The place to be

Ich war bei meinem Freund Uwe zu einer Geschäftsparty auf einem Partyboot eingeladen, das in den nächsten Stunden die Spree zwischen Rummelsburger Bucht und Müggelsee entlang tuckern würde. Er und ich hatten früher zusammen studiert, Sprachwissenschaften, in Dresden. Dann ging er zu einem renommierten deutschen Verlag nach Berlin und ich zu einer ebenfalls renommierten deutschen Firma, allerdings in der Lebensmittelindustrie, wo ich im Instantsuppen-, Brühwürfel- und Flüssigwürzebereich eine Anstellung fand. Mein Gehalt war so ziemlich genau die Quadratwurzel aus dem Gehalt von Uwe. Außerdem schnappte er mir die Frau meines Lebens direkt vor der Nase weg und zeugte ein Kind mit ihr. Uwe bedauerte das immer sehr. Aber ich meine, wer mit den Techniken des Kinderkriegens herumexperimentiert, kann nicht im Nachhinein behaupten, er hätte nichts vom teuflischen achtzehnjährigen Kater gewusst, der sich einem solchen Experiment meistens anschließt.

Das Partyboot sah aus wie eine große Version eines Huckelberry-Finn- Floßes und tuckerte gemütlich mit knappen fünf km/h vor sich hin. Es stand immer mal jemand anderes am Steuer. Man brauchte nicht mal einen Führerschein dafür. Weil ich niemand auf Uwes Party kannte, nicht einmal mich selbst, stand ich für eine halbe Stunde allein herum und grinste in den Fahrtwind hinein, bis ich später ans Steuerrad durfte. Dadurch kam ich mit einem Mann ins Gespräch, der ebenfalls in den Fahrtwind hinein grinste und somit seinen Anspruch bekräftigte, das Boot als nächstes steuern zu dürfen. Er stellte sich mir als Karsten vor. Während ich das Steuerrad bediente und das Boot von 5 km/h auf unglaubliche 5,5 km/h beschleunigte, quatschten wir ein bisschen miteinander.

„Und, du so?“, fragte er mich. Ich brauchte alle Reserven meines Gehirns, um auf Multitasking umzuschalten, und sagte nach einer langen Denkpause: „Ach, wir kürzen das am besten gleich mal bisschen ab. Ich bin Texter.“
„Ach? Und wovon handeln deine Texte, wenn ich mal neugierig sein darf?“, fragte Karsten. Er hatte die Stimme eines Elches, das heißt, wenn Elche sprechen könnten.
„Tütensuppe“, sagte ich leise.
„Hab ich richtig verstanden: Deine Texte handeln von Tütensuppe?“
„Pst, nicht so laut. Muss ja nicht jeder gleich jeder hören. Ich schreibe Gebrauchsanweisungen für Tüten-Suppen.“
„Rindfleisch oder Tomate?“, brüllte er und nuckelte an seinem Drink – einem Manhattan herum.
„Bitte?“, fragte ich.
„Na, Rindfleisch oder Tomate? Ich mag nämlich Rindfleisch nicht. Ich meine, die armen Tiere.“
„Achso, das kann ich mir nicht aussuchen“, erwiderte ich, „manchmal bin ich im Team Rindfleisch und manchmal im Team Tomate. Und wenn mein Chef seinen guten Tag hat, darf ich auch mal zur Heeresgruppe Ochsenschwanz. Ochsenschwanz wird nämlich nicht mehr in so großen Mengen hergestellt. Da kann man als Texter ‘ne ruhige Kugel schieben.“
„Ochsenschwanz? Ich dachte, die gibt’s ni mehr?“
„Ja, die wäre tatsächlich fast vom Markt verschwunden“, sagte ich. „Aber dann haben Maggie und Knorr sich ein Wettrüsten geliefert und Millionen und Abermillionen in Werbekampagnen gesteckt, um die Traditionsmischung wiederzubeleben.“
„Sind da wirklich Ochsenschwänze drin?“
„Nee, deswegen läuft es ja gerade wieder so gut. Die Suppe bestand schon immer nur aus angebratenem Sägespänen und Mehl. Noch veganer geht’s nicht.“
„Darf ich jetzt auch mal?“, fragte er mich, er meinte das Steuerrad, und ich übergab es ihm. Ich ließ mir eine Bloody Mary mixen und kam zurück.

„Und was machst du, beruflich meine ich?“
„Ich arbeite gar nicht“, erwiderte Karsten und fand sich cool darin, dass er im Gegensatz zu mir das Steuerrad immer hin und herdrehte, sodass das Boot ins Schlingern geriet und die Partygäste darüber lachten.
„Ach, herrje. Arbeitslos?“
„Nein, ich hab ‘ne Arbeit. Aber ich tue nichts.“
„Wie geht das denn? Minister ohne eigenes Resort?“
„Nee, ich arbeite immer ein halbes Jahr am Stück und dann mach ich ein halbes Jahr gar nichts, um mich zu erholen.“
„Gar nichts?“
„Naja. Ich sitz auf’m Balkon und zeichne.“
„Was zeichnest du denn? Frauenärsche?“ Ich lachte.
„Nee, Löcher.“
„Löcher?“
„Ja, große Ansammlungen aus Nichts.“
„Und was ist mit Karriere?“, fragte ich.
„Pff“, sagte er. „Und bei dir?“
„Pff“, sagte ich auch. „Hab keine Lust, im Hamsterrad mitzulaufen.“ Ich sagte es besonders laut, damit auch Uwe mithören konnte. Aber der hatte mich nicht gehört und lachte über seinen eigenen Witz, den er gerade drei Blondinen erzählte.
„Nee, ich oh ni. Löcher malen, das ist meine wahre Berufung, das andere mach ich nur zum Geldverdienen.“
„Und womit verdienst du dein Geld?“
„Na, ich bin Herrenfrisör. Aber ich hab umgeschult. Auf Bart-Stylist. Heute hat ja jeder ein eigenes Haarschneidegerät zu Hause und rasiert sich ne Glatze. Selbst die Frauen. Aber seinen Holzfällerbart, den kann eben nicht jeder selbst schneiden. Sagen wir mal, es hat sich alles nach unten verlagert. Manche wollen sogar ‘ne Kaltwelle am Kinn.“
„Wer weiß, was als nächstes kommt“, sagte ich und stellte es mir bildlich vor. „Wenn sich alles immer weiter mehr nach unten verlagert, vielleicht musst du dann irgendwann wieder umschulen?“
„Wir wollen es nicht hoffen. Am Arsch ist bei mir Schluss.“

Später unterhielt ich mich noch mit einer betrunkenen Polin, die seit zwanzig Jahren in Berlin lebte, aber nichts Gutes von der Stadt zu berichten hatte. „Berlin ist so am Arsch“, sagte sie mit Tränen in den Augen. „Jeder, den ich hier treffe, lebt von der Stütze. Wer in Berlin lebt, muss einfach scheitern.“ Ich fragte sie, warum sie dann in Berlin lebe und nicht zurück nach Polen ginge, wenn es ihr hier nicht gefalle.
„Na, weil Scheitern einfach geil ist! Scheitern ist das neue Wuhuhuhu“, und so eilte sie auf die Tanzfläche.
Ich lehnte mich auf die Brüstung. (Längs des Kanals reihten sich einige exklusive Berliner Nachtclubs und Bars aneinander. Jede Location hatte andere Laternenfarben. Rot, gelb oder lachsblau. Es erinnerte mich ein bisschen an Thailand.)

Ich hatte nicht gemerkt, wie Uwe sich von hinten an mich herangeschlichen hatte, um mir meinen Jute-Beutel von den Schultern zu reißen, auf den in Großbuchstaben Dresden – the place to be stand. „Komm, Roman, wir bringen mal ganz schnell deinen Beutel hier weg. Du siehst ja aus, als kämst du aus der Provinz“, sagte er.
„Aber ich komme doch aus der Provinz“, erwiderte ich.
„Pscht, nicht so laut“, flüsterte Uwe.
„Aber du kommst doch auch von da“, sagte ich.
„Hör schon auf. Jeder kommt hier von irgendwo. Aber wenn dich jemand fragt, woher du mich kennst. Sag bloß nicht aus Dresden. Wir kennen uns aus Berlin, verstanden? Mir sin‘ hier gebuooor‘n wor‘n.“

Dann stand ich eine Weile allein herum, bis ich das Steuerrad wieder an mich reißen konnte. Kurz darauf kam ich mit einem Mann ins Gespräch, der als nächster das Steuer haben wollte.
„Woher kennen Sie eigentlich unseren Gastgeber“, wurde ich (etwas schnippisch) gefragt, als gehöre ich nicht hier her.
„Ach, wir kennen uns noch aus … ach, von gaaaanz früher, aus Berlin.“
„Ach, Sie arbeiten wohl auch bei Suhrkamp?“
„So ähnlich, ich bin im Suhrkamp Verlag der Tütensuppenbranche.“
„Ach“, sagte er, mich bemitleidend.
„Ach“, sagte ich, mich bemitleidend.
Und jetzt wollte er mir das Steuer aus der Hand reißen, als gezieme es sich für einen Tütensuppen-Branchist nicht, das Steuerrad einer Suhrkamp-Party zu halten. Aber das ließ ich mir nicht nehmen und drehte es scharf nach links, sodass er ins Wasser kippte.
„Oh“, sagte ich.
„Mach dir keen‘ Kopp. Der is‘ ne‘ von hier! Das war eh nur ‘n Schwabe ;)“, rief mir Uwe von weitem zu.
„Wenn das so ist“, sagte ich, und es wurde noch ein netter Abend.

(Premiere am 08.06.17 bei Sax Royal, Dresden)

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