Ich bin das Walross

Lucie ist schon längst im Wasser und taucht, während ich noch ziemlich nahe am Ufer stehe und vorsichtig meine Knie benetze. Tropfen für Tropfen. Tröpfchen für Tröpfchen. Kalte Tröpfchen! Jedes einzelne fühlt sich auf meiner Haut an, als hätte es eine Temperatur von drei Kelvin also -270 °C. Strandurlaub in der Antarktis ist nichts dagegen.
Der Seegrund des Cospudener Sees, der von den Leipzigern liebevoll „Cossi“ genannt wird, ist voll mit schleimigem Algenbrei. Er sieht aus wie ein Kartoffelmus der Tiefe. Ein Humus des Grundes. Ein Obazda der Fische. Es gibt sicher mengenmäßig Menschen, die das in sich hineinstopfen würden. Freiwillig. Ich denke da an einen Dip für ein Veggie-Meal und ein tolles hippes Start-up in Berlin, die dieses breiige Algenmus als das the next big thing auf die Bevölkerung loslässt. Naja. Ich esse übrigens gern Haferbrei. Schmeckt nicht, ist aber billiger. Billiger als alles, was teurer ist. Also alles, mit Ausnahme von Trockenhefe. Die ist noch billiger, 8 Cent das Päckchen. Aber gut, Trockenhefe ist nicht besonders nahrhaft und wenn man sie herunterschluckt und sie im Bauch aufgeht, dann, Prost Mahlzeit. Da würde ich nicht danebenstehen wollen.

Ursprünglich dachte ich diese ganze Sache hier laufe ein wenig anders ab, ich dachte: ich und Lucie, wir fahren zusammen an den See und verbringen ein bisschen Zeit gemeinsam, um uns kennenzulernen. Aber kurz nachdem wir angekommen waren, fragte sie mich, ob nicht auch Marco vorbeikommen könne – Marco, der den Namen Ralf rülpsen kann. Und Marco brachte dann noch Toralf, den Schalen mit. Und außerdem: Nico, den alle Sabine nennen. Alle drei breiteten sie ihre Handtücher um unsere herum aus und als sie damit fertig waren, fragte mich Lucie, ob es für mich ok sei, dass ihre Kumpels mit hier wären, und ich dachte mir, warum fragst du mich das jetzt erst? Jetzt noch nein zu sagen, war etwas spät. Das würde sich niemand trauen, außer ein ganz Ausgefuchster vielleicht, dem alles egal war, der nichts mehr zu verlieren hatte, ein Donald Trump des Datings vielleicht, oder ein Putin oder ein Hitler.

Lucie schnorchelt vor mir auf und ab. Als sie auftaucht, ist ihr Bauch ganz grün und sie versichert mir, dass sie keine Schlampe sei, sondern dass sie heute Morgen geduscht habe. Außerdem sei sie nicht mehr grün hinter den Ohren, egal wie grün hinter den Ohren sie jetzt gerade sei. Sie lacht. Ich reibe an meinen Augen herum und Lucie fragt mich, ob ich Kontaktlinsen trage. Woher wusste sie das? Hatte ich ihr in den wenigen Stunden, in denen wir uns kannten, davon erzählt? „ Du bist also eigentlich eine Brillenschlange?“, sagte sie skeptisch und musterte mich noch einmal ganz genau, als sei sie sich nicht mehr ganz sicher, ob es so eine gute Idee sei mit mir baden zu gehen. Mir fielen ihre Wimpern auf, die lang waren wie die eines Kamels und dazu hatte sie braune traurige Rehaugen. Sie warf sich wieder ins Wasser und tauchte ab, während ich immer noch ganze dreißig Zentimeter vom Land entfernt stand. Alles um mich herum blendete und funkelte, keine Wolke war am Himmel. Es war einer der ersten Sommertage in diesem Jahr.
„Komm, wir schwimmen wenigstens bis zur Boje“, sagte Lucie, nachdem sie wieder aufgetaucht war. „Oder willst du etwa ewig da im Seichten rumstehen?“

„Ich weiß nicht, das Wasser ist ganz schön kalt“, erwiderte ich und trat auf der Stelle herum, als würden ein paar Krebse unter meiner Fußsohle Hochzeit feiern. Trotzdem hatte ich mich in den letzten fünfzehn Minuten keinen Millimeter von der Stelle gerührt. Nicht einmal einen Nanometer war ich in Richtung tieferes Wasser hineingewatet. Es stand mir immerhin schon bis knapp unter die Knie. Eine Bugwelle eines Motorbootes näherte sich und ich stellte mich vorsichtshalber auf die Zehenspitzen. Die Wellen schubsten mich sogar einen halben Zentimeter zurück in Richtung Land. Wenn ich noch ein, zwei Stündchen warten würde, würde ich ganz von selbst wieder zur Landratte werden. Der See hatte also vor, mich wieder auszuwürgen – wie eine Katze ihr Gewölle. Ich war ihm wohl nicht gut genug.
Plötzlich kommen der Ralfrülpser, Marco, dann Toralf, der Schale, und Nico, den alle Sabine nennen auf mich zu gerannt und sie stürzen sich direkt neben mir in die Fluten. Sie haben keine Zeit darüber nachzudenken, wie kalt es wirklich ist. Noch ehe sie die Kälte spüren, sind sie schon drin und wer einmal drin ist bleibt auch drin. Zum Glück habe ich einen Schritt rückwärts gemacht, um nicht von ihnen nass gespritzt zu werden und stehe nun halb mit den Fersen wieder an Land.

Die anderen schwimmen los. Ralfrülpser Marco versucht Lucie zu imponieren, indem er ständig Ralf, Ral, Ralf rülpst, Toralf, der Schale bricht in ein monotones Kichern aus und fordert Nico, den alle Sabine nennen, auf, mitzulachen, indem er ihn Sabine nennt. Nach wenigen Augenblicken sind sie raus auf den See geschwommen, tauchen und bewerfen sich mit Algenmus. Ich bin leider immer noch nicht drin. Stattdessen bewundere ich Lucies wassergetränkte rotgelockte Haare, die sich jetzt eng an ihren Kopf schmiegen und denke: Warum trägt sie sie nicht kurz? Ihr fehlt nur ein bisschen Mut.
„Sag mal, Memme, wie lange brauchst du eigentlich noch?“, fragt mich Lucie, die den drei anderen traurig nachblickt.
„Bin gleich drin“, sage ich.
Ich sehe eine alte Oma im Neoprenanzug an mir vorbeischwimmen und prusten und denke: So einen bräuchtest du auch. Dann wärst du längst drin.
„Ach, jetzt komm schon endlich, Roman. Die anderen sind schon fast auf der anderen Seite. Ihre Köpfe sind schon ganz klein.“ Sie haben tatsächlich schon ein gewaltiges Stück Weg zurückgelegt, aber auf der anderen Seite sind sie noch lange nicht, denke ich. Das andere Ufer liegt mindestens einen Kilometer weit entfernt. Aber wenn der dauerhaft Ralfrülpsende Ralfrülpser nicht dabei wäre, wüsste man nicht, dass es sich um Lucies Kumpels handelte. Ich bewegte mich wieder ein Stück ins Wasser. Aber gaaaaanz langsam. So! Wenigstens bis zu den Knöcheln, oder naja, sagen wir, noch ein Stück bis zu den Knien. Aber nicht weiter!

„Mann, das dauert, ich will heute wenigstens mit dir bis zur Boje schwimmen“, sagte Lucie.
Bis zur Boje? Oje, dachte ich. Ich sah hin. Die rote Boje schaukelte in einer Entfernung von hundert Metern auf und ab, mir wurde plötzlich ganz schwindelig und ich sah richtig unscharf, als würde ich auf dem Dach eines Wolkenkratzers stehen. Hundert Meter, das war eine Strecke, die ich beim Hundertmeterlauf in gerade mal zwölf Sekunden zurücklegen konnte. Aber hier auf dem Wasser, fühlte sie sich wie ein Halbmarathon an.
„Ich hab irgendwie noch ganz schön Muskelkater von gestern“, sagte ich. Auf einmal tauchte Lucie. Ich zählte die Sekunden, aber sie tauchte nicht wieder auf. Dann sah ich vor mir im Wasser etwas großes, schweres, einen Riesenfisch auf mich zuschießen, und ich verlor den Boden unter den Füßen, denn etwas packte mich an den Knöcheln und schwupp, fiel ich ins Wasser. Rückwärts. Ich weiß nicht wie, aber irgendwie schaffte ich es dabei nur am Bauch nass zu werden, denn ich fiel halb auf den Sandstrand. Meine Haare und alles Übrige waren furztrocken geblieben. Lucie tauchte wieder auf. Sie sah so viel jünger aus, wenn ihr das Wasser übers Gesicht lief und sie die Haare mit einem lässigen Schwenk hinter sich zurückwarf. Ich verzog das Gesicht und stieß die Laute eines Sterbenden aus: „Ahhhchh, ahhhhchh! Mein Bauch ist nass, mein Bauch ist nass.“ Dann bewegte ich mich noch ein Stück rückwärts in Richtung rettendes Land, wo ich mich erstmal vom Schock erholte.
Mein Bauch trocknete schnell. Eine Viertel Stunde später sah ich die drei Jungs wieder aus dem Wasser steigen und sich Ralfrülpsend und grinsend abtrocken, und weitere zehn Minuten später gingen sie schon wieder ins Wasser. Und ich stand immer noch da. Die Sonne hatte sich mittlerweile ein gewaltiges Stück vom Fleck bewegt und die Mücken tanzten über dem Wasser Lambada.

„Wie lange willst du da noch stehen?“, fragte Lucie, die seit einer halben Ewigkeit vor mir schwerelos im Wasser schwebte. „Es gibt Leute, die gehen schon das dritte Mal ins Wasser.“ Die Oma im Neoprenanzug zog graulend an uns vorbei und immer wenn sie den Kopf dabei drehte winkte sie uns mit ihrer Zunge zu, die wie ein nasser Lappen durch die Luft geschleudert wurde und auf das Wasser klatschte.
„Vielleicht sollte ich einfach wieder rausgehen“, rief ich. „Ich glaube, Flüssigkeiten sind nicht so mein Ding.“
„Und was ist mit Bier? Ist das etwa auch nicht dein Ding?“, schimpfte Lucie und warf mir einen giftigen Rehaugenblick zu, der dem eines Satans ebengebürtig gewesen wäre.
„Ich glaube, wenn der Cossi aus Bier wäre, wäre ich längst drin“, sagte ich.
„Na also! Stell dir einfach vor, er wäre es, er wäre aus Bier. Komm jetzt, Roman. Einmal schwuppdiwupp, wir beide um die Boje.“
Ich sah wieder zur Boje hinaus. Zwei alte Frauen mit lustig aufgebauschten Badekappen, die ihren Köpfen eine alienartige Gestalt gaben, schwammen dort mit müden Armbewegungen auf der Stelle. Sie redeten miteinander und lachten schallend. Etwa über mich?
„Und wenn ich beim Schwimmen plötzlich einen Krampf habe und jämmerlich ersaufe?“, sagte ich.
„Wenn du nicht gleich reinkommst, dann ersäufst du tatsächlich. Ich werde das persönlich in die Wege leiten.“ Lucie machte eine Würgegeste mit den Händen, machte einen Satz und riss mich dabei um. Peng! Drin waren wir. So einfach ist das also! Trotzdem ist das Wasser unendlich eisig. 24 oder vielleicht sogar nur 23,5 Grad. Ich denke an Menschen, die im 2005er Jahrhundertwinter Eisbaden und denen das Herz dabei stehen bleibt.

Unsere Füße berühren sich beim Schwimmen. Wir schwimmen tatsächlich in Richtung Boje. Lucie erzählt mir dabei von ihrem Ex-Freund, der immer ohne Badehose schwimmen ging. Einmal sei er sogar nackt bis zur anderen Seeseite geschwommen. Als er drüben war, hätte er aber keine Kraft mehr gehabt zurückzuschwimmen, sagte sie, aber er habe auch keine Lust gehabt, die fünf Kilometer an der Strandpromenade entlang nackt wieder zurückzulaufen.
Ich schüttle mich, weil ich plötzlich daran denken muss, dass der Cospudener See 50 Meter tief ist. Zwischen mir und dem Grund sind also 50 Meter braun gefärbtes, undurchsichtiges Wasser und auf dem Grund eine ein Meter dicke Schicht aus Algenbrei. Falls meine Arme jetzt schlapp machen würden, konnte das mein Ende sein. Im selben Moment merke ich, wie meine Arme schlapp werden. Ich glaube, das war’s. Ich werde also jämmerlich ertrinken. Ausgerechnet jetzt, ausgerechnet hier, vor den Augen einer schönen Frau.
„Hast du mir überhaupt zugehört?“, fragte Lucie.
„Na klar“, erwidere ich und nahm unfreiwillig einen großen Schluck Wasser als schwämme ich in Bier. „Was hat er da gemacht? Ich meine …“, ich hustete, „ich meine, dein Freund, als er auf der anderen Seeseite war und nicht nackt zurücklaufn wollte, was hat er da gemacht?“, ich hustete wie blöd.
„Er hat sich drüben ne Luftmatratze geklaut …“
„Und ist darauf zurückgeschwommen?“, ergänzte ich.
„Nee, er ist gelaufen. Die Matratze hat er sich vor den Schwanz gehalten. Das Ding wollte einfach nicht mehr abschwellen.“

Lucie ist mir schon etwas voraus. Bis zur Boje ist es immer noch ewig weit. Ich falle zurück. Ich bin am Ende meiner Kräfte, völlig außer Atem. Durch meine Haut suppt schon das Wasser wie durch ein Sieb.
„Ich glaube, ich schaffe es nicht bis zur Boje“, rufe ich mit letzter Kraft. Doch Lucie hat kein Mitleid, sie sieht sich nicht mal nach mir um. „Ich würde es ja verstehen, wenn du ein Walross von 500 Kilo wärst, aber in deiner Kontaktanzeige hat gestanden, dass du Sport machst“, sagte Lucie.
„Verdammt, ich mache Sport“, rufe ich. „Ich bin einfach nicht in Form.“
„Und dein Muskelkater, von was soll der sein, wenn du angeblich Sport machst, so wie du sagst?“
„Ich hab gestern einen Kasten Bier die Treppe raufgeschleppt. Also einen kleinen“, sagte ich.
Ich kann wirklich nicht mehr. Ich bin selbst etwas bestürzt darüber, wie schlecht ich in Form war und ich war noch nicht mal Ende zwanzig.
„Blllbllll, bllllblll“, sagte ich, schloss die Augen und machte kehrt. Das Herz dieser Frau zu erobern hatte ich mir irgendwie einfacher vorgestellt. Ich hatte mir vorgestellt, Lucie und ich würden am Strand sitzen, uns betrinken, ich mache ein paar Witze und irgendwann zeigt sie mir, wo ihr Ex-Freund wohnt und wir bewerfen seine Fensterscheiben mit Algenmus. Naja, hat nicht sein sollen.

Ich schwimme mit allerletzter Kraft zurück zum Strand und werde von meinen Konkurrenten – vom Ralfrülpser Marco, von Toralf, dem Schalen und von Nico, den alle Sabine nennen – mit einem milden Lächeln in Empfang genommen, während Lucie weit über die Boje hinausschwimmt und einige Zeit später nur noch als winzig kleines Pünktchen zu erkennen ist. Ob sie jetzt bis hinüberschwimmt und irgendwann zu Fuß und nackt mit einer geklauten Luftmatratze zurückkommt?, frage ich mich. Die anderen drei sehen mich an als wären wir Rivalen, finsterste Rivalen. Auch sie scheinen wild entschlossen zu sein, auf Lucie zu warten. Ich war wohl in eine Falle hinein geraten. Das hier war kein gemütliches Kennenlernen zu zweit, sondern eine Massenveranstaltung in Sachen Brunft. Das stärkste Männchen gewinnt. Darauf hatte ich ehrlichgesagt keine Lust. Ich warf noch einen letzten Blick aufs Wasser, auf Lucie, die nicht mehr zu sehen war, gab den anderen meine Hand und packte unsere Sachen, um kurz darauf wie ein Walross an der Strandpromenade entlang zur anderen Uferseite zu watscheln, um Lucie dort mit einem trockenen Handtuch in Empfang zu nehmen, und sie auf diese Weise von mir zu überzeugen. Alles oder nichts, dachte ich, und hoffte auf Glück.

(Erstmals vorgetragen am 13.04.17 bei der Lesebühne Sax Royal in der Dresdner Scheune)

Ozelot

am Ort wo es
nach Revolte riecht ich bin im
Rotrübensuppenesserland

wo Berg und Nebel anders
ticken u. die letzte Krüppelkiefer
lacht sich eins

und auch die Spione um mich
haben das Weite gesucht u.
ihre Drohnen stummgeschaltet

so einsam einsam nur
klarer grauer Wolkenwald
auch der Wind schweigt seit
ich aus der Biegung kam

Malinchen Eulinchen Kaninchen-Koch
ich bitte dich mir einen
Kuss zu senden mit
bitweise Marmelade drauf und
ich drucke ihn 3-D

und den ersten Alpendorst lege
ich den ich finde dir zu Ehren
zwischen Lippe-ober und Unter-
lippe und pfeife drauf

ich nehme mich beim Wort
ich bin nicht gerne
Ozelot

Im Bett oder: Tag des Karpfens

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Es war Sonntag, Tag des Karpfens oder Karpfentag, wie man hier sagt. Der Teich neben dem Dorfanger war schon abgelassen, als wir hinkamen. Kein Wasser mehr drin. Ein Schwan stand dort im Matsch und konnte es nicht fassen, dass das Wasser weg war. Wütend schlug er mit den Flügeln als wollte er sagen: „Das ist doch nicht euer Ernst, Alter!“
Der Teichgrund bestand aus einer dicken Schlammschicht und war mit Abdrücken übersät, die in ihrer Form an Fische erinnerten. Am Morgen fand hier das Schaufischen statt. Tonnenweise Karpfen wurden hier abgefischt. Einige davon waren jetzt zu Suppe verarbeitet oder räucherten im Ofen bei 70 Grad vor sich hin.

Im Schlamm spielten ein paar Kinder Matschwerfen. Samuel-Orson und Lilith-Sardine, die wir der Einfachheit halber einfach nur Sam und Lili nannten, hatten ihre bunten Stiefel an und rannten zu den anderen Kindern, um sich an der Matschschlacht zu beteiligen. Das war Tradition. Seit vielen Jahren war diese Matschlacht Tradition. Seit der Karpfenteich e.V. jedes Jahr zur Abfischsaison ein Fest veranstaltete.
Ich und Lena, meine Angebetete, holten uns Fischsuppe und setzten uns an eine der Biertischgarnituren. Lena hatte ihre roten Stiefel an, die bis über die Knie reichten. Ich nenne sie immer „Pornostiefel“, weil ihre Stiefel die Blicke sämtlicher Männer auf sich ziehen. Aber nicht nur IHRE Stiefel waren es, die bewundert wurden. Jemand an unserem Tisch machte MIR ein Kompliment, wie gut mir mein neues Karpfen-Tattoo stehen würde. Es passe sehr gut zu meiner Hautfarbe. Und natürlich zum heutigen Karpfentag. Lena hatte das Tattoo für mich ausgesucht. Vorige Woche brachte ich es endlich über mich und vereinbarte beim Dorfstecher einen Termin. Ich bezahlte mit einem Gutschein. Den hatte ich von meinen Schwiegereltern zu Weihnachten bekommen. Und jetzt war schon August. Bald gab es den nächsten Gutschein. In zwei Wochen hatte ich Geburtstag. Lena stand auf Tattoos, sie hatte welche auf ihrer Wade und auf den Armen. Und eines am Hals. Ein großes T oder so. Vielleicht war es auch ein missglücktes Kreuz oder eine Reißzwecke, die auf dem Kopf steht.

Lena teilte die Tattoo-Begeisterung mit ihren Eltern. Die waren beide auch tätowiert. Ihr Vater trug sogar ein Tattoo im Gesicht – einen chinesischen Drachen, der sich in den Schwanz beißt. Man sah den Drachen nur, wenn sich Lenas Vater den Vollbart abrasierte. Als Lena mich ihren Eltern damals vorstellte, war das erste, was ihrem Vater an mir auffiel, dass ich nicht tätowiert war. Im Gegensatz zu meinem Vorgänger, der sogar eine eigene Tätowiermaschine besaß. In diesem Sinne müsste man sagen, dass ich und Lena eigentlich nicht zusammenpassten. Uns verband aber etwas anderes. Gegenseitige Abhängigkeit. Naja. Manche sagen, Lena sei nicht unbedingt mit dem schönsten Körper gesegnet. Aber für mich ist sie hübsch und stellt alle meine vorangegangenen Beziehungen in den Schatten. Kurze Beine. Ein schönes Gesäß. 123 Kilo. Und sie trägt immer diese lustige Kurzhaarfrisur mit den roten Strähnchen. Das ist schon etwas Besonderes, wie ich finde, jedenfalls dort, wo ich herkomme. Um das Verhältnis zu meinen Schwiegereltern von Anfang an auf eine solide Basis zu stellen, ließ ich mir diesen Tattoo-Gutschein von ihnen schenken. Was ich jedoch damals nicht bedacht hatte ist, dass so ein Tattoo weniger Körperschmuck, sondern eine Lebenseinstellung ist. Für mich fühlt sich mein Tattoo immer wie eine Verkleidung an. Im tiefsten Innern bin ich noch untätowiert und so nackt wie mich Gott geschaffen hat. Ich bin eigentlich kein Freund von Entscheidungen, die sich nicht rückgängig machen lassen. Irreversible Entscheidungen haben für mich etwas Endgültiges, wie der Tod. Außerdem: ein Tattoo ist wie ein offenes Buch. An ihm kann man ablesen, was für eine Art Mensch man ist. Das will ich nicht. Ich bin lieber ein Krakentier, das im Meer schwimmt, sich treiben lässt und seine Farbe wechselt wie es ihm gerade passt.

Sam kommt über und über mit Schlamm beschmutzt an unseren Tisch und lässt sich von Lena die Ärmel hochkrempeln. Er hat gehört, dass jemand mein Karpfen-Tattoo gelobt hat und fragt: „Krieg ich auch eins?“
„Nein“, sage ich.
„Jetzt noch nicht“, berichtigt mich Lena.
„Aber die Lucifer-Lopez aus meiner Klasse hat auch schon eins“, sagt Sam. „Einen Fuchs. An der Backe.“
„An der Backe?“, frage ich.
„Ja, am Arsch.“
„Die ist aber auch schon acht, Sam“, sagt Lena. „Da musst du erstmal noch ein ganzes Stück wachsen.“
„Ich bin auch bald acht.“
„Wir warten, bis es soweit ist. Und dann suchen wir für dich einen schönen kleinen Arschanker aus“, sage ich.
„Ich will aber keinen Anker. Ich will einen Frosch“, erwidert Sam.
Ich erinnere mich noch, wie ich mit meinem Vater damals eine ähnliche Diskussion hatte. Es ging um einen Ohrring. Ich war zehn und der erste in meiner Klasse, der so ein Ding tragen durfte. Ich trug ihn genau zwei Wochen. Dann hatten alle Jungen in meiner Klasse einen und einige hatten sogar zwei, nebeneinander, und ich warf meinen weg.
Jetzt kam Lilli auch zum Tisch. Sie hatte etwas Glitschiges in den Händen und warf es auf den Tisch. „Hier, die wollten gerade ficken.“ Zwei Frösche hüpften panisch zwischen den Tellern herum. Einer der Frösche landete in der Suppe eines Opas, der mit an unserem Tisch saß. Lena schimpfte Lilli aus. Dicke Tränen kullerten über ihre Wangen. Ich nahm einen Löffel und fischte den Frosch aus der Suppe. „Jetzt haben Sie Froschsuppe“, sagte ich. „Entschuldigen Sie vielmals.“ Der Opa prostete mir zu. „Alles halb so wild. Sind doch nur Kinder!“ Das nur gab mir zu denken. Was, wenn es nun ich gewesen wäre, der für diesen Frosch auf seinem Teller verantwortlich gewesen wäre? Manchmal fürchte ich mich vor den Ureinwohnern hier.

Die Kinder kehrten zur Schlammschlacht zurück. Ich kam unterdessen mit dem Froschsuppen-Opa ins Gespräch. Wir unterhielten uns über den neuen Bürgermeister, der einen Gasthof zu einer Flüchtlingsherberge umbauen lassen wollte. „Wenn er das macht“, sagte der Opa, „dann ist Polen offen.“
Dann verstummte er plötzlich. Mehr wollte er nicht sagen, jedenfalls nicht in meiner Gegenwart. Mir war bekannt, wie die Leute hier tickten. Die Stimmung war angespannt und düster. Eigentlich verwunderlich, dass mein Laden bisher heil geblieben ist. A Propos, mein Laden. „Übrigens, ich hab vor Kurzem einen Laden aufgemacht“, sagte ich, um ein bisschen Werbung zu machen.
„Ach, Sie sind derjenige, der in den Handelshof eingezogen ist? Davon hab ich schon gehört. Wie läuft denn Ihr Laden?“, fragte der Opa.
Ich konnte mich nicht beklagen. Ich hatte mich auf Waren spezialisiert, für die hier in der Gegend ein erhöhter Bedarf besteht.
Lena hatte von einem Betrunkenen am Nachbartisch – einer Chimäre aus Karpfen und Kuh – einen Karpfen, aber leider keine Kuh geschenkt bekommen. Der Karpfen lebte noch. Ich war ein wenig eifersüchtig. Lena wollte mir später weismachen, sie kenne den Betrunkenen noch aus der Schule, es sei ihr ehemaliger Schulkamerad, ein gewisser Torsten T. Der Mann sah mindestens zwanzig Jahre älter aus als sie. Sein Bart war komplett weiß und seine Nase war gebrochen. Aber das schien Lena nicht zu stören. Sie kicherte, als sei sie noch zu haben.
Sam und Lilli kamen mit einer neuen Ladung Frösche zurück. „Die wollten alle miteinander ficken“, sagte Lilli vorwurfsvoll und schüttelte ihren Kopf. „Ist das normal?“
„Keine Ahnung“, erwiderte ich. „Vielleicht ist jetzt gerade Paarungszeit.“
„In der Kita haben sie gesagt, dass Ficken unanständig ist.
Ficken Menschen eigentlich auch?“, fragte Lilli.
„Selten“, sagte ich und sah Lena böse an. Und die sah mich böse an. Sam sagte: „Aber Klaro. Die ficken ständig. Ich hab sie schon mal dabei erwischt.“
Sam und Lilli sind nicht meine Kinder. Lena nennt sie manchmal Altlasten. Ich kann froh sein, dass sie mich nicht mit dem Nachnamen anreden. Sie sind beide ziemlich lebhaft und können ganz schön aufmüpfig sein. Vielleicht war das mit dem Heiraten doch keine so gute Idee, denke ich. Seit wir das gemacht haben, sehen uns alle seltsam an und bei uns ist irgendwie die Luft raus. Aber auf dem Dorf ist Heiraten nun mal Tradition. Und ohne solcher dörflicher Traditionen wäre mein Laden wahrscheinlich nie zum Laufen gekommen. Ich wäre arbeitslos. Niemand will mich hier einstellen.
Manchmal träume ich davon, wieder zurückzugehen. Zurück in mein Dorf am Weißen See und da von vorn anfangen. Fische fangen, wie es mein Vater früher getan hat, als es dort noch Fische gab.

„Kommst du nochmal mit in den Teich?“, fragte mich Sam mit großen Augen. Lilli und er steckten mit den Augen schon wieder halb im Matsch. Ich sehe Lena an und die sagt: „Von mir aus!“ Ich denke daran, wie dieser Abend enden wird. Heute ist Sonntag. Lena wird mir einen runterholen. Sie macht es immer auf die gleiche Art und Weise wie ein mechanisches Gerät. Ich frage mich, ob sie mit ihren Kollegen manchmal über uns spricht. Frauen machen sowas. Die wollen wissen, wie das so ist, mit einem Schwarzen im Bett.
Ich sprang Sam und Lilli hinterher in den Matsch. „Schlammschlacht!“, rief ich und noch ehe ich ordentlich austeilen konnte, war ich schon über und über mit Schlamm beklebt. Es machte verdammt viel Spaß die Kinder mit Schlamm zu bewerfen und noch mehr Spaß machte es, wenn ich einen der beiden traf. Lena stand am Ufer und rümpfte die Nase, als wolle sie sagen: „Och, bitte. Wir sind hier doch nicht unten in Afrika.“
Irgendwann sagte sie: „So, wir gehen!“
„Bittebitte“, rief Lilli, „können wir nicht noch bisschen bleiben. Wir wollen doch sehen, wie die Frösche ficken.“ Sie sah mich an und es tat mir leid, dass ich nichts für Lilli tun konnte. „Frag deine Mama“, sagte ich.
„Nein. Die haben jetzt fertig gefickt“, sagte Lena.

Gemeinsam schlenderten wir die Dorfstraße entlang – Lilli und Sam an Lenas Hand, an je einer, und ich hinterher. Wir gingen an meinem Laden vorbei, bzw. eigentlich war es nicht wirklich mein Laden. Er war Lenas Idee. Es war Sonntag, aber ich hatte die Schaufensterläden offen stehen lassen, damit sich jeder die neuen Modelle ansehen konnte. Seit vorgestern habe ich eine Winchester bei mir ausgestellt. Aber die ist nur eine Attrappe, um mehr Menschen in meinen Laden zu locken. Niemand kauft eine Winchester. Die meisten kaufen Klappmesser und Ninjasterne oder Schreckschusspistolen oder Kleinkaliber. Das Geschäft entwickelt sich.
Dann sind wir am alten Schloss und spielen mit der Vogelscheuche, die dort im Park wegen der Stare aufgestellt ist. Am Abend gibt es Karpfen und später, als die Kinder im Bett sind, kommt Tatort und der Abend endet, wie jeden Tag, da wo er begonnen hat. Im Bett.

(Premiere bei Sax Royal am 09.02.17)

Fliegen an Mummies

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***wenn ich an Maitagen oder
so oder wenn es anders warm
ist und da ist frisch die Wiese
gemäht und der Himmel azur ist

und ein paar Wolken auch weil
an Maitagen oder so wenn
es anders warm ist da will ich
an dich denken wie oft habe ich
da an dich gedacht

wir gingen zusammen zur Lagune
um der Wahrheit direkt ins Auge zu sehen
Ninjareiher prüften im Schilf
mit ihren Ninjaaugen unser Boot
mit dem Fass voll Bier und einer
liebenswerten Person namens
Vino für die alle Welt aus
Fliegen und Mummies besteht

Regenwald lag hinter dem
Regen und Wald hinter dem
Wald und wir sahen den
Hairufern am Ufer beim
Hairufen zu und den Frosch-
männern mit ihren Lasern
die taten was in ihrer Macht steht

und wir folgten dem Silbernebel des
Sommervogels den er liebe
sagte Vino sehr
und ich überlegte hieraus ein
Gedicht zu machen für
eine liebenswerte Person
namens Vino spulte ich
auf meiner Uhr die Zeit zurück an
meinem Handgelenk

und er klatschte
Beifall
— light —

wenn ich an Maitagen oder
so oder wenn es anders warm
ist und da ist frisch die Wiese
gemäht und der Himmel azur ist

und ein paar Wolken auch weil
an Maitagen oder so wenn
es anders warm ist da will ich
an dich denken wie oft habe ich
da an dich gedacht

IMMER vonvorn
VONvorn vonVORN

gingen wir zur Lagune
und Geschwader von Ninjareihern
nahmen uns zum Ziel ihrer
Bomben

und ich überlegte hieraus (immerwieder!!!)
ein Gedicht zu machen
SO – eins wie dieses hier
weil es so absurd war

wenn ich an Maitagen oder
so oder wenn es anders warm
ist und da ist frisch die Wiese
gemäht und der Himmel azur ist

und ein paar Wolken auch weil
an Maitagen oder so wenn
es anders warm ist da will ich
immer an dich denken wie oft habe ich
da an dich gedacht
… schrieb ich

vonvorn vonvorn
immer***

Sonnenallee

Als bei mir das Geld mal wieder knapp wurde, musste ich mir einen Job suchen, zumindest vorübergehend, denn ich war nicht sonderlich scharf darauf, arbeiten zu gehen. Vor kurzem hatte mir ein Lesebühnen-Kollege, dessen Name hier nicht genannt sein darf, erzählt, dass er schon als Kind immer gehofft habe, nie in seinem Leben arbeiten gehen zu müssen, und er hat sich diesen Wunsch erfüllt. Er ist ein bekannter Kolumnist geworden – was nicht heißt, dass das keine Arbeit wäre. Aber es gibt Arbeit, die richtige Knochen-Arbeit ist und Arbeit, die auch noch Spaß macht. So eine Arbeit suchte ich auch, und so meldete ich mich auf beinahe fünfzig Anzeigen und schrieb immer: ich suche eine Arbeit, die Spaß macht, und erhielt – wenn überhaupt – nur Absagen.

Am Ende war ich so verzweifelt, dass ich mich in einer kleinen Elektroboutique, die genauso hieß, auf der Sonnenallee bewarb. Der Laden führte Handys, MP3-Player und Fernseher. Im Schaufenster meiner Elektroboutique stand ein Skelett, wobei nicht klar war, in welchem assoziativen Zusammenhang ein menschliches Skelett und dieser Laden zueinander standen. War das ironisch gemeint? Von wegen elektrischer Strom ergo Steckdose ergo Finger-in-Loch ergo Stromunfall, oder gehörte das Skelett vielleicht noch zu einem Vorgänger-Laden, einer Apotheke vielleicht? Hatte mein Chef nur vergessen die Schaufensterdeko zu entfernen? Das kam ja in Berlin oft vor. Ich erinnere mich noch an ein Seminar für Selbständige, das ich mal irgendwann als Maßnahme vom Jobcenter besuchen musste. Da hieß es: Was ein Geschäft am allerdringendsten braucht, ist ein Schaufenster. Das erzählte der Seminarleiter, nachdem eine junge Mutter einen Laden für Babyklamotten in ihrer Privatwohnung im achtzehnten Stock eines Plattenbaus in Marzahn aufmachen wollte. Außerdem bläute man uns dort ein, dass es nicht nur wichtig war, ein Schaufenster zu besitzen, sondern dass das Schauobjekt im Schaufenster und das, was man in seinem Laden verkaufen wollte, einen erkennbaren Bezug zueinander haben sollten. Das galt natürlich nicht für Neukölln! In ein Geschäft mit einem Schaufenster, was zu normal aussah, ging dort niemand rein. Einem Döner ohne Terrarium mit halb verwester toter Vogelspinne im Schaufenster, blieben dort glatt die Kunden weg. Es waren vorwiegend Leute aus dem Kiez, die hier vorbeikamen – meistens in ihren Hauslatschen oder im Bademantel. Wenn man in der Sonnenallee wohnte, da gehörte ja die Straße im Grunde noch zur eigenen Wohnung. Da musste man sich nicht extra schick machen. Und es störte auch niemanden. Es gab hier sowieso nur zwei Sorten von Menschen: Hipster oder Freaks, wobei man nie genau wusste, wer welchem Lager angehörte.

Ich kriegte den Job. Doch mein erster Kunde war zugleich auch mein letzter. Optisch anzusiedeln zwischen dem Dude aus The big Lebowsky und Donald Trump.
„Hallo. Ich hätte gerne einen Adapter, mit dem ich meinen USB-Schtick aufladen kann.“ Er sagte wirklich „Schtick“!
„Ein USB-Stick muss nicht aufgeladen werden“, erwiderte ich hübsch lächelnd. Das tat ich schon ganze fünf Sekunden lang und jetzt taten mir schon die Gesichtsmuskeln weh. Wie wollte ich das den ganzen Tag durchstehen?
„Meiner schon. Ich will ja damit Musik hören.“
„Sie können mit einem USB-Stick keine Musik hören. Sie meinen wahrscheinlich einen MP3-Player.“
„Nein, einen USB-Stick.“
„MP3-Player?“
„USB-Stick.“
„Ok, wenn Sie alles besser wissen. Warum stecken Sie Ihren USB-Stick dann nicht einfach an die USB-Buchse in ihrem Computer an, so können Sie ihn aufladen, wenn Sie glauben, dass er aufgeladen werden muss.“
„Mein Computer hat keine USB-Buchse. Der hat gar nichts. Der läuft mit Solar.“
„Solar? Sie meinen einen Taschenrechner?“
„Computer!“
„Taschenrechner?“
„Meine Oma hat gesagt, ich brauche einen Adapter, um meinen USB-Schtick aufzuladen, bevor ich via Bluetut Musik auf meinen Computer abspielen kann.“
„Bluetut? Wenn Sie meinen, dass Ihre Oma kompetenter ist als ich – ein Verkäufer einer Elektroboutique …“
„Meine Oma hat immerhin den Krieg mitgemacht.“
„Schön für Sie. Aber als Ihre Oma für den Führer ganz vorn an der Front stand, gab es noch keine USB-Sticks und auch kein Bluetooth.“
„Meine Oma war nicht an der Front. Es sei denn, Sie meinen die Küchen-Front.“
„Ist doch Wurscht. Wollen Sie nun irgendwas oder wollen Sie nichts?“ Mein Gesicht fühlte sich schon ganz verkrampft an, weil ich immer noch lächelte.
„Wie ich schon sagte. Ich brauche einen Adapter, um meinen USB-Schtick aufzuladen.“
„Ich würde sagen: Dann nehmen Sie einfach diesen hier, damit kann man einen MP3-Player aufladen.“ Ich gab ihm einen Adapter, den ein Kunde zurückgebracht hatte, weil er defekt war.
„Passt der auch für USB-Schticks?“
„Naja. Zumindest passiert nichts, wenn Sie ihn anstecken. Er ist defekt. Den schenke ich Ihnen.“
„Aber wird mein USB-Schtick dann auch richtig aufgeladen?“
„Da wird gar nichts aufgeladen, es sei denn Sie stecken sich den Adapter in den Arsch.“
„Na, der ist bei mir schon besetzt … Kennen Sie zufällig ein Geschäft in der Nähe, wo es Adapter zum Aufladen von USB-Schticks gibt?“
„Warum fragen Sie nicht einfach mal nebenan beim Herrenfriseur?“, sagte ich.
„Und die haben solche speziellen Adapter also?“
„Also eher noch als wir.“

Kurz darauf wurde ich von meinem Vorgesetzten gefeuert. Ich hätte dem Mann auf jeden Fall etwas verkaufen müssen. Wenigstens einen MP3-Player. Der hätte alles gekauft. Sogar einen Fernseher. Der war doch vollkommen bekloppt. Da muss man halt mal ein bisschen kreativ sein.“
„Aber ich dachte doch …“, sagte ich.
„Fürs Denken werden Sie hier nicht bezahlt. Ein Verkäufer denkt doch nicht. Ein Verkäufer handelt instinktiv, wie ein wildes Tier. Sein einziges Ziel ist der Verkauf. Wenn ich einen Denker brauche, stelle ich einen Denker ein.“
„Sie brauchen nicht zufällig einen Denker?“
„Warum fragen Sie nicht einfach mal nebenan beim Herrenfriseur, ob die einen Denker brauchen können. Denken ist sowieso ein Irrweg der Evolution – gerade in Berlin. Wer hier zu viel denkt, dem platzt der Kopf. Das müssten Sie doch wissen. Außerdem: Warum grinsen Sie eigentlich die ganze Zeit so blöd?“
„Oh, Entschuldigung.“ Ich knetete meine Gesichtsmuskeln mit den Fingern wieder zurück in Form. „Lächeln bin ich nicht so gewohnt.“
„Ist vielleicht auch besser so. Sie sehen damit aus wie Freddy Krüger. Nicht unbedingt verkaufsfördernd!“
Ich war etwas deprimiert und zeigte es auch.
„Ach, Kopf hoch, Kleiner. Wie wäre es mit ein bisschen Musik auf die Ohren. Z.B. aus einem MP3-Player? Dann klappt‘s auch mit dem nächsten Job.“
Er hatte mich überzeugt und ich kaufte tatsächlich einen MP3-Player, obwohl ich schon einen besaß. Aber ich dachte: Gut, kann ja nicht schaden, vielleicht für die Arbeit und so.

Als ich dann nebenan beim Herrenfriseur wegen eines Jobs vorsprach, saß der Mann mit dem USB-Stick auf dem Frisierstuhl. Ich fragte ihn, ob er seinen Adapter schon bekommen habe. „Noch nicht. Der Friseur hat gesagt, ich soll mir erstmal den Bart machen lassen, sonst funktioniert so ein USB-Schtick nämlich nicht. Das haben Sie mir nicht gesagt!“
„Aber Sie haben doch gar keinen Bart?“, sagte ich.
„Deswegen bin ich ja hier. Ich will mir einen machen lassen.“
Ich fragte den Friseur nach einem Job und der sagte: „Du willst nen Job, Alter? Erstmal brauchst du einen vernünftigen Haarschnitt.“ Er setzte mich auf einen Stuhl und schnitt mir sofort hier und da etwas weg bis ich aussah wie eine Vogelscheuche. Als ich bezahlt hatte und ihn noch einmal auf meinen Job ansprach, sagte er mir, dass für Vogelscheuchen wie mich derzeit keine Stelle frei sei.
Am nächsten Tag meldete ich mich beim Arbeitsamt. Auf dem freien Arbeitsmarkt war ich ja scheinbar nicht vermittelbar. Aber leider hatten die dort auch keinen Job für mich, jedenfalls keinen, der Spaß macht.

(Erstmals vorgetragen zur Lesebühne Sax Royal am 17.11.16)

Einmal nicht

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Ich spürte noch immer leichte Schmerzen auf meinem Rücken, von den Kratzern, die mir ein polnisches Mädchen bei einem nächtlichen Schäferstündchen zugefügt hatte. Zum Glück hatte ich dieses Kapitel meines Lebens weit hinter mir gelassen. Es war jetzt ganze fünf Tage her und die Kratzer waren infolge des Inhalierens von Substanzen der verbotenen dritten Art längst ins neblige Reich der Ideen eingegangen. Ich befand mich jetzt auf einer Reise ins Grüne. Ein Bekannter hatte mir seinen zu einem Wohnmobil umgebauten Speiseeiswagen geborgt und ich war aufs Geratewohl losgefahren. Irgendwohin. Meine erste Nacht verbrachte ich auf einer vermüllten Raststätte. Meine zweite an einem See, dessen Wasser kälter als die Barentssee war. Und dann kam ich in ein kleines Mittelgebirge, das in ein größeres Mittelgebirge überging und in ein nettes kleines Dorf, wo ich eine Weile bleiben wollte, um meinem nunmehr vierten unvollendeten Roman ein weiteres unvollendetes Kapitel hinzuzufügen. Die Einwohner sprachen hier einen rassigen Dorfdialekt, der ein Indikator für die Konzentration von Testosteron im Blut sein musste. Denn je machohafter die Kerle daherkamen, desto ausgeprägter war ihr Dialekt.

Ich hielt an einem Kiosk, vor dem zwei solcher Kerle mit Elvisfrisuren und üppig tätowierten Oberarmen ratlos auf einen Opel Ascona starrten. Sie hatten sich irgendwie in den Haaren. „Mann, wie kann man nur so blöd sein. Den Kofferraum zuklappen und den Schlüssel drin liegen lassen. Ich meine, das geht doch gar nicht. Wenn man bei Klopstock das p weglässt, bleibt wenigstens noch Klostock. Aber wenn man bei dir das L weglässt, da bleibt ja gar nichts mehr.“
„Ars?“, fragte der andere. Ich vermutete, dass er Lars hieß. „Ars? Was soll’n das sein?“
„Das ist ne Abkürzung für Abend-Real-Schule, du Honk!“
Ich half ihnen den Kofferraum zu öffnen. Denn wegen eines Verwandten in meiner Familie hatte ich verbrecherisches Talent. Und wenn ich nicht das geworden wäre, was ich jetzt bin, ein schreibender Vagabund, wäre ich vielleicht Autoknacker oder sowas geworden. Mir hätte wirklich eine glanzvolle Kariere bevorgestanden.
Zum Dank luden mich die beiden auf eines der raren Dorfevents ein – eine Party, die am Abend in einer Scheune am Ortsrand steigen sollte.
Als ich dort ankam, dachte ich, ich sei zu früh dran. Kaum Leute da. Aber später sollte sich herausstellen, dass die Party bereits auf ihrem Höhepunkt angelangt war. Eine Kapelle spielte irgendwas aus den 70ern und die Elvisse von heut Nachmittag tanzten psychodelisch meditativ mit ihren eigenen Schatten. Später stellten sie mich ihren Dorf-Freunden vor.
„Hallo, ich bin der Martin“, sagte einer von ihnen zu mir. Ich nickte und wir schüttelten unsere Hände.
„Und wer bist du?“, fragte ich einen anderen.
„Ich bin auch der Martin.“
„Ach, es gibt also zwei von euch?“, fragte ich.
„Nee, es gibt noch viel mehr. Hier heißen alle Martin. Mein Vater heißt Martin und mein Kumpel, der Martin z.B., der heißt auch Martin. Und der Zwillingsbruder von ihm, was mein Onkel ist, der heißt auch so.“
„Zwillinge, die beide Martin heißen? Wie kann man die denn auseinanderhalten?“, fragte ich.
„Eigentlich nur am Tonfall. Der eine wird Martin gerufen und der andere Martin.“
„Das klingt für mich beides gleich.“
„Naja. Das sind so ganz feine Nuancen … Und du? Wie heißt‘n du eigentlich? Zufällig auch Martin?“, werde ich gefragt.
„Nee.“ Es war mir fast schon ein bisschen peinlich nicht Martin zu heißen. „Ich heiß Roman.“
„Roman? Du heißt echt Roman?“
„Ja, wieso?“
„Bist du etwa sowas wie ein Ausländer oder was?“
Ich hoffte, dass sie mich nicht noch nach meinem Nachnamen fragen würden und hatte Glück. „Nee, das ist doch ein ganz normaler Name“, sagte ich. „Sowas wie Thomas z.B.“
Einer der Elvisse flüsterte: „Lass das bloß nicht die anderen hören, wie du heißt. Ein Kumpel vom Martin hier, der Martin, der hat schon mal ein Mädchen verprügelt, das viel weniger exotisch klang als dein Name.“
„So, wie hieß denn die?“
„Martini. Nee, nee war nur’n Spaß.“

Ich ging an die Bar, um mir was zu trinken holen. Die beiden Elvisse waren erstmal weg. Ich setzte mich auf einen Barhocker, der ein Pferdesattel war.
„Und du bist also Germanist?“, fragte mich ein älterer Typ mit Filzhut, der mit der einen Hand einen Bierhumpen und mit der anderen ein Schnapsglas umklammert hielt.
„Ich hab‘s mal studiert“, sagte ich. „Aber wieso eigentlich? Sehe ich so aus?“ Ich fragte mich ernsthaft, ob ich wirklich etwas Germanistisches an mir hatte. Vielleicht einen speziellen Blick oder einen Haarschnitt.
„Ich hab‘s gerochen, bin nämlich auch‘n Akademiker, bin Donaldist.“
„Was ist denn ein Donaldist?“, fragte ich.
„Was, das weißt du nicht. Dachte, du bist Akademiker. Die Donaldistik ist die Wissenschaft von Donald Duck.“
„Ich wusste gar nicht, dass es dafür eine Wissenschaft gibt.“
„Gibt‘s. Sonst wäre ich nicht Professor geworden. Ich begleite sogar eine der sehr begehrten C2 Professuren.“
Er lachte und fiel vom Sattel. Ich versuchte ihm aufzuhelfen. Ein paar Männer kamen mir zu Hilfe und brachten ihn nach draußen, wo sie ihn auf einen Heuballen legten. Erst jetzt fiel mir auf, dass es hier auf dieser Party überhaupt keine Frauen gab. Nirgends war eine zu sehen. Nicht eine einzige war an diesem Abend aufgetaucht und ich begann mich zu fragen, warum das so war. Vermutlich weil sie alle geflohen und in die nahegelegenen Städte ausgewandert waren. Und vielleicht weil diese Männer hier alle Freaks waren. Freakige Freaks und ich selbst war unter ihnen in guter Gesellschaft.

Elvis Nummer zwei, der der Lars hieß und den Schlüssel im Kofferraum vergessen hatte, war zurück. Er fragte: „Na, hat Martin mal wieder eins zu viel übern Durst gesoffen?“ Er meinte den Donaldisten. Ich bejahte es. Wir gingen zur Bar und er lud mich ein. „Also mal ne Frage, wenn du studiert hast, müsstest du das eigentlich wissen. Hamster, also so Stubenhamster, die werden doch eigentlich nur 2 Jahre alt, oder?“
„Kann schon sein. Aber ich habe Germanistik und nicht Zoologie studiert“, entgegnete ich.
„Egal. Ist doch alles dasselbe. Mein Hamster ist jetzt schon 20 Jahre alt. Und jetzt frage ich mich, wie kann das sein?“
„Vielleicht wusste er nicht, wie alt Hamster werden können und hat das Sterben einfach vergessen.“
„Das wäre sowas wie ne Möglichkeit. Sich seines eignen Endes nicht bewusst zu sein und es einfach vergessen. Das ist ja genial. Sollte ich mir merken.“ Lars sah verträumt nach draußen, wo eben ein Lagerfeuer angezündet wurde. „Ich sterbe nämlich auch bald.“
„Oh“, sagte ich unangenehm berührt, und verlagerte das Gewicht meiner Füße nervös hin und her. „Das tut mir echt leid für dich.“
„Ey“, der andere Elvis, Elvis Nummer 1, hatte sich jetzt wieder zu uns gesellt und zog mich auf die Seite: „Was hastn du mit Lars gemacht? Der sieht irgendwie fertig aus.“
„Nichts“, erwiderte ich. „Ich hab ihm gesagt, dass sein Hamster das Sterben verschlafen hat.“
„Hat Lars wieder erzählt, dass er bald stirbt? Ach, Lars. Seit wie vielen Jahren stirbst du jetzt schon? Dreizehn, vierzehn Jahre?“
„Was hat er denn?“, flüsterte ich.
„Ach, gar nichts. Er schläft schlecht, weil er denkt, dass er bald stirbt.“
„War er mal beim Arzt?“
„Das ist ja das Problem. Der würde ihm ja sagen, dass alles in Ordnung ist. Aber er geht nicht hin. Er hat Angst, dass ihm der Arzt sagt, dass er bald stirbt.“

Wir gingen raus ans Feuer. Einer schrammelte auf seiner E-Gitarre. Weil ihm nichts Besseres einfiel (oder vielleicht war es auch Absicht), sang er Kinderlieder, die er mit gutturaler Stimme mehr gurgelte als sang und mit einem Soundteppich aus Death Metal unterlegte. Es war irgendwie auch schön. Ich sah in die Nacht, wo hoch oben die Milchstraße ihr nebliges Band über uns ausgebreitet hatte. Alles war gut. Nur die Mädchen fehlten, obwohl heute fehlten sie ausnahmsweise einmal nicht. Sich seiner eignen Bedürfnisse nicht bewusst zu sein und sie einfach vergessen. An diesem Abend ist das möglich, dachte ich und ich war sehr zufrieden. Und ein Ende war nicht in Sicht.

trashtag Neukölln

img_20160830_194054-2der Himmel ist dunkel vor
Fliegen man hört das Donnern von
S-Bahn-Zügen Herr Sommer liegt
in den letzten Zügen sitzt
auf dem Balkon und baut
sich noch was

Ecke #Sonnenallee they call
it heute Flachbau-Moschee
warten etliche Bärte
bis man ihnen aufmacht

und kleine Bärte
aus Schoki harren
geduldig vor der Vokü
gegenüber die niemand so nennt
denn das ist Hipster-Scheiß

das Leben geht so seinen Gang
eine Flasche Craftbeer fällt
ins Souterrain von oben
springt ein Anorak –
ein Hipster – und schreit:
„Hipster-Pack“
während er armrudernd
Land gewinnt

„Is‘er tot, wa? Wollte stressen?“
die Gaffer sind zu spärlich
bemessen einer hat sogar vergessen
die Polizei zu holen
da liegt er nun war einer
aus Polen oder sonstwo

drüben

der Himmel bewölkt sich
ist dunkel vor Fliegen man hört
das Donnern von S-Bahn-Zügen
Herr Sommer liegt in den letzten
Zügen und will sich noch was
zum Saufen besorgen

was war eigentlich gestern
was heute was morgen?

jedenfalls schreibt er
folgende semidramatische
Txt.-Nachricht an seine
Aysche, Frau Herbst:
_ _ _
bin isch weg
nochmal in Moschee;)
vor unser Haus liegt
Scherbe und totes Reh

MFG, wann kommst du
honey Dein – Fick disch ins Knie – wie Omma
Mr. Sommer