Ich bin das Walross

Lucie ist schon längst im Wasser und taucht, während ich noch ziemlich nahe am Ufer stehe und vorsichtig meine Knie benetze. Tropfen für Tropfen. Tröpfchen für Tröpfchen. Kalte Tröpfchen! Jedes einzelne fühlt sich auf meiner Haut an, als hätte es eine Temperatur von drei Kelvin also -270 °C. Strandurlaub in der Antarktis ist nichts dagegen.
Der Seegrund des Cospudener Sees, der von den Leipzigern liebevoll „Cossi“ genannt wird, ist voll mit schleimigem Algenbrei. Er sieht aus wie ein Kartoffelmus der Tiefe. Ein Humus des Grundes. Ein Obazda der Fische. Es gibt sicher mengenmäßig Menschen, die das in sich hineinstopfen würden. Freiwillig. Ich denke da an einen Dip für ein Veggie-Meal und ein tolles hippes Start-up in Berlin, die dieses breiige Algenmus als das the next big thing auf die Bevölkerung loslässt. Naja. Ich esse übrigens gern Haferbrei. Schmeckt nicht, ist aber billiger. Billiger als alles, was teurer ist. Also alles, mit Ausnahme von Trockenhefe. Die ist noch billiger, 8 Cent das Päckchen. Aber gut, Trockenhefe ist nicht besonders nahrhaft und wenn man sie herunterschluckt und sie im Bauch aufgeht, dann, Prost Mahlzeit. Da würde ich nicht danebenstehen wollen.

Ursprünglich dachte ich diese ganze Sache hier laufe ein wenig anders ab, ich dachte: ich und Lucie, wir fahren zusammen an den See und verbringen ein bisschen Zeit gemeinsam, um uns kennenzulernen. Aber kurz nachdem wir angekommen waren, fragte sie mich, ob nicht auch Marco vorbeikommen könne – Marco, der den Namen Ralf rülpsen kann. Und Marco brachte dann noch Toralf, den Schalen mit. Und außerdem: Nico, den alle Sabine nennen. Alle drei breiteten sie ihre Handtücher um unsere herum aus und als sie damit fertig waren, fragte mich Lucie, ob es für mich ok sei, dass ihre Kumpels mit hier wären, und ich dachte mir, warum fragst du mich das jetzt erst? Jetzt noch nein zu sagen, war etwas spät. Das würde sich niemand trauen, außer ein ganz Ausgefuchster vielleicht, dem alles egal war, der nichts mehr zu verlieren hatte, ein Donald Trump des Datings vielleicht, oder ein Putin oder ein Hitler.

Lucie schnorchelt vor mir auf und ab. Als sie auftaucht, ist ihr Bauch ganz grün und sie versichert mir, dass sie keine Schlampe sei, sondern dass sie heute Morgen geduscht habe. Außerdem sei sie nicht mehr grün hinter den Ohren, egal wie grün hinter den Ohren sie jetzt gerade sei. Sie lacht. Ich reibe an meinen Augen herum und Lucie fragt mich, ob ich Kontaktlinsen trage. Woher wusste sie das? Hatte ich ihr in den wenigen Stunden, in denen wir uns kannten, davon erzählt? „ Du bist also eigentlich eine Brillenschlange?“, sagte sie skeptisch und musterte mich noch einmal ganz genau, als sei sie sich nicht mehr ganz sicher, ob es so eine gute Idee sei mit mir baden zu gehen. Mir fielen ihre Wimpern auf, die lang waren wie die eines Kamels und dazu hatte sie braune traurige Rehaugen. Sie warf sich wieder ins Wasser und tauchte ab, während ich immer noch ganze dreißig Zentimeter vom Land entfernt stand. Alles um mich herum blendete und funkelte, keine Wolke war am Himmel. Es war einer der ersten Sommertage in diesem Jahr.
„Komm, wir schwimmen wenigstens bis zur Boje“, sagte Lucie, nachdem sie wieder aufgetaucht war. „Oder willst du etwa ewig da im Seichten rumstehen?“

„Ich weiß nicht, das Wasser ist ganz schön kalt“, erwiderte ich und trat auf der Stelle herum, als würden ein paar Krebse unter meiner Fußsohle Hochzeit feiern. Trotzdem hatte ich mich in den letzten fünfzehn Minuten keinen Millimeter von der Stelle gerührt. Nicht einmal einen Nanometer war ich in Richtung tieferes Wasser hineingewatet. Es stand mir immerhin schon bis knapp unter die Knie. Eine Bugwelle eines Motorbootes näherte sich und ich stellte mich vorsichtshalber auf die Zehenspitzen. Die Wellen schubsten mich sogar einen halben Zentimeter zurück in Richtung Land. Wenn ich noch ein, zwei Stündchen warten würde, würde ich ganz von selbst wieder zur Landratte werden. Der See hatte also vor, mich wieder auszuwürgen – wie eine Katze ihr Gewölle. Ich war ihm wohl nicht gut genug.
Plötzlich kommen der Ralfrülpser, Marco, dann Toralf, der Schale, und Nico, den alle Sabine nennen auf mich zu gerannt und sie stürzen sich direkt neben mir in die Fluten. Sie haben keine Zeit darüber nachzudenken, wie kalt es wirklich ist. Noch ehe sie die Kälte spüren, sind sie schon drin und wer einmal drin ist bleibt auch drin. Zum Glück habe ich einen Schritt rückwärts gemacht, um nicht von ihnen nass gespritzt zu werden und stehe nun halb mit den Fersen wieder an Land.

Die anderen schwimmen los. Ralfrülpser Marco versucht Lucie zu imponieren, indem er ständig Ralf, Ral, Ralf rülpst, Toralf, der Schale bricht in ein monotones Kichern aus und fordert Nico, den alle Sabine nennen, auf, mitzulachen, indem er ihn Sabine nennt. Nach wenigen Augenblicken sind sie raus auf den See geschwommen, tauchen und bewerfen sich mit Algenmus. Ich bin leider immer noch nicht drin. Stattdessen bewundere ich Lucies wassergetränkte rotgelockte Haare, die sich jetzt eng an ihren Kopf schmiegen und denke: Warum trägt sie sie nicht kurz? Ihr fehlt nur ein bisschen Mut.
„Sag mal, Memme, wie lange brauchst du eigentlich noch?“, fragt mich Lucie, die den drei anderen traurig nachblickt.
„Bin gleich drin“, sage ich.
Ich sehe eine alte Oma im Neoprenanzug an mir vorbeischwimmen und prusten und denke: So einen bräuchtest du auch. Dann wärst du längst drin.
„Ach, jetzt komm schon endlich, Roman. Die anderen sind schon fast auf der anderen Seite. Ihre Köpfe sind schon ganz klein.“ Sie haben tatsächlich schon ein gewaltiges Stück Weg zurückgelegt, aber auf der anderen Seite sind sie noch lange nicht, denke ich. Das andere Ufer liegt mindestens einen Kilometer weit entfernt. Aber wenn der dauerhaft Ralfrülpsende Ralfrülpser nicht dabei wäre, wüsste man nicht, dass es sich um Lucies Kumpels handelte. Ich bewegte mich wieder ein Stück ins Wasser. Aber gaaaaanz langsam. So! Wenigstens bis zu den Knöcheln, oder naja, sagen wir, noch ein Stück bis zu den Knien. Aber nicht weiter!

„Mann, das dauert, ich will heute wenigstens mit dir bis zur Boje schwimmen“, sagte Lucie.
Bis zur Boje? Oje, dachte ich. Ich sah hin. Die rote Boje schaukelte in einer Entfernung von hundert Metern auf und ab, mir wurde plötzlich ganz schwindelig und ich sah richtig unscharf, als würde ich auf dem Dach eines Wolkenkratzers stehen. Hundert Meter, das war eine Strecke, die ich beim Hundertmeterlauf in gerade mal zwölf Sekunden zurücklegen konnte. Aber hier auf dem Wasser, fühlte sie sich wie ein Halbmarathon an.
„Ich hab irgendwie noch ganz schön Muskelkater von gestern“, sagte ich. Auf einmal tauchte Lucie. Ich zählte die Sekunden, aber sie tauchte nicht wieder auf. Dann sah ich vor mir im Wasser etwas großes, schweres, einen Riesenfisch auf mich zuschießen, und ich verlor den Boden unter den Füßen, denn etwas packte mich an den Knöcheln und schwupp, fiel ich ins Wasser. Rückwärts. Ich weiß nicht wie, aber irgendwie schaffte ich es dabei nur am Bauch nass zu werden, denn ich fiel halb auf den Sandstrand. Meine Haare und alles Übrige waren furztrocken geblieben. Lucie tauchte wieder auf. Sie sah so viel jünger aus, wenn ihr das Wasser übers Gesicht lief und sie die Haare mit einem lässigen Schwenk hinter sich zurückwarf. Ich verzog das Gesicht und stieß die Laute eines Sterbenden aus: „Ahhhchh, ahhhhchh! Mein Bauch ist nass, mein Bauch ist nass.“ Dann bewegte ich mich noch ein Stück rückwärts in Richtung rettendes Land, wo ich mich erstmal vom Schock erholte.
Mein Bauch trocknete schnell. Eine Viertel Stunde später sah ich die drei Jungs wieder aus dem Wasser steigen und sich Ralfrülpsend und grinsend abtrocken, und weitere zehn Minuten später gingen sie schon wieder ins Wasser. Und ich stand immer noch da. Die Sonne hatte sich mittlerweile ein gewaltiges Stück vom Fleck bewegt und die Mücken tanzten über dem Wasser Lambada.

„Wie lange willst du da noch stehen?“, fragte Lucie, die seit einer halben Ewigkeit vor mir schwerelos im Wasser schwebte. „Es gibt Leute, die gehen schon das dritte Mal ins Wasser.“ Die Oma im Neoprenanzug zog graulend an uns vorbei und immer wenn sie den Kopf dabei drehte winkte sie uns mit ihrer Zunge zu, die wie ein nasser Lappen durch die Luft geschleudert wurde und auf das Wasser klatschte.
„Vielleicht sollte ich einfach wieder rausgehen“, rief ich. „Ich glaube, Flüssigkeiten sind nicht so mein Ding.“
„Und was ist mit Bier? Ist das etwa auch nicht dein Ding?“, schimpfte Lucie und warf mir einen giftigen Rehaugenblick zu, der dem eines Satans ebengebürtig gewesen wäre.
„Ich glaube, wenn der Cossi aus Bier wäre, wäre ich längst drin“, sagte ich.
„Na also! Stell dir einfach vor, er wäre es, er wäre aus Bier. Komm jetzt, Roman. Einmal schwuppdiwupp, wir beide um die Boje.“
Ich sah wieder zur Boje hinaus. Zwei alte Frauen mit lustig aufgebauschten Badekappen, die ihren Köpfen eine alienartige Gestalt gaben, schwammen dort mit müden Armbewegungen auf der Stelle. Sie redeten miteinander und lachten schallend. Etwa über mich?
„Und wenn ich beim Schwimmen plötzlich einen Krampf habe und jämmerlich ersaufe?“, sagte ich.
„Wenn du nicht gleich reinkommst, dann ersäufst du tatsächlich. Ich werde das persönlich in die Wege leiten.“ Lucie machte eine Würgegeste mit den Händen, machte einen Satz und riss mich dabei um. Peng! Drin waren wir. So einfach ist das also! Trotzdem ist das Wasser unendlich eisig. 24 oder vielleicht sogar nur 23,5 Grad. Ich denke an Menschen, die im 2005er Jahrhundertwinter Eisbaden und denen das Herz dabei stehen bleibt.

Unsere Füße berühren sich beim Schwimmen. Wir schwimmen tatsächlich in Richtung Boje. Lucie erzählt mir dabei von ihrem Ex-Freund, der immer ohne Badehose schwimmen ging. Einmal sei er sogar nackt bis zur anderen Seeseite geschwommen. Als er drüben war, hätte er aber keine Kraft mehr gehabt zurückzuschwimmen, sagte sie, aber er habe auch keine Lust gehabt, die fünf Kilometer an der Strandpromenade entlang nackt wieder zurückzulaufen.
Ich schüttle mich, weil ich plötzlich daran denken muss, dass der Cospudener See 50 Meter tief ist. Zwischen mir und dem Grund sind also 50 Meter braun gefärbtes, undurchsichtiges Wasser und auf dem Grund eine ein Meter dicke Schicht aus Algenbrei. Falls meine Arme jetzt schlapp machen würden, konnte das mein Ende sein. Im selben Moment merke ich, wie meine Arme schlapp werden. Ich glaube, das war’s. Ich werde also jämmerlich ertrinken. Ausgerechnet jetzt, ausgerechnet hier, vor den Augen einer schönen Frau.
„Hast du mir überhaupt zugehört?“, fragte Lucie.
„Na klar“, erwidere ich und nahm unfreiwillig einen großen Schluck Wasser als schwämme ich in Bier. „Was hat er da gemacht? Ich meine …“, ich hustete, „ich meine, dein Freund, als er auf der anderen Seeseite war und nicht nackt zurücklaufn wollte, was hat er da gemacht?“, ich hustete wie blöd.
„Er hat sich drüben ne Luftmatratze geklaut …“
„Und ist darauf zurückgeschwommen?“, ergänzte ich.
„Nee, er ist gelaufen. Die Matratze hat er sich vor den Schwanz gehalten. Das Ding wollte einfach nicht mehr abschwellen.“

Lucie ist mir schon etwas voraus. Bis zur Boje ist es immer noch ewig weit. Ich falle zurück. Ich bin am Ende meiner Kräfte, völlig außer Atem. Durch meine Haut suppt schon das Wasser wie durch ein Sieb.
„Ich glaube, ich schaffe es nicht bis zur Boje“, rufe ich mit letzter Kraft. Doch Lucie hat kein Mitleid, sie sieht sich nicht mal nach mir um. „Ich würde es ja verstehen, wenn du ein Walross von 500 Kilo wärst, aber in deiner Kontaktanzeige hat gestanden, dass du Sport machst“, sagte Lucie.
„Verdammt, ich mache Sport“, rufe ich. „Ich bin einfach nicht in Form.“
„Und dein Muskelkater, von was soll der sein, wenn du angeblich Sport machst, so wie du sagst?“
„Ich hab gestern einen Kasten Bier die Treppe raufgeschleppt. Also einen kleinen“, sagte ich.
Ich kann wirklich nicht mehr. Ich bin selbst etwas bestürzt darüber, wie schlecht ich in Form war und ich war noch nicht mal Ende zwanzig.
„Blllbllll, bllllblll“, sagte ich, schloss die Augen und machte kehrt. Das Herz dieser Frau zu erobern hatte ich mir irgendwie einfacher vorgestellt. Ich hatte mir vorgestellt, Lucie und ich würden am Strand sitzen, uns betrinken, ich mache ein paar Witze und irgendwann zeigt sie mir, wo ihr Ex-Freund wohnt und wir bewerfen seine Fensterscheiben mit Algenmus. Naja, hat nicht sein sollen.

Ich schwimme mit allerletzter Kraft zurück zum Strand und werde von meinen Konkurrenten – vom Ralfrülpser Marco, von Toralf, dem Schalen und von Nico, den alle Sabine nennen – mit einem milden Lächeln in Empfang genommen, während Lucie weit über die Boje hinausschwimmt und einige Zeit später nur noch als winzig kleines Pünktchen zu erkennen ist. Ob sie jetzt bis hinüberschwimmt und irgendwann zu Fuß und nackt mit einer geklauten Luftmatratze zurückkommt?, frage ich mich. Die anderen drei sehen mich an als wären wir Rivalen, finsterste Rivalen. Auch sie scheinen wild entschlossen zu sein, auf Lucie zu warten. Ich war wohl in eine Falle hinein geraten. Das hier war kein gemütliches Kennenlernen zu zweit, sondern eine Massenveranstaltung in Sachen Brunft. Das stärkste Männchen gewinnt. Darauf hatte ich ehrlichgesagt keine Lust. Ich warf noch einen letzten Blick aufs Wasser, auf Lucie, die nicht mehr zu sehen war, gab den anderen meine Hand und packte unsere Sachen, um kurz darauf wie ein Walross an der Strandpromenade entlang zur anderen Uferseite zu watscheln, um Lucie dort mit einem trockenen Handtuch in Empfang zu nehmen, und sie auf diese Weise von mir zu überzeugen. Alles oder nichts, dachte ich, und hoffte auf Glück.

(Erstmals vorgetragen am 13.04.17 bei der Lesebühne Sax Royal in der Dresdner Scheune)

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