Berüchtigt

Wir folgen einem schmalen Trampelpfad, an dessen Ende sich das Häuschen unseres Interviewpartners Roman Israel befindet, der Vorbild für Dan Gilroys neuen Film „Roman Israel, Esq.“ gewesen ist. Israel ist ein wenig scheu, sagen die Leute. Er mag keine Menschen, redet nicht viel. Früher hätte man solche Menschen Waldschrate genannt. Wir versuchen ihn per Telefon zu erreichen, aber er nimmt, wie zu erwarten war, nicht ab. Erst als wir ihm eine Email schreiben, erhalten wir eine Antwort. Exakt sieben Tage später. Wir schreiben ihm zurück, dass es ein kleines Honorar geben wird, und da antwortet er sofort. Wir vereinbaren ein fünfzehnminütiges Interview bei ihm zu Hause. Er gibt uns seine Adresse. Am Arsch der Welt 1. Es steht zu bezweifeln, dass es dort auch so etwas wie eine Nummer zwei geben wird. Wahrscheinlich gibt es dort nur ein einziges Haus. Wir fahren mit dem Auto in das kleine ostsächsische Dorf nahe der Grenze, in dem man die Hunde bellen hört, aber weit und breit ist kein Mensch zu sehen. Wir müssen unser Auto stehen lassen und zu Fuß weitergehen. Israels Häuschen liegt mitten im Wald, hinter einem kleinen Berg. Wenn es hier Füchse und Hasen geben würde, würden sie sich hier Gute Nacht sagen, aber es gibt nicht einmal die. Tiefste Provinz. Wir klopfen an Israels Tür, da ein Schild davor warnt, dass die Klingel verdammt nochmal unter Strom steht.
„New York Times“, rufe ich. „Wir haben geemailt.“
Keine Antwort. Ich und meine Assistentin sehen uns ratlos an. Wir klopfen an die Fenster, aber auch jetzt tut sich nichts. Dann laufen wir um das verfallene Häuschen herum. Es ist mehr eine Hütte als ein Häuschen. Das Dach ist in keinem guten Zustand. An einigen Stellen sind Ziegel heruntergefallen, die Löcher wurden mit blauen Müllsäcken zugestopft.

Auf der anderen Hausseite, sehen wir einen Mann Ende Dreißig mit langen blonden Haaren in einem Schaukelstuhl sitzen. Er hält eine Zigarre in der Hand und in der anderen einen Drilling, mit dem er auf uns zielt. Auf einem Tisch steht ein Krug mit selbstgebranntem Schnaps. Es riecht jedenfalls danach.
„Sind Sie Roman Israel?“, fragen wir ihn.
„Keine Ahnung“, antwortet der Mann. „Um was geht’s denn?“
Wir sprechen ihn auf Dan Gilroys neuen Film an und erinnern ihn daran, dass wir gemailt haben und an das fünfzehnminütige Interview, das er uns versprochen hat. „Hinsetzen“, sagt er zu uns „und dann machen wir erst mal das mit der Kohle!“ Meine Partnerin Deborah holt einen rosa Umschlag aus ihrer Handtasche, in dem sich die versprochenen zwanzig Euro befinden, fein gestückelt in fünf Euro Scheinen, genauso wie Israel es wollte. Keine Ahnung, was er damit vorhat. Wahrscheinlich Zigaretten kaufen oder so. Er zählt die vier Scheine zwei Mal durch, und erst als alles in Ordnung ist, nimmt er den Drilling herunter und legt ihn neben seinen Schaukelstuhl. Anschließend dreht er eine Sanduhr um, die wahrscheinlich exakt für fünfzehn Minuten Sand hat.

Danach ist er wie ausgewechselt. Seine Augen leuchten, er ist freundlich und bietet uns sogar etwas von seinem Schnaps an. Er habe da hinten im Wald eine kleine Destille, sagt er. Aus dem Internet wissen wir, dass er aus ärmlichen Verhältnissen in Ostsachsen stammt. Er hat sich von ganz unten nach ganz oben hochgearbeitet, um danach wieder nach ganz nach unten abzusinken. Sein Schnaps schmeckt nach Wald, Brombeeren, Himbeeren und ein wenig Moos. Wahrscheinlich gepuncht. Aber durchaus wohlschmeckend. Israel beobachtet unsere Reaktion auf seinen Schnaps. Er schaukelt in seinem Schaukelstuhl hin und her und fragt uns, ob alles in Ordnung sei. Er habe den Schnaps nämlich selbst nicht probiert. Er biete ihn eigentlich nur Fremden zum Trinken an. Mir läuft es kalt den Rücken herunter. Dann fragt Israel, worum es in Dan Gilroys neuen Film eigentlich gehe. Er habe ihn leider selbst noch nicht gesehen.
Wir erklären ihm, dass es sich bei „Roman Israel, Esq.“, so heißt der Film, um ein Kriminaldrama handelt, in dem Denzel Washington als idealistischer Rechtsanwalt, die Fehler der weniger selbstlosen Anhänger seines Berufsstandes um jeden Preis auszubügeln versucht.
„Genau wie in der Realität“, sagt Israel. Er erzählt uns, wie Dan Gilroy vor einem Jahr hier bei ihm gewesen sei, ihm beim Reparieren seines Kompressors geholfen habe und seinen Schnaps gelobt habe. „Ersetzen Sie in Ihrer Inhaltsangabe des Films einfach Rechtsanwalt durch Schriftsteller und Sie haben die exakte Beschreibung meines Lebens“, sagt Israel und macht plötzlich ein Gesicht wie ein Eichhörnchen, weil ein Eichhörnchen über das Dach seines Hauses hüpft.
Meine Partnerin Deborah kichert. Sie streicht sich die schönen Locken aus dem Gesicht, nimmt einen Füller und streicht akribisch das Wort Rechtsanwalt aus dem Film-Flyer heraus, den sie zwischen ihren Fingern hält. Dann wackelt sie mit ihren metallicblau lackierten Zehen herum. Sie liest vor: „Bei Roman Israel, Esq. handelt es sich um ein Kriminaldrama, in dem Denzel Washington als idealistischer SCHRIFTSTELLER, die Fehler der weniger selbstlosen Anhänger seines Berufsstandes um jeden Preis auszubügeln versucht. Seine dadurch entstehende Existenzkrise und das Verlangen, die Fehler der anderen SCHRIFTSTELLER wiedergutzumachen, treiben Roman Israel daraufhin zu extremen Handlungen …“
„… und er beginnt Lyrik zu schreiben“, brüllt Israel dazwischen.
„Bitte?“, frage ich.
„Das müssten Sie eigentlich noch ergänzen auf Ihrem Flyer … das Verlangen, die Fehler der anderen Schriftsteller wiedergutzumachen treiben Roman Israel zu extremen Handlungen, er beginnt Lyrik zu schreiben. Das hat Dan Gilroy natürlich in seinem Film weggelassen. Künstlerische Freiheit und so. Sie wissen schon.“ Israel zwinkert mit einem Auge, aber mir ist nicht klar, ob er damit andeuten will, dass seine Aussage ironisch gemeint war, oder ob er mit meiner Partnerin Deborah flirten will. Er reißt ihr den Flyer aus der Hand und liest vor: „So müsste es eigentlich heißen: Roman Israel (Denzel Washington) arbeitet in der Inner City von Los Angeles als Schriftsteller bei einem großen Verlag. Während er in seinen Texten für Gerechtigkeit sorgt, heimsen andere das Lob für seine Arbeit ein …“ Er sieht mir neunmalklug in die Augen. „Das Ganze ist eine einzige riesige Metapher auf Trumps Amerika. Haben Sie gemerkt, oder? Dan Gilroy musste das alles natürlich ein bisschen verfremden. Er konnte das ja so nicht so stehen lassen. Ich als das Vorbild für seinen Film bin das Gegenteil von einem Amerikaner. Ich bin Ostsachse und es ist ja ein uramerikanischer Film. Tuning ist da alles. Und wenn man ein Hollywood-Blockbuster machen will, kann man den nicht in Ostsachsen spielen lassen und man kann auch nichts über ostsächsische Schriftsteller machen, das interessiert doch niemanden. Das muss schon alles bisschen lebensnaher daherkommen. Deswegen hat Dan Gilroy die ganze Szenerie in eine Anwaltskanzlei in LA verlegt.“

Israel lacht und zielt mit seinem Drilling auf ein weiteres Eichhörnchen, das über sein Dach hüpft, das jedoch kurz darauf im Dickicht verschwindet.
„Aber hier ist doch was faul“, sage ich nach einigem Nachdenken und zeige ihm das Bild des Hauptdarstellers. „Denzel Washington ist ein Schwarzer, und ich will Ihnen jetzt nicht zu nahe treten, Herr Israel, aber Sie sind weiß? Wie passt denn das zusammen?“ Israel nickt, als habe er diesen Einwand schon tausend Mal gehört, während er meiner blauäugigen Partnerin schöne blaue Augen macht und versucht, ihr etwas unbeholfen seine Telefonnummer zuzustecken, obwohl uns seine Telefonnummer ja längst bekannt ist. Das würde einem Amerikaner wie mir natürlich nicht passieren, denke ich. Liegt wahrscheinlich daran, dass Israel aus Ostsachsen ist. Seit dem Mauerfall ist noch nicht so viel Zeit vergangen. Wie man mit Frauen umgeht, das kennen die hier nur aus amerikanischen Filmen. Aber Kopf hoch, aller Anfang ist schwer.
„Ich war nicht immer weiß“, sagt Israel. „Ich bin früher in den frühen Neunzigern viel im Solarium gewesen. Das war damals in, so wie heute Tattoos oder Piercings, deswegen ist Denzel Washington schon eine Art Idealbesetzung für den Film.“
„Und kann es auch sein, dass Sie nie in LA gelebt haben?“, fragt ihn meine Partnerin, um zu zeigen, dass sie nicht umsonst mit auf die lange beschwerliche Reise in den Osten gekommen ist. Warum musste sich Dan Gilroy ausgerechnet einen Ossi zum Vorbild für seinen Film nehmen. Warum nicht einen feschen Franzosen oder einen Kanadier?
„Stimmt, ich bin noch nicht viel rumgekommen in meinem Leben …“, sagt Israel. „Aber ich habe zumindest mal im sächsischen LA gelebt.“
„Es gibt ein sächsisches LA?“, fragt Deborah.
„Ja, Görlitz. Man nennt es auch Görliwood.“
„War Görlitz also so eine Art Trigger für Dan Gilroy, seinen Kriminalfilm nach LA zu verlegen?“, frage ich.
„Ich denke mal schon. Die beiden Städte sind sich ja ziemlich ähnlich. Also wenn man von dort in den Himmel sieht.“
„Herr Israel, und vielleicht noch ein kleiner Blick in die Zukunft“, sage ich. „Jim Jarmusch will hier bei Ihnen demnächst Ideen für einen neuen Schauerwestern sammeln. Wieder geht es um jemanden, der im Namen der Gerechtigkeit in den Ring steigt und einen Kampf mit denen da Oben ausficht, und wieder wird die Hauptperson Ihren Namen tragen. Warum eigentlich? Was ist so Besonderes an Ihrer Person? Liegt es vielleicht daran, weil Ihnen die Gerechtigkeit so besonders am Herzen liegt?“

Israel schweigt eine Minute lang, die mir wie eine halbe Ewigkeit vorkommt. Ich habe den Eindruck, die Falte zwischen seinen Augenbrauen ist auf einmal länger und tiefer geworden, und mir wird plötzlich klar, warum Jim Jarmusch seinen neuen Film „Sein Schweigen ist berüchtigt“ nennen will. Dann sehe ich, dass die Sanduhr abgelaufen ist. Israel grinst und zielt mit dem Drilling auf unsere Gesichter.
„Am besten Sie nehmen die nächste Straßenbahn“, sagt er.
„Es gibt hier eine Straßenbahn?“, frage ich.
„Nein. Ende Gelände, meinte ich“, und während wir gehen, gestikuliert er meiner Partnerin hinterher, dass er später noch mit ihr WhatsAppen möchte.
Auf dem Rückweg hören wir die Vögel singen. Es ist ein nettes kleines Paradies, in das sich Israel hier zurückgezogen hat – fernab jeglicher Zivilisation. Ein Ort, an dem bestimmt noch viele weitere Ideen für neue Filme entstehen werden.

Das Interview führte Peter Silly für die New York Times. Dan Gilroys neuer Film „Roman Israel, Esq.“ kommt im Herbst 2017 in die Kinos.

(Premiere am 22.08.17 bei einem Sax Royal Spezial zum Thema „Gesichter“ im Deutschen Hygienemuseum Dresden)

Advertisements

Ein Kommentar zu „Berüchtigt

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s