Berlin, Lesebühne, Prosa

Wenn der Gasnotdienst zwei Mal klingelt

img_20160821_075834-3Es war Sonntagnachmittag und ein Kater steckte noch tief in meinen Knochen, als es anfing, bei mir in der Wohnung intensiv nach Gas zu riechen. Zuerst dachte ich, ich bilde mir die ganze Sache nur ein. Doch dann begann ich nervös zu werden und tat das, was jeder gewiefte Heimwerker in meiner Situation tun würde, nämlich sich in diversen Internetforen darüber informieren, was man selbst dagegen tun kann und was nicht. Dort erfuhr ich dann, dass ich schon mal gegen jegliche Sicherheitsvorkehrungen verstoßen hatte, die bei Gasgeruch galten. Ich hatte nicht nur bei den Nachbarn geklingelt, um zu fragen, ob es dort auch nach Gas roch (leider war dort niemand zu Hause), sondern hatte auch noch auf den Schreck ein Käffchen aufgesetzt und zwar auf dem Herd. Und später hab ich mir zum Käffchen noch ein Zigarettchen angezündet. In einem Youtube-Video erklärte mir dann ein selbsternannter Selfmademan, was jetzt zu tun war. Ich kroch also schnüffelnd an der Gasleitung entlang, um herausfinden, wo genau Gas austrat, um das Rohr dort mit Kaugummi oder Klebeband abzudichten. Als ich aber kein Leck fand, wollte ich einfach die kompletten acht Meter Rohr mit Klebeband umwickeln, das mir dabei jedoch schon nach Meter zwei ausging. Was nun? Eine andere Seite im Internet verlinkte mich auf die zehn spektakulärsten Berliner Gasexplosionen der letzten Jahre. 2014 Treptow. 2015 Kreuzberg und die 2016 war mit einem Fragezeichen versehen. Oje! Das war wohl so eine Art Wink des Schicksals. Ich war mir sicher, Neukölln war als nächstes an der Reihe und dort nicht irgendwo, sondern bei mir. Ich überlegte, falls ich meine Wohnung fluchtartig verlassen musste, was ich unbedingt mitnehmen musste. Meinen Ausweis natürlich und frische Unterwäsche. Doch wie sehr ich mich auch darum bemühte, ich fand beides nicht.

Der Gasmann vom Gasnotdienst kam kurz nach vier. Ich saß vor der Haustür, worum man mich am Telefon gebeten hatte und drehte mir ein Zigarettchen. Der Gasmann trug einen Bauhelm, unter dem zwei Köpfe Platz gefunden hätten. An der Stirnseite war eine monströse Grubenlampe angebracht, als würde er als Bergarbeiter in einen Schacht einfahren wollen. Und er hatte jede Menge seltsamer Geräte dabei, z.B. einen altbackenen Gasdetektor, der aussah, als hätte ihn Newton schon benutzt, um damit eine Kuh zu besamen.
„Haben Sie den Gashahn schon abgestellt?“, fragte er mich und leckte sich den Schweiß von der Lippe. Er war nicht besonders überrascht, als ich ihm sagte, dass ich ihn gern abgestellt hätte. Aber als ich ihn abstellen wollte, hatte ich den Gashahn in der Hand.
„Aha“, sagte der Gasmann, als könne ihn nichts wirklich aus der Fassung bringen. „Aber Sie haben ja wenigstens die Fenster aufgemacht?“
„Nö, hat mir niemand gesagt.“
„Sind Sie nicht ganz dicht oder was? Das weiß doch jeder: Bei Gasgeruch: Fenster auf!“
„Tut mir leid, ich komm aus der Provinz. Wir kochen da mit Strom!“
„Mit Strom? Wie barbarisch.“ Er sagte es, als rede er mit einem halbnackten Dörfler von anno Dunnemals.
Er betrat die Wohnung. Ich wollte ihn zum Gaszähler führen, wo der Haupthahn für meine Wohnung angebracht war: „Halt! Sagen Sie nichts!“ Er schnüffelte sich durch die Räume, bis er vor dem Zähler stehenblieb. „Och, riechen Sie sich das mal an! Das ist wirklich exquisit. Das ist astreine Ware aus der Fabrik. Jetzt sagen Sie mir nicht, dass Sie in der Provinz auch mit Strom heizen?“
„Ja. Wir haben dort Fernwärme. Kommt direkt aus der Leitung.“
„Aus der Leitung? Wie barbarisch. Ohne eignen Gasboiler fühlt man sich doch gar nicht wohl in der eigenen Haut. Naja, warten Sie mal noch fünfzig Jährchen und dann werden bei Ihnen aufm Dorf die Stromherde wie hier in der Hauptstadt auf modern getrimmt.“
Er leckte sich wieder Schweiß von der Oberlippe, riss alle Fenster auf und stellte den Haupthahn mit einer Zange ab. Dann hantierte er mit seinem Gasdetektor herum und trug irgendwelche Werte in ein Formular ein.
„Ist‘s schlimm?“, fragte ich.
„Wir hatten schon Wetten laufen, obs dieses Jahr endlich mal in Neukölln klappt.“
„Was klappt?“
„Na, Feuerwerk.“
„Und?“
„Naja, hat nicht ganz hingehauen.“ Er schien etwas traurig zu sein. „Aber auf jeden Fall sperre ich Ihnen erstmal Leitung fürs ganze Haus.“

Nachher mussten wir noch in den Keller, um den Haupthahn fürs Haus zu suchen. Überall Spinnweben. Offene Kellertüren. Eingeworfene Scheiben und es stank bestialisch nach Pisse. Ich dachte mir, wenn es in Berlin je wieder Luftalarm geben würde, würden mich hier keine zehn Pferde reinkriegen. Das war ja versifft ohne Ende und überall lagen diese seltsamen Spritzen herum. Lieber würde ich im russisch-türkischen Bombenhagel sterben, als hier auszuharren.
„Haben Sie den Haupthahn gefunden?“
Von irgendwo ganz weit hinten und ganz weit unten, hörte ich es schallen: „Ja, aber der ist eingerostet. Halten Sie lieber etwas Abstand. Es kann sein, dass es etwas heiß wird.“ Und dann hörte ich ihn wieder schwärmen. „Och, wie das riecht. Das ist ja absolut göttlich.“ Ich stellte mir vor, er sei so eine Art Gas-Junkie und abhängig von dem Zeug. Er konnte sich ja nahezu täglich während der Arbeit in einen Rausch hinein schnüffeln. Und das kostenlos. Mann, kostenlos high werden. Wer kann das schon?
„Sind Sie fertig?“, fragte ich.
„Nein, ich muss den Hahn erst verplomben. Stellen Sie sich darauf ein, dass Sie in nächster Zeit kein Gas haben.“
„Wie lange – ungefähr?“
„Naja. Die Anlage ist beinahe hundert Jahre alt. Zuerst mal müssen wir das Loch in der Leitung finden. Das kann praktisch überall sein zwischen dem Keller und Ihrer Wohnung unterm Dach. Wahrscheinlich ist es irgendwo im Schacht. Das ist ein bisschen wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen.“
„Aha. Also so ein paar Tage ohne Gas?“
Er seufzte. „Denke mal, so Mitte Ende November haben wir die Sache wieder im Griff. Auf jeden Fall noch vor Einbruch des Winters.“
„Aber wie soll ich denn jetzt kochen?“
Er musterte mich skeptisch. „Sie wollen mir doch nicht weiß machen, Sie hätten auch nur ein einziges Mal in Ihrem Leben selbst gekocht.“
„Ich koche täglich.“
„Mit Strom, wa?“

Für den Übergang borgte ich mir von meiner Schwester ein Herdplattenduo, das man in die Steckdose stecken konnte. Es funktionierte genau bis zum darauffolgenden Sonntag. Dann sprengte es mir die Sicherung aus dem Kasten und ich hatte eine andere Art von Notdienst im Haus. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.

(erstmals vorgetragen bei der Lesebühne Sax Royal am 08.09.16)

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