Berlin, Lesebühne, Prosa

Sonnenallee

Als bei mir das Geld mal wieder knapp wurde, musste ich mir einen Job suchen, zumindest vorübergehend, denn ich war nicht sonderlich scharf darauf, arbeiten zu gehen. Vor kurzem hatte mir ein Lesebühnen-Kollege, dessen Name hier nicht genannt sein darf, erzählt, dass er schon als Kind immer gehofft habe, nie in seinem Leben arbeiten gehen zu müssen, und er hat sich diesen Wunsch erfüllt. Er ist ein bekannter Kolumnist geworden – was nicht heißt, dass das keine Arbeit wäre. Aber es gibt Arbeit, die richtige Knochen-Arbeit ist und Arbeit, die auch noch Spaß macht. So eine Arbeit suchte ich auch, und so meldete ich mich auf beinahe fünfzig Anzeigen und schrieb immer: ich suche eine Arbeit, die Spaß macht, und erhielt – wenn überhaupt – nur Absagen.

Am Ende war ich so verzweifelt, dass ich mich in einer kleinen Elektroboutique, die genauso hieß, auf der Sonnenallee bewarb. Der Laden führte Handys, MP3-Player und Fernseher. Im Schaufenster meiner Elektroboutique stand ein Skelett, wobei nicht klar war, in welchem assoziativen Zusammenhang ein menschliches Skelett und dieser Laden zueinander standen. War das ironisch gemeint? Von wegen elektrischer Strom ergo Steckdose ergo Finger-in-Loch ergo Stromunfall, oder gehörte das Skelett vielleicht noch zu einem Vorgänger-Laden, einer Apotheke vielleicht? Hatte mein Chef nur vergessen die Schaufensterdeko zu entfernen? Das kam ja in Berlin oft vor. Ich erinnere mich noch an ein Seminar für Selbständige, das ich mal irgendwann als Maßnahme vom Jobcenter besuchen musste. Da hieß es: Was ein Geschäft am allerdringendsten braucht, ist ein Schaufenster. Das erzählte der Seminarleiter, nachdem eine junge Mutter einen Laden für Babyklamotten in ihrer Privatwohnung im achtzehnten Stock eines Plattenbaus in Marzahn aufmachen wollte. Außerdem bläute man uns dort ein, dass es nicht nur wichtig war, ein Schaufenster zu besitzen, sondern dass das Schauobjekt im Schaufenster und das, was man in seinem Laden verkaufen wollte, einen erkennbaren Bezug zueinander haben sollten. Das galt natürlich nicht für Neukölln! In ein Geschäft mit einem Schaufenster, was zu normal aussah, ging dort niemand rein. Einem Döner ohne Terrarium mit halb verwester toter Vogelspinne im Schaufenster, blieben dort glatt die Kunden weg. Es waren vorwiegend Leute aus dem Kiez, die hier vorbeikamen – meistens in ihren Hauslatschen oder im Bademantel. Wenn man in der Sonnenallee wohnte, da gehörte ja die Straße im Grunde noch zur eigenen Wohnung. Da musste man sich nicht extra schick machen. Und es störte auch niemanden. Es gab hier sowieso nur zwei Sorten von Menschen: Hipster oder Freaks, wobei man nie genau wusste, wer welchem Lager angehörte.

Ich kriegte den Job. Doch mein erster Kunde war zugleich auch mein letzter. Optisch anzusiedeln zwischen dem Dude aus The big Lebowsky und Donald Trump.
„Hallo. Ich hätte gerne einen Adapter, mit dem ich meinen USB-Schtick aufladen kann.“ Er sagte wirklich „Schtick“!
„Ein USB-Stick muss nicht aufgeladen werden“, erwiderte ich hübsch lächelnd. Das tat ich schon ganze fünf Sekunden lang und jetzt taten mir schon die Gesichtsmuskeln weh. Wie wollte ich das den ganzen Tag durchstehen?
„Meiner schon. Ich will ja damit Musik hören.“
„Sie können mit einem USB-Stick keine Musik hören. Sie meinen wahrscheinlich einen MP3-Player.“
„Nein, einen USB-Stick.“
„MP3-Player?“
„USB-Stick.“
„Ok, wenn Sie alles besser wissen. Warum stecken Sie Ihren USB-Stick dann nicht einfach an die USB-Buchse in ihrem Computer an, so können Sie ihn aufladen, wenn Sie glauben, dass er aufgeladen werden muss.“
„Mein Computer hat keine USB-Buchse. Der hat gar nichts. Der läuft mit Solar.“
„Solar? Sie meinen einen Taschenrechner?“
„Computer!“
„Taschenrechner?“
„Meine Oma hat gesagt, ich brauche einen Adapter, um meinen USB-Schtick aufzuladen, bevor ich via Bluetut Musik auf meinen Computer abspielen kann.“
„Bluetut? Wenn Sie meinen, dass Ihre Oma kompetenter ist als ich – ein Verkäufer einer Elektroboutique …“
„Meine Oma hat immerhin den Krieg mitgemacht.“
„Schön für Sie. Aber als Ihre Oma für den Führer ganz vorn an der Front stand, gab es noch keine USB-Sticks und auch kein Bluetooth.“
„Meine Oma war nicht an der Front. Es sei denn, Sie meinen die Küchen-Front.“
„Ist doch Wurscht. Wollen Sie nun irgendwas oder wollen Sie nichts?“ Mein Gesicht fühlte sich schon ganz verkrampft an, weil ich immer noch lächelte.
„Wie ich schon sagte. Ich brauche einen Adapter, um meinen USB-Schtick aufzuladen.“
„Ich würde sagen: Dann nehmen Sie einfach diesen hier, damit kann man einen MP3-Player aufladen.“ Ich gab ihm einen Adapter, den ein Kunde zurückgebracht hatte, weil er defekt war.
„Passt der auch für USB-Schticks?“
„Naja. Zumindest passiert nichts, wenn Sie ihn anstecken. Er ist defekt. Den schenke ich Ihnen.“
„Aber wird mein USB-Schtick dann auch richtig aufgeladen?“
„Da wird gar nichts aufgeladen, es sei denn Sie stecken sich den Adapter in den Arsch.“
„Na, der ist bei mir schon besetzt … Kennen Sie zufällig ein Geschäft in der Nähe, wo es Adapter zum Aufladen von USB-Schticks gibt?“
„Warum fragen Sie nicht einfach mal nebenan beim Herrenfriseur?“, sagte ich.
„Und die haben solche speziellen Adapter also?“
„Also eher noch als wir.“

Kurz darauf wurde ich von meinem Vorgesetzten gefeuert. Ich hätte dem Mann auf jeden Fall etwas verkaufen müssen. Wenigstens einen MP3-Player. Der hätte alles gekauft. Sogar einen Fernseher. Der war doch vollkommen bekloppt. Da muss man halt mal ein bisschen kreativ sein.“
„Aber ich dachte doch …“, sagte ich.
„Fürs Denken werden Sie hier nicht bezahlt. Ein Verkäufer denkt doch nicht. Ein Verkäufer handelt instinktiv, wie ein wildes Tier. Sein einziges Ziel ist der Verkauf. Wenn ich einen Denker brauche, stelle ich einen Denker ein.“
„Sie brauchen nicht zufällig einen Denker?“
„Warum fragen Sie nicht einfach mal nebenan beim Herrenfriseur, ob die einen Denker brauchen können. Denken ist sowieso ein Irrweg der Evolution – gerade in Berlin. Wer hier zu viel denkt, dem platzt der Kopf. Das müssten Sie doch wissen. Außerdem: Warum grinsen Sie eigentlich die ganze Zeit so blöd?“
„Oh, Entschuldigung.“ Ich knetete meine Gesichtsmuskeln mit den Fingern wieder zurück in Form. „Lächeln bin ich nicht so gewohnt.“
„Ist vielleicht auch besser so. Sie sehen damit aus wie Freddy Krüger. Nicht unbedingt verkaufsfördernd!“
Ich war etwas deprimiert und zeigte es auch.
„Ach, Kopf hoch, Kleiner. Wie wäre es mit ein bisschen Musik auf die Ohren. Z.B. aus einem MP3-Player? Dann klappt‘s auch mit dem nächsten Job.“
Er hatte mich überzeugt und ich kaufte tatsächlich einen MP3-Player, obwohl ich schon einen besaß. Aber ich dachte: Gut, kann ja nicht schaden, vielleicht für die Arbeit und so.

Als ich dann nebenan beim Herrenfriseur wegen eines Jobs vorsprach, saß der Mann mit dem USB-Stick auf dem Frisierstuhl. Ich fragte ihn, ob er seinen Adapter schon bekommen habe. „Noch nicht. Der Friseur hat gesagt, ich soll mir erstmal den Bart machen lassen, sonst funktioniert so ein USB-Schtick nämlich nicht. Das haben Sie mir nicht gesagt!“
„Aber Sie haben doch gar keinen Bart?“, sagte ich.
„Deswegen bin ich ja hier. Ich will mir einen machen lassen.“
Ich fragte den Friseur nach einem Job und der sagte: „Du willst nen Job, Alter? Erstmal brauchst du einen vernünftigen Haarschnitt.“ Er setzte mich auf einen Stuhl und schnitt mir sofort hier und da etwas weg bis ich aussah wie eine Vogelscheuche. Als ich bezahlt hatte und ihn noch einmal auf meinen Job ansprach, sagte er mir, dass für Vogelscheuchen wie mich derzeit keine Stelle frei sei.
Am nächsten Tag meldete ich mich beim Arbeitsamt. Auf dem freien Arbeitsmarkt war ich ja scheinbar nicht vermittelbar. Aber leider hatten die dort auch keinen Job für mich, jedenfalls keinen, der Spaß macht.

(Erstmals vorgetragen zur Lesebühne Sax Royal am 17.11.16)

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