Im Bett oder: Tag des Karpfens

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Es war Sonntag, Tag des Karpfens oder Karpfentag, wie man hier sagt. Der Teich neben dem Dorfanger war schon abgelassen, als wir hinkamen. Kein Wasser mehr drin. Ein Schwan stand dort im Matsch und konnte es nicht fassen, dass das Wasser weg war. Wütend schlug er mit den Flügeln als wollte er sagen: „Das ist doch nicht euer Ernst, Alter!“
Der Teichgrund bestand aus einer dicken Schlammschicht und war mit Abdrücken übersät, die in ihrer Form an Fische erinnerten. Am Morgen fand hier das Schaufischen statt. Tonnenweise Karpfen wurden hier abgefischt. Einige davon waren jetzt zu Suppe verarbeitet oder räucherten im Ofen bei 70 Grad vor sich hin.

Im Schlamm spielten ein paar Kinder Matschwerfen. Samuel-Orson und Lilith-Sardine, die wir der Einfachheit halber einfach nur Sam und Lili nannten, hatten ihre bunten Stiefel an und rannten zu den anderen Kindern, um sich an der Matschschlacht zu beteiligen. Das war Tradition. Seit vielen Jahren war diese Matschlacht Tradition. Seit der Karpfenteich e.V. jedes Jahr zur Abfischsaison ein Fest veranstaltete.
Ich und Lena, meine Angebetete, holten uns Fischsuppe und setzten uns an eine der Biertischgarnituren. Lena hatte ihre roten Stiefel an, die bis über die Knie reichten. Ich nenne sie immer „Pornostiefel“, weil ihre Stiefel die Blicke sämtlicher Männer auf sich ziehen. Aber nicht nur IHRE Stiefel waren es, die bewundert wurden. Jemand an unserem Tisch machte MIR ein Kompliment, wie gut mir mein neues Karpfen-Tattoo stehen würde. Es passe sehr gut zu meiner Hautfarbe. Und natürlich zum heutigen Karpfentag. Lena hatte das Tattoo für mich ausgesucht. Vorige Woche brachte ich es endlich über mich und vereinbarte beim Dorfstecher einen Termin. Ich bezahlte mit einem Gutschein. Den hatte ich von meinen Schwiegereltern zu Weihnachten bekommen. Und jetzt war schon August. Bald gab es den nächsten Gutschein. In zwei Wochen hatte ich Geburtstag. Lena stand auf Tattoos, sie hatte welche auf ihrer Wade und auf den Armen. Und eines am Hals. Ein großes T oder so. Vielleicht war es auch ein missglücktes Kreuz oder eine Reißzwecke, die auf dem Kopf steht.

Lena teilte die Tattoo-Begeisterung mit ihren Eltern. Die waren beide auch tätowiert. Ihr Vater trug sogar ein Tattoo im Gesicht – einen chinesischen Drachen, der sich in den Schwanz beißt. Man sah den Drachen nur, wenn sich Lenas Vater den Vollbart abrasierte. Als Lena mich ihren Eltern damals vorstellte, war das erste, was ihrem Vater an mir auffiel, dass ich nicht tätowiert war. Im Gegensatz zu meinem Vorgänger, der sogar eine eigene Tätowiermaschine besaß. In diesem Sinne müsste man sagen, dass ich und Lena eigentlich nicht zusammenpassten. Uns verband aber etwas anderes. Gegenseitige Abhängigkeit. Naja. Manche sagen, Lena sei nicht unbedingt mit dem schönsten Körper gesegnet. Aber für mich ist sie hübsch und stellt alle meine vorangegangenen Beziehungen in den Schatten. Kurze Beine. Ein schönes Gesäß. 123 Kilo. Und sie trägt immer diese lustige Kurzhaarfrisur mit den roten Strähnchen. Das ist schon etwas Besonderes, wie ich finde, jedenfalls dort, wo ich herkomme. Um das Verhältnis zu meinen Schwiegereltern von Anfang an auf eine solide Basis zu stellen, ließ ich mir diesen Tattoo-Gutschein von ihnen schenken. Was ich jedoch damals nicht bedacht hatte ist, dass so ein Tattoo weniger Körperschmuck, sondern eine Lebenseinstellung ist. Für mich fühlt sich mein Tattoo immer wie eine Verkleidung an. Im tiefsten Innern bin ich noch untätowiert und so nackt wie mich Gott geschaffen hat. Ich bin eigentlich kein Freund von Entscheidungen, die sich nicht rückgängig machen lassen. Irreversible Entscheidungen haben für mich etwas Endgültiges, wie der Tod. Außerdem: ein Tattoo ist wie ein offenes Buch. An ihm kann man ablesen, was für eine Art Mensch man ist. Das will ich nicht. Ich bin lieber ein Krakentier, das im Meer schwimmt, sich treiben lässt und seine Farbe wechselt wie es ihm gerade passt.

Sam kommt über und über mit Schlamm beschmutzt an unseren Tisch und lässt sich von Lena die Ärmel hochkrempeln. Er hat gehört, dass jemand mein Karpfen-Tattoo gelobt hat und fragt: „Krieg ich auch eins?“
„Nein“, sage ich.
„Jetzt noch nicht“, berichtigt mich Lena.
„Aber die Lucifer-Lopez aus meiner Klasse hat auch schon eins“, sagt Sam. „Einen Fuchs. An der Backe.“
„An der Backe?“, frage ich.
„Ja, am Arsch.“
„Die ist aber auch schon acht, Sam“, sagt Lena. „Da musst du erstmal noch ein ganzes Stück wachsen.“
„Ich bin auch bald acht.“
„Wir warten, bis es soweit ist. Und dann suchen wir für dich einen schönen kleinen Arschanker aus“, sage ich.
„Ich will aber keinen Anker. Ich will einen Frosch“, erwidert Sam.
Ich erinnere mich noch, wie ich mit meinem Vater damals eine ähnliche Diskussion hatte. Es ging um einen Ohrring. Ich war zehn und der erste in meiner Klasse, der so ein Ding tragen durfte. Ich trug ihn genau zwei Wochen. Dann hatten alle Jungen in meiner Klasse einen und einige hatten sogar zwei, nebeneinander, und ich warf meinen weg.
Jetzt kam Lilli auch zum Tisch. Sie hatte etwas Glitschiges in den Händen und warf es auf den Tisch. „Hier, die wollten gerade ficken.“ Zwei Frösche hüpften panisch zwischen den Tellern herum. Einer der Frösche landete in der Suppe eines Opas, der mit an unserem Tisch saß. Lena schimpfte Lilli aus. Dicke Tränen kullerten über ihre Wangen. Ich nahm einen Löffel und fischte den Frosch aus der Suppe. „Jetzt haben Sie Froschsuppe“, sagte ich. „Entschuldigen Sie vielmals.“ Der Opa prostete mir zu. „Alles halb so wild. Sind doch nur Kinder!“ Das nur gab mir zu denken. Was, wenn es nun ich gewesen wäre, der für diesen Frosch auf seinem Teller verantwortlich gewesen wäre? Manchmal fürchte ich mich vor den Ureinwohnern hier.

Die Kinder kehrten zur Schlammschlacht zurück. Ich kam unterdessen mit dem Froschsuppen-Opa ins Gespräch. Wir unterhielten uns über den neuen Bürgermeister, der einen Gasthof zu einer Flüchtlingsherberge umbauen lassen wollte. „Wenn er das macht“, sagte der Opa, „dann ist Polen offen.“
Dann verstummte er plötzlich. Mehr wollte er nicht sagen, jedenfalls nicht in meiner Gegenwart. Mir war bekannt, wie die Leute hier tickten. Die Stimmung war angespannt und düster. Eigentlich verwunderlich, dass mein Laden bisher heil geblieben ist. A Propos, mein Laden. „Übrigens, ich hab vor Kurzem einen Laden aufgemacht“, sagte ich, um ein bisschen Werbung zu machen.
„Ach, Sie sind derjenige, der in den Handelshof eingezogen ist? Davon hab ich schon gehört. Wie läuft denn Ihr Laden?“, fragte der Opa.
Ich konnte mich nicht beklagen. Ich hatte mich auf Waren spezialisiert, für die hier in der Gegend ein erhöhter Bedarf besteht.
Lena hatte von einem Betrunkenen am Nachbartisch – einer Chimäre aus Karpfen und Kuh – einen Karpfen, aber leider keine Kuh geschenkt bekommen. Der Karpfen lebte noch. Ich war ein wenig eifersüchtig. Lena wollte mir später weismachen, sie kenne den Betrunkenen noch aus der Schule, es sei ihr ehemaliger Schulkamerad, ein gewisser Torsten T. Der Mann sah mindestens zwanzig Jahre älter aus als sie. Sein Bart war komplett weiß und seine Nase war gebrochen. Aber das schien Lena nicht zu stören. Sie kicherte, als sei sie noch zu haben.
Sam und Lilli kamen mit einer neuen Ladung Frösche zurück. „Die wollten alle miteinander ficken“, sagte Lilli vorwurfsvoll und schüttelte ihren Kopf. „Ist das normal?“
„Keine Ahnung“, erwiderte ich. „Vielleicht ist jetzt gerade Paarungszeit.“
„In der Kita haben sie gesagt, dass Ficken unanständig ist.
Ficken Menschen eigentlich auch?“, fragte Lilli.
„Selten“, sagte ich und sah Lena böse an. Und die sah mich böse an. Sam sagte: „Aber Klaro. Die ficken ständig. Ich hab sie schon mal dabei erwischt.“
Sam und Lilli sind nicht meine Kinder. Lena nennt sie manchmal Altlasten. Ich kann froh sein, dass sie mich nicht mit dem Nachnamen anreden. Sie sind beide ziemlich lebhaft und können ganz schön aufmüpfig sein. Vielleicht war das mit dem Heiraten doch keine so gute Idee, denke ich. Seit wir das gemacht haben, sehen uns alle seltsam an und bei uns ist irgendwie die Luft raus. Aber auf dem Dorf ist Heiraten nun mal Tradition. Und ohne solcher dörflicher Traditionen wäre mein Laden wahrscheinlich nie zum Laufen gekommen. Ich wäre arbeitslos. Niemand will mich hier einstellen.
Manchmal träume ich davon, wieder zurückzugehen. Zurück in mein Dorf am Weißen See und da von vorn anfangen. Fische fangen, wie es mein Vater früher getan hat, als es dort noch Fische gab.

„Kommst du nochmal mit in den Teich?“, fragte mich Sam mit großen Augen. Lilli und er steckten mit den Augen schon wieder halb im Matsch. Ich sehe Lena an und die sagt: „Von mir aus!“ Ich denke daran, wie dieser Abend enden wird. Heute ist Sonntag. Lena wird mir einen runterholen. Sie macht es immer auf die gleiche Art und Weise wie ein mechanisches Gerät. Ich frage mich, ob sie mit ihren Kollegen manchmal über uns spricht. Frauen machen sowas. Die wollen wissen, wie das so ist, mit einem Schwarzen im Bett.
Ich sprang Sam und Lilli hinterher in den Matsch. „Schlammschlacht!“, rief ich und noch ehe ich ordentlich austeilen konnte, war ich schon über und über mit Schlamm beklebt. Es machte verdammt viel Spaß die Kinder mit Schlamm zu bewerfen und noch mehr Spaß machte es, wenn ich einen der beiden traf. Lena stand am Ufer und rümpfte die Nase, als wolle sie sagen: „Och, bitte. Wir sind hier doch nicht unten in Afrika.“
Irgendwann sagte sie: „So, wir gehen!“
„Bittebitte“, rief Lilli, „können wir nicht noch bisschen bleiben. Wir wollen doch sehen, wie die Frösche ficken.“ Sie sah mich an und es tat mir leid, dass ich nichts für Lilli tun konnte. „Frag deine Mama“, sagte ich.
„Nein. Die haben jetzt fertig gefickt“, sagte Lena.

Gemeinsam schlenderten wir die Dorfstraße entlang – Lilli und Sam an Lenas Hand, an je einer, und ich hinterher. Wir gingen an meinem Laden vorbei, bzw. eigentlich war es nicht wirklich mein Laden. Er war Lenas Idee. Es war Sonntag, aber ich hatte die Schaufensterläden offen stehen lassen, damit sich jeder die neuen Modelle ansehen konnte. Seit vorgestern habe ich eine Winchester bei mir ausgestellt. Aber die ist nur eine Attrappe, um mehr Menschen in meinen Laden zu locken. Niemand kauft eine Winchester. Die meisten kaufen Klappmesser und Ninjasterne oder Schreckschusspistolen oder Kleinkaliber. Das Geschäft entwickelt sich.
Dann sind wir am alten Schloss und spielen mit der Vogelscheuche, die dort im Park wegen der Stare aufgestellt ist. Am Abend gibt es Karpfen und später, als die Kinder im Bett sind, kommt Tatort und der Abend endet, wie jeden Tag, da wo er begonnen hat. Im Bett.

(Premiere bei Sax Royal am 09.02.17)

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