Prosa

Geständnis (2008)

P1210888Seit etwa dreizehn Jahren sind ich und Kerstin zusammen, nach neun Jahren heirateten wir. Wir haben viel zusammen versucht, drei Mal zogen wir in andere Städte und fuhren zusammen zur Ostsee, nach Polen und in den Harz. Seit einiger Zeit spiele ich aber mit dem Gedanken, ihr einen Seitensprung zu gestehen, obwohl ich noch nie mit einer anderen Frau etwas hatte. Ich glaube, ich brauche das einfach, der Abwechslung wegen, alles ist gut, aber es ist langweilig.
Wir sind, weil es heiß war, abends noch mit den Rädern ans Salzhaff gefahren. Ringsherum quaken Frösche. Ich stehe bis zu den Knien im Wasser, das an den Füßen kälter ist als an den Knien und arbeite mich langsam ins Tiefe vor, in kleinen Schrit-ten steigt es mir an die Oberschenkel und bis zum Bauch. Die Füße versinken bis dahin im Schlick, wo ich mir gestern eine Blase gelaufen habe. Je mehr Fläche meines Körpers mit Wasser bedeckt wird, desto voluminöser wird meine Gänsehaut, sie breitet sich aus und wird bald die Haare erreichen, einige werden sich aufstellen, ich habe einen Borstenkopf. Jetzt wird der Boden breiig, Wasserpflanzen und Grünzeug halten meine Wa-den und versuchen mich davon abzuhalten, ins Tiefe vorzudrin-gen. Ich stelle mir kleine Fische vor, die an meiner Haut lecken.
Noch einmal wende ich mich, ein letztes Mal. Kerstin sitzt auf einer gelben Decke und massiert Sonnencreme ein. Und das, obwohl die Sonne jeden Augenblick hinter Bäumen verschwin-den wird. Kerstins Schenkel sind käsig und von blauen Äder-chen durchsetzt, ich sehe es sogar aus zwanzig Meter Entfer-nung. Ihre Finger erreichen den schönen Bauch und arbeiten sich kreisend nach oben, wo sie verführerisch den BH aufbrechen. Die Brüste verlieren die Kugel-Form und werden von der Schwerkraft zu Auberginen modelliert, auf die Kerstin mit au-ßerordentlicher Langsamkeit einwirkt. Sie kneift in die Flasche und auf jede Brust fällt ein Klecks, der sie tünchen wird. Kerstin sieht mich, bemerkt, dass ich sie dabei beobachte und fährt mir mit animalischem Schielen in die Augen. Schnell wende ich mich ins Haff zurück und setze zum Sprung an. Blasen perlen von meinem Körper, als ich ein und abermals auftauche. Nach Luft schnappend bürste ich das Wasser aus den Augen und von mei-ner Haut. Noch immer erreichen meine Füße den Grund, noch kann ich stehen. Ich mache einen Satz nach vorn, setze wieder zum Schwimmen an und beobachte Reiher, die aus den Schilffeldern aufsteigen. Die letzten Sonnenstrahlen brechen sich in den fünf Zentimeter hohen Wellen. Das Wasser wird kälter, je weiter ich schwimme.

(Nr. 9 von 61 Prosaskizzen aus dem Jahr 2008)

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Ein Gedanke zu „Geständnis (2008)“

  1. Roman, Du beschreibst ein Stück Geschichte und zeigst damit die Probleme jeder Historiographie auf. Du möchtest etwas bekennen, was nicht war; es fehlt also die Referenz des Berichteten zu einem Geschehnis. Und wenn Du es berichtest, dann wird es Ereignis. Du hast Dich gleichsam neu erfunden, im ureigensten Sinn des Wortes, eine Erfindung als Kopfgeburt, und die dann doch reale Konsequenzen hat. Was wäre die Literaturgeschichte ohne Ossian, wenn McPherson seine Balladen als das ausgegeben hätte, was sie sind und sich nicht gleichsam neu als Ossian eine geschichtliche Gestalt gegeben hätte, die dann wirksam wird? In dem Versuch der Neuerfindung auch die akute Gegenwart, Du spürst die Kälte des Lebensspenders Wasser – mit jedem Zug mehr und Du siehst die Wärme des Lebensspenders Sonne auf der Haut von Kerstin, nimmst wahr in der größer werdenden Distanz und doch wird die Wirklichkeit eine andere…. Vielleicht sind wir alle nur das, was wir im konkreten Fall von uns konstruieren, wenn wir den Versuch machen, das Gegensätzliche zu verbinden, rückblickend betrachtet wird es dann Biographie, das Konstrukt schlechthin!

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