „Nein, den hat sein großer Bruder für ihn ausgesucht.“ Rentius ist ein ausgesprochen hässliches Kind, tut mir leid, dass ich das so deutlich sagen muss. Dick, komische Zähne, rülpst andauernd. Nicht meins. Die Kinder beginnen sich mit Sand einzusauen. Na großartig! Wir schweigen eine Weile und sehen den Kindern beim Sich-Einsauen zu.

„Die beiden werden wohl später mal Bauarbeiter und Bauarbeiterin von Beruf“, scherze ich.
„Rentius eher nicht“, sagt sein Vater.
„Nee, der gehört in den Knast“, will ich sagen, aber ich trau mich nicht.
„In welcher Branche sind Sie eigentlich verortet?“, fragt mich Rentius Vater und sieht mich streng durch seine Brille an, als wolle er klarstellen, dass er ja wohl den besseren Beruf habe. Einer von der Sorte also: Vergleichen wir mal unsere Berufe, und mal sehen, wer den längeren Schwanz hat.
„Ich war eigentlich mal als Lehrer, äh, verortet“, sage ich. Denn ich kenne solche Sandkastenväter, man muss sie von Anfang an belügen und betrügen und vor den Kopf stoßen, sonst wird man die nie wieder los. Die reden und reden und reden und reden und am Ende wollen sie noch ein Bier mit dir trinken. Aber ich muss es langsam angehen lassen. Ein bisschen in die Länge ziehen. Barbi sieht gerade so glücklich aus wie sie da mit Rentius zusammen mit den Förmchen spielt.
„Warum ,warʼ? Sind Sie nicht mehr in ihrem Beruf tätig?“, werde ich gefragt.
„Achso. Nö. Nicht mehr. Als ich noch als Lehrer verortet war“, ich setze Anführungszeichen, „hab ich festgestellt, dass ich … und Kinder, dass das nicht sooo gut zusammen geht.“
„Oh. Haben Sie beim Arbeiten mit Kindern etwa eine Antipathie gegen Kinder entwickelt? Das ist ja schade.“
„Oh … ja, das habe ich damals auch gedacht. Warum ich? Warum ausgerechnet ich? Warum bin ausgerechnet ich ein Antipath?“
„Da sind Sie ja berufsunfähig. Übernimmt das nicht …“
„Wird leider nicht von der Krankenkasse anerkannt. Deswegen arbeiten die meisten meiner Lehrer-Kollegen einfach weiter, wenn sie es bei sich feststellen. Die schlucken es einfach runter. Die Dunkelziffer ist riesig. Man geht von 99,9 Prozent aller Lehrer aus, die das betrifft.“ Der Vater von Rentius schüttelt empört den Kopf, als könne er das gar nicht glauben. Ich sehe Rentius an und stelle ihn mir in alt vor. Es gab mal einen Opa bei Wetten Dass, der hat gewettet, dass er 160 Rülpser pro Minuten schaffen könne, leider ist er noch während seiner Wette implodiert. Aber Rentius hätte das Zeug, ihn zu schlagen.
„Deswegen hab ich mich entschieden, den Lehrerberuf an den Nagel zu hängen. Ich wollte mit gutem Beispiel voran gehen“, sage ich und zünde mir eine Zigarette an und halte Rentius‘ Vater die Schachtel hin. Mein Gegenüber schüttelt den Kopf. Dann biete ich Rentius eine an, der schlägt mir die Schachtel aus der Hand und sein Vater nickt anerkennend.
„Und was tun Sie jetzt?“, werde ich gefragt.
„Jetzt mach ich was, was mir Spaß macht. Totengräber.“
„Warum das denn?“, sagt er bestürzt.
„Na ja, eigentlich hab ich auf Sozialarbeiter umgeschult.“
„Und?“
„Und als ich mit der Ausbildung fertig war, hab ich leider festgestellt, dass ich auch“, wieder lange Pause, Spannung erhöhen, Barbi ist noch immer sehr sehr glücklich mit Rentius Förmchen, „naja, Menschen und ich, wir passen nicht sonderlich gut zusammen.“
„Oh. Ein Misantroph?“
„Ja, ich hab mich damals auch total geärgert. Ich meine, das ist voll blöd. Du wachst eines Morgens auf und stellst fest: Scheiße, du bist ein Misantroph.“
„Aber tote Menschen sind doch auch Menschen. Die hassen Sie nicht?“
„Doch, aber sie sind tot.“
„Stimmt“, sagt er, als sei das die Erkenntnis seines Lebens.
„Außerdem grabe ich nur ihre Löcher. Mit ihren Körpern habe ich nichts zu tun. Dafür sind andere zuständig“, sage ich.
„Ist das nicht ein sehr einsamer Beruf?“
„Ach nö. Ich höre meistens Musik, während ich grabe. Van Helen zum Beispiel oder Alice Cooper.“
„Während Sie Löcher ausheben?“
„Jepp. Ich hab nämlich festgestellt, dass ich auch die Stille nicht mag.“
„Sie mögen es nicht, wenn es still ist? Aber Stille ist doch wuuundervoll.“
„Für mich nicht, Ich fühle mich sonst einsam.“
„Also Sie mögen keine Menschen und fühlen sich einsam, wenn es still ist. Ist das nicht ein Paradox?“
„Ich weiß auch nicht, was sich die Natur dabei gedacht hat.“
„Wahrscheinlich hat sie sich geirrt“, sagte Rentius‘ Vater und Rentius rülpst.
„Ja, wahrscheinlich.“
„Und wie machen Sie das mit ihrer Tochter? Ich denke, Sie und Kinder, das passt nicht gut zusammen?“
„Ach so. Na ja. Wie soll ich sagen. Das ist ein bisschen verzwickt. Es gibt Kinder, die ich mag, und andere nicht. Aber pscht.“
Ich sehe Rentius an und dann sehe ich zu Barbi hinüber und sehe, dass sie und Rentius dazu übergegangen sind, sich mit Sand zu bewerfen. Rentius lost voll ab. Er kriegt eine volle Breitseite Sand in den Mund und beginnt zu heulen. Oh, nein, jetzt muss ich mich auch noch entschuldigen. Ich sehe aufs Handgelenk, als würde ich auf die Uhr sehen, dabei habe ich gar keine Uhr. „Ich glaube, wir müssen uns jetzt ein bisschen beeilen. Ich und die Kleine wir sind heute spät dran. Die Mutter der Kleinen, die ist gleich mitʼn Vögeln fertig“, sage ich. „Die arbeitet nämlich in einer Vogelwarte.“
„Ist das etwa gar nicht Ihr Kind?“, werde ich bestürzt gefragt.
„Nee, wieso? I share my child. Sie etwa nicht?“
„Was?“
„Not-my-Child.de kennen Sie nicht? Neues Startup aus Neukölln. Eine hundertprozentige Tochter von Share-your-wife.de – Die preisgünstige Alternative zur Ehe. Schon die Ressourcen. Und ist damit gut für die Umwelt.“
Der Vater von Rentius klopft Rentius die Anziehsachen ab, damit der Sand abfällt und setzt ihn in den Buggy. Was für eine Memme!, denke ich.
„Wir müssen auch“, sagt er. „Mir ist gerade eingefallen, dass Rentius heute noch zum … na, zum Zahnarzt muss.“ Rentius fängt an um sich zu schlagen und zu heulen. „Naaaainnn“, schreit er. „Naaaaaaeinnn, nicht schon wieder zum Zahnarzt. Da waren wir doch gestern erst.“
„Na, was sollen wir machen. Er hat schlechte Zähne. Erblich bedingt“, flüstert mir sein Vater zu.
„Was ist mit den Förmchen?“, rufe ich den beiden noch hinterher. Die hatten sie vergessen. Aber sie sind schon weg.
„Barbi“, sage ich. „Wenn du willst, können wir noch ne Weile bleiben. Rentius hat seine Förmchen vergessen. Das hast du mir zu verdanken!“
Barbi nickt.

Kurze Zeit später kommt eine junge Mutti mit ihrer kleinen Tochter zu uns, die anscheinend auch statt zu den Förmchen zu ihrem Laptopersatz-Akku gegriffen hat. „Entschuldigung, wir haben die Förmchen vergessen. Könnte meine Krishna Shakti Kunda Lakti bei Ihnen mitspielen?“, fragt sie mich.
„Klar“, sage ich. Ich will ein Gespräch beginnen, weil mir die Dame so gut gefällt, aber mir wird sofort das Wort abgeschnitten.
„Entschuldigung, ich habe leider festgestellt, dass ich und Männer nicht gut zueinander passen. Wäre es ok, wenn Sie einfach Ihrer Fresse halten, während unsere Kinder miteinander spielen?“
„Äh, ok, kein Problem“, sage ich paralysiert. Irgendwie sympathisch, diese Person. Als Barbi keine Lust mehr hat weiter mit Krishna Shakti Kunda Lakti zu spielen, setze ich sie in den Kinderwagen und fahre mit ihr davon.
„Was ist mit Ihren Förmchen?“, ruft mir die Frau hinterher.
„Geben Sie sie einfach an den nächsten weiter!“, rufe ich zurück.
Ich gehe mit Barbi wieder am Märchenbrunnen vorbei. Die Krähen haben sich um eine Pfütze versammelt, die von einer umgekippten Bierflasche herstammt. Sie scheinen zu taumeln. Sind die etwa besoffen? Na ja. Das scheinen ja wirklich ziemlich durstige Biester zu sein, denke ich. Barbi springt aus dem Buggy und rennt auf sie zu, ich hinterher. Dann scheuchen wir die Biester gemeinsam weg. Und später verlassen wir den Park.

(Der Text wurde erstmals im März 2018 bei der Lesebühne Sax Royal in der Scheune Dresden vorgetragen. Es gibt einen Live-Mitschnitt auf meinem Youtube-Kanal hier.)

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